"3, 2, 1, und Lift-off! Start der 25. Space-Shuttle-Mission, es hat gerade den Startturm freigemacht", sagt der NASA-Kommentator. Es scheint ein weiterer erfolgreicher Start des noch jungen Shuttle-Programms zu sein. Erst knapp fünf Jahre zuvor ist der Jungfernflug des ersten Orbiters Columbia erfolgt, und mit einer fast beängstigenden Routine hat die NASA eine bis dahin ungekannte Startfrequenz erreicht: neun Starts im Jahr 1985, mindestens 15 sind für 1986 geplant. Die Mission STS-51L mit der Challenger ist der zweite Flug des Jahres. Doch die Pläne der amerikanischen Raumfahrtbehörde sind noch viel ehrgeiziger. Ab 1988 soll die Shuttle-Flotte 24 Mal abheben – jedes Jahr.
Der riesige, orangefarbene Außentank, die beiden Feststoffbooster und der Orbiter Challenger steigen unaufhaltsam in die Höhe und hinterlassen einen grellen Feuerschweif, gefolgt von dickem, wolkigem Dampf am Himmel. Hunderte Menschen, darunter Familien und Freunde der Astronauten, verfolgen den Start von STS-51L vom Kennedy Space Center in Cape Canaveral aus. Millionen sitzen gebannt zu Hause vor dem Fernseher, darunter viele Schulkinder. Denn mit Christa McAuliffe soll erstmals öffentlichkeitswirksam eine Lehrerin in den Weltraum fliegen.
"Offensichtlich eine schwerwiegende Fehlfunktion"
73 Sekunden nach dem Start, auf rund 14 Kilometern Höhe, geht alles ganz schnell. Ein Feuerball hüllt das Shuttle ein. Aus der kugelförmigen, bräunlichen Rauchwolke stürzen Trümmerteile zu Boden. Wie Geister tauchen die Booster auf. Sie fliegen in unterschiedliche Richtungen weiter. Der NASA-Kommentator sagt noch immer Geschwindigkeit, Höhe und Entfernung der Challenger vom Startplatz durch. 37 Sekunden nach der Explosion kommt manuell vom Boden der Befehl zur Selbstzerstörung der Booster – zehn Sekunden, bevor sie sowieso ausgebrannt wären. "Offensichtlich eine schwerwiegende Fehlfunktion", sagt der NASA-Kommentator emotionslos.
Die stabil gebaute Crew-Kabine des Orbiters wird noch auf rund 20 Kilometer Höhe geschleudert, bevor sie 2 Minuten und 45 Sekunden nach dem Auseinanderbrechen der Raumfähre mit rund 330 km/h in den Atlantik stürzt. Alle sieben Astronauten – Francis Scobee, Michael Smith, Ellison Onizuka, Judith Resnik, Ronald McNair, Gregory Jarvis und Christa McAuliffe – kommen bei dem Unglück ums Leben. Es dauert fast zwei Monate, bis Taucher der US Air Force die Überreste der Crew-Kabine und ihrer Insassen 27 Kilometer vor der Küste in knapp 30 Metern Tiefe finden.
Die genaue Todesursache kann in einer anschließenden Untersuchung nicht ermittelt werden. Womöglich sterben die Astronauten erst beim Aufprall auf das Wasser. "Die Kräfte, denen die Besatzung während des Auseinanderbrechens des Orbiters ausgesetzt war, reichten wahrscheinlich nicht aus, um Tod oder schwere Verletzungen zu verursachen", heißt es im Bericht des Biomediziners und NASA-Astronauten Joseph Kerwin. Das befeuert Kritik an der Konstruktion des Space Shuttles, das kein Rettungssystem besitzt. Ob die Astronauten die letzten Momente bei vollem Bewusstsein erlebten, ist jedoch unklar. Es sei möglich, aber nicht sicher, dass die Besatzung in den Sekunden nach dem Auseinanderbrechen des Orbiters durch den Druckverlust in der Crew-Kabine das Bewusstsein verloren hat.
Was führte zu dem Unglück?
Nach einer ersten Schockstarre wird ein Startverbot für die Shuttles verhängt. Was zu diesem Zeitpunkt keinem klar ist: Es wird mehr als zweieinhalb Jahre dauern, bis wieder ein Space Shuttle fliegen darf. Die Aufarbeitung der Katastrophe beginnt sofort – zunächst bei der NASA und den Zulieferern. Was hat dazu geführt, dass die Challenger zerbrach? Analysen verschiedener Videoaufnahmen legen schnell den Verdacht nahe, dass die Ursache im rechten Feststoffbooster zu suchen ist.
Der damalige US-Präsident Ronald Reagan betraut wenige Tage nach der Katastrophe eine Kommission unter dem Vorsitz des früheren Außenministers und Generalstaatsanwalts William Rogers mit der Ursachenforschung. Zu den Mitgliedern gehören Neil Armstrong, NASA-Astronaut und erster Mensch auf dem Mond, Sally Ride, NASA-Astronautin und erste US-Amerikanerin im All, der Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman, der legendäre Boeing-Konstrukteur Joe Sutter und Chuck Yeager, der als Testpilot mit der Bell X-1 als erster Mensch die Schallmauer durchbrochen hat.
Kautschuk und Kälte
Im Lauf der Untersuchung zeigt sich, dass nicht nur technische, sondern auch organisatorische Faktoren zur Katastrophe geführt haben. Die primäre Ursache waren Dichtungen und niedrige Temperaturen. Ein oder mehrere O-Ringe im unteren Bereich des rechten Feststoffboosters haben versagt. Das führte dazu, dass heiße Gase aus dem Booster ausströmten. Sie fraßen ein Loch in den Außentank und zerstörten die Verbindungsstruktur zwischen Booster und Tank. Der rechte Feststoffmotor löste sich, prallte oben gegen den Außentank und riss ihn auf. Flüssiger Sauerstoff und flüssiger Wasserstoff traten aus und entzündeten sich. Die Challenger selbst ist jedoch nicht explodiert, sie wurde durch die extremen aerodynamischen Kräfte auseinandergerissen.

