Nach Notlandung im Naturpark
V-22 Osprey kriecht im Schneckentempo übern Holzweg

Eine V-22 Osprey der US Air Force musste Mitte August auf einer norwegischen Insel notlanden – mitten im Naturschutzgebiet. Die Bergung war komplex, doch die Norweger erfinderisch. Sie zogen die Osprey über Holzbohlen ans Wasser. Dann mussten sie warten.

V-22 Osprey kriecht im Schneckentempo übern Holzweg
Foto: Forsvaret (Norwegische Armee)

Der große Aufwand wurde belohnt: Die V-22 Osprey, die am 12. August nach einer Havarie auf der norwegischen Insel Senja mitten im Naturpark notgelandet war, ist wieder "frei". Am Dienstag wurde das Kipprotorflugzeug an der Südküste der Insel per Kran auf einen bereitstehenden Lastkahn gehoben, mit dessen Hilfe es den Festlandhafen Sørreisa erreichte. Von dort aus soll die Osprey auf nun dem Landweg zum nahegelegenen Fliegerhorst Bardufoss gelangen, wo Spezialisten der US-Luftwaffe ihn in Augenschein nehmen und instandsetzen sollen.

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Forsvaret (Norwegische Armee)
Mitten im Naturschutzgebiet saß die Osprey wochenlang fest und wartete auf ihre Bergung.

Gestrandet in Stongodden

Den an der Bergung des Flugzeugs beteiligten Soldaten dürfte angesichts dieses finalen Kapitels der Rettungsaktion ein großer Stein vom Herzen gefallen sein – hatten sie in den Wochen davor doch einen immensen Aufwand betreiben müssen, um den Abtransport der V-22 von der Insel überhaupt möglich zu machen.

Denn als die Crew der V-22 mit der Hecknummer 10-0053 sich aufgrund technischer Probleme zur Notlandung entschied, befand sie sich mitten über dem Naturschutzgebiet Stongodden. Dessen empfindliche Landschaft machte die anschließende Bergung zur waschechten Knobelaufgabe. Eine Reparatur vor Ort kam nicht infrage, auch eine Demontage schied aus – und so musste ein Plan her, um das havarierte Fluggerät möglichst sicher und ohne bleibende Schäden für das Ökosystem an die Küste zu bugsieren.

Forsvaret (Norwegische Armee)
Auf einem provisorisch errichteten Holzpfad wurde die V-22 17 Meter weit ans Wasser bugsiert.

Eine "Straße" für die Osprey

Die Rettung brachten Pioniere der norwegischen Armee: Sie karrten Kiessäcke, Latten und Holzbohlen auf die Insel, mit denen sie der Osprey eine "Straße" bis ans Wasser bauten. Auf diesem provisorischen Pfad, 17 Meter lang, zogen die Soldaten den flügellahmen Fischadler Meter für Meter im Schneckentempo über den sensiblen Untergrund. So blieb das Gewicht der V-22 gleichmäßig verteilt, die Belastung für den empfindlichen Untergrund minimal.

Forsvaret (Norwegische Armee)
Ein Lastkahn nahm den havarierten Fischadler schließlich auf und transportierte ihn ans Festland.

Geduldsspiel mit dem Wetter

Vollzogen war die Rettung der Osprey mit Erreichen der Küste jedoch nicht. Erst musste sie noch irgendwie auf ein Transportschiff kommen. Da der Küstenbereich vor der Insel Senja sehr flach ist, brauchte es einen 70 Meter langen Kran, der das Flugzeug vom Wasser aus auf einen Lastkahn hob. Dass bis zu diesem finalen Akt eine weitere Woche ins Land strich, hatte laut Angaben der norwegischen Armee mit schlechtem Wetter im Westen Norwegens zu tun, das das Schiff mit dem Kran an Bord am Auslaufen hinderte. Seegang vor Senja verzögerte schließlich den Abtransport der Osprey um einen weiteren Tag. Dann aber gelang der Abschied von der Insel. Nach insgesamt 47 Tagen.

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