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Unfallanalyse: Flammen aus dem Auspuffrohr

Brennende An-2 Unfallanalyse: Flammen aus dem Auspuffrohr

Aus dem Triebwerk einer Antonow An-2 schießt beim Anlassen eine Stichflamme. Der Feuerschweif aus dem Abgassammler erfasst eine Tragfläche des Doppeldeckers. Pilot und Passagiere sind in großer Gefahr.

Oldtimermotoren können sehr launisch sein. Entweder wollen sie nicht anspringen, spucken Öl oder machen derart merkwürdige Geräusche, dass dem Piloten angst und bange wird. Manchmal speien sie sogar Feuer. Letzteres passiert bei manchen alten Motoren durchaus häufiger. Zu denen gehört der 1000 PS starke Schwezow ASch-62. Der Neunzylinder-Sternmotor ist unter anderem in den meisten Doppeldeckern des Typs Antonow An-2 verbaut.

Routine in Gera

Ein Flugzeug dieser Bauart steht am 19. August 2018 auf dem Vorfeld des Verkehrslandeplatzes Gera-Leumnitz. Der Pilot kennt den Oldtimer gut und gilt mit insgesamt 1489 Stunden sowie 3667 Starts und Landungen, die in seinem Flugbuch stehen, als sehr erfahren. An diesem Hochsommertag mit einer Temperatur von etwa 30 Grad Celsius ist der 55-Jährige bereits fünf Mal gestartet, um Fallschirmspringer abzusetzen. Am späten Nachmittag steht die Antonow wieder startbereit auf dem Vorfeld des Verkehrslandeplatzes.

Schwezow-Sternmotor

Die Prozedur für das Anlassen des Schwezow-Sternmotors ist im Betriebshandbuch der An-2 ausführlich beschrieben. Wer es gewohnt ist, beim Start seines Triebwerks einfach die Zündung auf "On" zu stellen und den Schlüssel einmal umzudrehen, der wird bei der Antonow vermutlich überrascht sein, wie kompliziert dieser Vorgang sein kann.

Start nach Handbuch

Gegen 17:45 Uhr startet der Pilot das Triebwerk der An-2 wie im Handbuch angegeben: "Den Sicherheitsautomaten ‚Anlassen‘ einschalten und den Hebel mit der Aufschrift ‚Anlassen‘ herausziehen (im Sommer 8 bis 12 Sekunden). Während dieser Zeit ist das Geräusch der sich beschleunigenden Schwungmasse zu vernehmen. Danach ist der Hebel wegzudrücken. Dabei rastet die Klauenkupplung des elektrischen Anlassers in die Aufnahmen an der Triebwerkswelle ein, die Triebwerkswelle beginnt sich zu drehen. (...) Nach ein bis zwei Umdrehungen der Luftschraube ist die Zündung einzuschalten (der Hebel für das Umschalten der Zündung der Zündmagnete ist auf die Stellung 1 und 2 einzustellen)."

Rückschläge in den Vergaser

Doch das ist erst der Anfang. Weiter heißt es im Betriebshandbuch: "Nach den ersten Einspritzvorgängen ist der Kraftstoffdruck im Vergaser mit der Handpumpe auf 0,25 bis 0,35 kp/cm2 zu halten, wenn das Triebwerk bis zu dieser Zeit nicht gleichmäßig arbeitet. (...) Erfolgen Rückschläge in den Vergaser, dann ist weiter mit der Einspritzpumpe zu arbeiten; dadurch wird dem Triebwerk ausreichendes, reiches Gemisch zugeführt." Wie vorgeschrieben, beobachtet ein Helfer das Anlassen von außen. Er steht hinter den linken Tragflächen des Doppeldeckers. Das Auspuffrohr des Sternmotors kann er von dort aber nicht einsehen.

Kampfflugzeuge

Schnell brennt die ganze Tragfläche

Während der Pilot den komplizierten Anlassvorgang abarbeitet, schießen plötzlich Flammen aus dem Auspuffrohr, das auf der rechten Seite unterhalb des Cockpits in Richtung der unteren Tragfläche verläuft. Die Bespannung fängt sofort Feuer, innerhalb weniger Augenblicke steht der ganze rechte untere Flügel in Flammen. Der Helfer sieht die Flammen zunächst nicht. Als der Pilot das Feuer bemerkt, fordert er die acht Fallschirmspringer in der Kabine auf, das Flugzeug sofort zu verlassen. Dann schließt er den Brandhahn, schaltet die Zündung aus und verlässt die brennende Maschine ebenfalls. Das Feuer greift kurz darauf auf die obere Tragfläche über. Dort hat die Antonow drei ihrer sechs Kraftstofftanks mit insgesamt 1200 Litern Fassungsvermögen. Die Flächentanks drohen jetzt zu explodieren.

Fünf Handfeuerlöscher

Geistesgegenwärtig eilen erste Helfer vom Flugplatz mit fünf Handfeuerlöschern zu der brennenden Antonow. Sie schaffen es, den Brand innerhalb von nur 90 Sekunden zu löschen. Dann trifft auch das Löschfahrzeug des Flugplatzes an der Unfallstelle ein, neun Minuten später sind ebenso drei Fahrzeuge der Berufsfeuerwehr vor Ort. Sie kommen jedoch nicht mehr zum Einsatz. Durch ihr beherztes Eingreifen haben die herbeigeeilten Helfer mit ihren Handfeuerlöschern einen größeren Schaden verhindert. Die oberen Flächentanks haben der Hitze zudem lange genug standgehalten. Die Bespannung der beiden rechten Tragflächen wurde dagegen vollständig zerstört.

Bericht der BFU

Im summarischen Bericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) nennen die Ermittler als Brandursache ausgeflossenen Kraftstoff im Abgassammler, der sich in einer Stichflamme entzündete und die Tragfläche in Brand setzte. Um einen Brand zu verhindern, sollte sich die Hilfsperson so positionieren, dass sie den Auspuff des Triebwerks gut im Blick hat, so die BFU. Im Notfall kann der Helfer ein Feuer sofort löschen und verhindern, dass sich die Flammen weiter ausbreiten.