Top Gun Macron: Eine Pilotenbrille geht viral

Top Gun Macron
Eine Pilotenbrille geht viral

ArtikeldatumVeröffentlicht am 22.01.2026
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Macron at World Economic Forum Annual Meeting 2026 - Davos
Foto: abaca

Lederjacke, Fliegeruhr, Pilotenbrille: Es sind diese drei Accessoires, die Außenstehende mit einem echten Aviateur verbinden. Und damit liegen sie zumeist richtig, denn was Piloten einst brauchten, als das Fliegen noch Handarbeit und der Mann bzw. die Frau am Steuerknüppel den Elementen ausgesetzt war, wird heute noch gern als Zeichen der Zugehörigkeit zur Pilotenschaft genutzt, einer verglichen mit der Gesamtbevölkerung doch sehr kleinen Elite derer, die den Boden verlassen.

Zugegeben: Lederjacke und Fliegeruhr sind heute einfach nicht mehr notwendig. Ihre Funktion beschränkt sich auf die des schicken Kleidungsstücks bzw. des nützlichen Helfers, der zudem noch schick aussieht und einfach praktisch ist, weil er direkt die Zeit anzeigt, ohne dass man sich durch irgendwelche Menüs klicken muss. Die Sonnenbrille aber, die ist noch heute ein must have, denn die Gefahr von Blendungen und Schädigungen des Auges durch direkte Sonneneinstrahlung ist auch im Digitalzeitalter dieselbe wie zu Zeiten der Flugpioniere.

Blue Angels / US Navy

Ikonen der Luftfahrt mit zwei Bügeln

Einige Muster an Sonnenbrillen sind zu Ikonen der Luftfahrt geworden. Ganz vorne steht dabei die Ray Ban Aviator, deren Entwicklung seinerzeit schlicht eine Notwendigkeit war. Angesichts rasant steigender Gipfelhöhen klagten bereits in den 1920er Jahren viele amerikanische Militärpiloten über Blendungen, Kopfschmerzen und Übelkeit aufgrund intensiver Sonneneinstrahlung. Lieutenant General John Macready war es, der 1929 die Firma Bausch & Lomb aus Rochester, New York, mit der Entwicklung einer Fliegerbrille beauftragte, nachdem mehrere seiner Testpiloten mit Augenverletzungen von Höhenrekordflügen zurückgekehrt waren.

Der Hersteller von medizinisch-optischen Geräten brauchte bis 1936, um einen Prototyp mit der Bezeichnung "Anti-Glare" zu präsentieren. Dieser hatte noch einen Rahmen aus Kunststoff, wurde aber 1937 überarbeitet und bekam ein Metallgestell. Damit war die Ray-Ban Aviator geboren. Als Marke von Bausch & Lomb etablierte sich das Modell, das intern als RB 3025 bezeichnet wird, schnell und wurde von vielen Militärpiloten während ihrer Einsätze im Zweiten Weltkrieg genutzt.

Vom Cockpithelfer zur Mode-Ikone

Als Marlon Brando die Aviator 1953 im Film "The Wild One" trug, befeuerte das ihren Takeoff als Stilikone, dem Tom Cruise in "TOP GUN" 1986 den Nachbrenner zuschaltete. So wurde die Aviator zu dem zeitlosen Modeaccessoire, das sie bis heute ist. Übrigens: Der  Name Ray-Ban ergibt sich aus Ray für Strahlung und Ban für Schutz. Entsprechend simpel lautete ein früher Werbespruch der Marke: "Ray-Ban bans ray".

Paramount Pictures

Auch die Aviator von Randolph Engineering hat sich ihren Platz in der Luftfahrtszene erarbeitet. Etwas weniger oval als das "Original" und damit perfekt für jene, die sich bezüglich ihrer Sonnenbrille von den Ray-Ban-Trägern abheben wollten, verfolgte auch sie – wie übrigens alle guten Sonnenbrillen jenseits von Supermarktkassen und Werbegeschenken – das Ziel, möglichst viel Licht und gefährliche UV-Strahlung von den Augen fernzuhalten und dabei dennoch ein möglichst farbechtes Sehen zu ermöglichen.

Nix USA, alles Français

Aber zurück zum Weltwirtschaftsforum und Macrons Brille. Tatsächlich könnte man beim flüchtigen Blick auf die Bilder vom Auftritt des Präsidenten vermuten, dass auch er zu den Fans der Ray Ban Aviator gehört. Ovale Gläser, Metallgestell mit schlanken Bügeln und doppeltem Nasensteg – so kennt man sie. Allerdings ist das weit gefehlt, denn zahlreichen Medienberichten zufolge handelt es sich um eine Pacific S01 Doublé or der kleinen französischen Manufaktur Henry Jullien im westfranzösischen Department Jura (im Übrigen auch die Heimat von La vache qui rit, dem Käse mit der lachenden Kuh im Logo). Ihr Preis: mit knapp 700 Euro überaus ambitioniert. Ihr Geheimnis: Eine aufwendig aufgebrachte Goldbeschichtung, die dafür sorgt, dass bei Kontakt mit dem Gestell keinerlei Allergien auftreten.

Für den kleinen französischen Hersteller ist der Hype um die Brille Fluch und Segen zugleich, denn die Nachfrage schoss derart nach Oben, dass sein Online-Shop zwischenzeitlich unter der Vielzahl der Aufrufe zusammenbrach.

Bug der McDonnell Douglas DC-10-30 ER, HB-IHL "Ticino" mit überdimensionierter Sonnenbrille auf dem Eröffnungsflug in Los Angeles
Patrick Hoeveler

Politik hinter dunklen Gläsern

Harald Neuber, Nachrichtenchef der Berliner Zeitung, sinnierte in beinahe philosophischer Manier über den Brillen-Vorfall:

"Im März 2003, als Frankreich sich weigerte, den Irakkrieg zu unterstützen, benannten amerikanische Politiker "French Fries" in "Freedom Fries" um. Ein lächerlicher Akt symbolischer Rache, der heute als Fußnote nationalistischer Peinlichkeit gilt. Jetzt trägt der französische Präsident eine Brille, die amerikanisch aussieht, aber französisch ist. Und der amerikanische Präsident macht sich darüber lustig – ohne zu wissen, dass er damit unfreiwillig die perfekte Metapher für den transatlantischen Zustand liefert: Amerika sieht nur die Oberfläche. Frankreich steht auf der Substanz. Oder, weniger poetisch: Beide reden aneinander vorbei.

Am Ende seiner lesenswerten Betrachtung schließt er:

"Emmanuel Macrons Henry Jullien kostet 700 Euro und wird in Handarbeit gefertigt. Sie schützt ein verletztes Auge und projiziert gleichzeitig Stärke. Sie sieht amerikanisch aus, ist aber französisch. Sie wurde zum Meme, bevor sie zur Nachricht wurde. Donald Trump sah sie und machte einen Witz. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen den beiden: Der eine trägt seine Verletzlichkeit hinter Glas. Der andere macht sie zur Pointe. Wer dabei besser wegkommt? Das hängt davon ab, ob Sie lieber Substanz oder Show mögen. Aber eines ist sicher: In Davos 2026 gewann die Show"

Damit lüftet Neuber auch den ganz banalen Hintergrund von Macrons Brillen-Auftritt: ein geplatztes Äderchen, das sein Auge rot färbte. Kunstflieger kennen das. Sieht nicht schön aus, kommt aber vor.