Die vier Segmente des Feststoffboosters wurden im Kennedy Space Center in Florida zusammengefügt. An den Verbindungen, den sogenannten Field Joints, kamen je zwei O-Ringe als Dichtung zum Einsatz.
Je zwei hitzeresistenten Dichtungen aus Viton (ein Fluorkautschuk) mit einem Querschnitts-Durchmesser von 71 Millimetern kommen an den Verbindungsstellen der vier Segmente des Boosters zum Einsatz. In der Nacht vor dem Start von STS-51L waren für Florida außergewöhnlich niedrigen Temperaturen von bis zu minus 8 Grad Celsius vorhergesagt gewesen. Auch beim Start um 11.38 Uhr Ortszeit – man hatte ihn extra um zwei Stunden verschoben, um Eis auf der Startrampe mehr Zeit zum Abschmelzen zu geben – war es mit plus 2 Grad deutlich kälter als bei früheren Shuttle-Flügen. Das beeinträchtigte die Flexibilität und Dichtungsfähigkeit der O-Ringe. Erschwerend hinzu kamen Konstruktionsmängel, die eine effektive Redundanz der Dichtungen verhinderten.
Probleme mit Dichtungen lange bekannt
Fehlentscheidungen, schlechte Kommunikation, Silodenken und unzuverlässige Prozesse bei der NASA und dem Zulieferer der Booster, Morton Thiokol, begünstigten den fatalen Unfall. Schon bei früheren Starts war es zu Erosion des primären O-Rings und zu einem sogenannten Blowby gekommen, bei dem heiße Abgase und Ruß den ersten O-Ring passierten, zum Beispiel bei den Missionen STS-51C im Januar 1985 und STS-51B im April 1985. Morton Thiokol (heute ein Teil von Northrop Grumman) und der NASA waren die Dichtungsprobleme nicht nur bekannt; das NASA-Management wusste auch, dass es deswegen zu einer Katastrophe kommen könnte. Doch mit jedem erfolgreichen Start wurden die Probleme stärker als akzeptables Risiko hingekommen. In der Soziologie spricht man von einer Normalisierung von Abweichungen. Die Rogers-Kommission bezeichnet das Challenger-Unglück deshalb als "Unfall mit historischen Wurzeln".
Wegen der niedrigen vorhergesagten Temperaturen fand am Tag vor dem Start eine Telefonkonferenz mit Vertretern von NASA und Morton Thiokol statt. Roger Boisjoly, Ingenieur und Dichtungsexperte bei Morton Thiokol, war höchst besorgt, dass die Feststoffbooster bereits kurz nach der Zündung auf der Startrampe explodieren könnten, weil die Dichtungen ihre Funktion nicht erfüllen. Er verglich das Verhalten der O-Ringe bei Kälte mit einem Ziegelstein, den man versuche, in einen Spalt zu schieben. Die Morton-Thiokol-Ingenieure empfahlen der NASA, nicht bei unter 11,7 Grad Celsius zu starten – der bisher tiefsten Temperatur bei einem Shuttle-Start (STS-51C).

In der Nacht vor dem Start sorgten tiefe Temperaturen auf der Startrampe für Vereisung.
Das Management entscheidet
Die NASA tat die Daten von Morton Thiokol als nicht schlüssig ab. Die Vertreter von Morton Thiokol, die in Utah saßen, baten darum, sich für einige Minuten Beratung aus der Telefonkonferenz zurückzuziehen. Als sie nach einer halben Stunde zurückkehrten, gaben Manager des Boosterherstellers doch grünes Licht für einen Start am 28. Januar. Wie sich später herausstellte, nicht aufgrund einer Neubewertung der vorhandenen Daten – sie hatten schlicht die eigenen Ingenieure überstimmt. Die NASA verlangte am Ende der Telefonkonferenz eine schriftliche, von einem Morton-Thiokol-Manager unterzeichnete Startempfehlung – ein einmaliger Vorgang.
Das Management von Morton Thiokol stand unter dem wirtschaftlichen Druck eines noch ausstehenden Großauftrags der NASA. Zudem prüfte die Raumfahrtbehörde, einen zweiten Boosterhersteller in das Shuttle-Programm aufzunehmen. Die NASA wiederum wollte unbedingt weitere Verzögerungen bei der Mission STS-51L vermeiden. Der Start war bereits drei Mal (wegen Verzögerungen beim vorherigen Start und schlechten Wetters) verschoben und einmal wegen eines kleineren technischen Problems und starker Winde abgebrochen worden. Man wollte wohl auch am aktuellen Zeitplan festhalten, damit Christa McAuliffe am vierten Tag der Mission, einem Freitag, ihre geplanten Unterrichtsstunden aus dem Orbit halten konnte und die mobilisierten Schüler nicht am Wochenende zu Schule mussten.
Die Erkenntnisse der Rogers-Kommission sind ernüchternd: "Hätte das [Space-Shuttle-]Programm ordnungsgemäß funktioniert, hätte der Challenger-Unfall möglicherweise vermieden werden können."
Lesen Sie in einem weiteren Beitrag, welche Folgen der Challenger-Absturz für die NASA hatte und wie es heute um die Sicherheitskultur der US-Raumfahrtbehörde steht. Der Artikel erscheint am 28. Januar 2026 auf flugrevue.de.





