in Kooperation mit

Deutschland könnte Signale setzen

Europas Zukunft im All

8 Bilder

Die Eurokrise hält Europa fest im Griff, und noch ist keine Besserung abzusehen. Bedroht sind auch wirtschaftsstärkere Staaten, und die nötigen Einsparungen werden sicher auch die Raumfahrt treffen. Von wem gehen künftig Impulse für die Weltraumforschung aus?

Dass die Bedrohung für die Fortführung bestehender oder die Inangriffnahme neuer Raumfahrtprojekte enorm ist, zeigte die jüngste Hiobsbotschaft aus Washington: Die USA, die ebenfalls tief in der Schuldenfalle sitzen, kündigten den Kooperationsvertrag für das Forschungsvorhaben ExoMars. Die Einsparungen ausgerechnet beim Prestigeobjekt Marsforschung brachten der Obama-Administration selbst im eigenen Lande harsche Kritik ein, doch wird die Planung wohl nicht mehr zu retten sein. Ob sie nun ganz gestrichen oder in „abge-speckter“ Form anderweitig realisiert werden wird, ist derzeit noch nicht abzusehen.

Als im Dezember 2011 in Brüssel der europäische Weltraumrat tagte, hoben die 29 für Raumfahrt zuständigen Minister der ESA- und EU-Mitgliedstaaten zumindest die Wichtigkeit von Weltraumsystemen für die Sicherheit hervor. Somit wird es also vermutlich bei solchen Programmen wie Galileo, EGNOS oder GMES keine finanziellen Streichungen geben, weil diese Systeme „als Rückgrat verbesserter europäischer Notfallmechanismen“ gelten. Da gleichzeitig gefordert wurde, künftige Satelliten besser vor Weltraummüll und den Auswirkungen des Weltraumwetters zu schützen, muss sogar davon ausgegangen werden, dass für solche Zwecke mehr Geld ausgegeben wird.

Frankreich und Italien werden zurückstecken müssen

Nutzungsanwendungssatelliten werden weiterhin gebraucht. Foto und Copyright: esa

Die genannten und auch weitere Nutzanwendungssatelliten für Kommunikation oder Wetterbeobachtung werden üblicherweise von den Pflichtbeiträgen finanziert, welche jedes Mitgliedsland entsprechend seines Bruttosozialprodukts (BSP) in die ESA-Kasse einzahlt. An solchen Programmen wird kaum gerüttelt werden, weil sie allen Bürgern Europas zugutekommen. Möglicherweise jedoch wirken sich die wirtschaftlichen Probleme zahlreicher europäischer Länder sogar so weit aus, dass deren BSP sinkt und sie damit auch ihre ESA-Beiträge reduzieren müssen. Die Folgen für die europäische Raumfahrt wären verheerend.

Immerhin muss man davon ausgehen, dass von den drei größten ESA-Beitragszahlern – Frankreich, Italien und Deutschland – die beiden Erstgenannten besonders schwer unter der Wirtschaftskrise leiden. Bei beiden haben die berüchtigten Ratingagenturen bereits zugeschlagen, und beide haben einschneidende Einsparungsprogramme durchzusetzen. Darunter wird mit Sicherheit auch das jeweilige Raumfahrtbudget leiden müssen, zumal insbesondere Italien in den vergangenen Jahren einen – im Vergleich zu anderen Ländern – überdurchschnittlich großen Anteil seines Staatshaushalts in die Raumfahrt gesteckt hat. Trotz des Nord-Süd-Gefälles im Lebensstandard und zahlreicher anderer innenpolitischer Probleme haben italienische Regierungen in der Vergangenheit die Raumfahrt immer als dem nationalen Prestige förderlich angesehen, doch damit dürfte es nun vorbei sein.

Bemannte Raumfahrt bleibt ein Schwerpunkt

Die Raumstation ISS dürfte als einzige ohne Streichungen aus der Krise hervorgehen. Ihre Bedeutung ist zu groß. Foto und Copyright: NASA

An der bemannten Raumfahrt in Form der Forschungsarbeiten an Bord der Internationalen Raumstation wird wohl nicht gespart werden. Erst im März 2011 hatte der ESA-Ministerrat 550 Mio. Euro bewilligt, um den Betrieb des europäischen Stationssegments bis zur nächsten Ratstagung Ende dieses Jahres sicherzustellen. Danach werden die Karten neu gemischt, doch muss die ISS in der gegenwärtigen Form weiter unterhalten und für die Forschung genutzt werden, auch wenn sich diese vorrangig auf die Grundlagenforschung bezieht. Entgegen aller Erwartungen nutzen Industrieunternehmen aus aller Welt die Station zu wenig, als dass hier ein signifikanter finanzieller Ertrag erzielt wird. Angesichts einer nach Jahrzehnten der Konkurrenz im Weltraum endlich vereinbarten Kooperation ist die Station aber als Symbol viel zu wichtig, als dass man ihr Budget beschneiden könnte. Somit dürften auch die Ausbildung der derzeitigen Astronautenkandidaten wie geplant fortgeführt und ihre bislang vereinbarten Flüge ins All absolviert werden.

Bei den Trägersystemen hingegen besteht Unsicherheit. Einerseits ist die europäische Trägerfamilie auf dem kommerziellen Markt gut positioniert, doch andererseits sind Weiter- oder gar Neuentwicklungen nötig, um die führende Stellung beibehalten zu können. Bis zur Ministerratstagung stehen erst einmal 222,5 Mio. Euro für solche Zwecke zur Verfügung, doch was dann folgt, ist zurzeit noch ungewiss. Möglicherweise werden die Entwicklungsprogramme beispielsweise neuer Oberstufen für die Ariane 5 und die Vega auch zeitlich gestreckt werden müssen.

Deutschland im schwierigen wirtschaftlichen Umfeld

Der Raumtransport mit Trägerraketen, hier die Ariane 5, ist kaum bedroht. Foto und Copyright: esa

Geringe Aussichten haben hingegen die mögliche Entwicklung des eigenen bemannten Zugangs zum All, sprich die Projektierung eines rückkehrfähigen bemannten Raumflugsystems, und die Entsendung von Sonden (oder gar Astronauten) zum Mond. Angesichts der finanziellen Nöte werden die Regierungen dafür kaum Mittel locker machen, weil solche Vorhaben dem Steuerzahler nur sehr schwer zu vermitteln sind.

Wo steht nun Deutschland in diesem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld? Derzeit wird das von der Bundesregierung zur Verfügung stehende Budget von etwas mehr als einer Milliarde Euro zu 63 Prozent an die ESA überwiesen, zu 22 Prozent für das nationale Programm genutzt und zu fünf Prozent für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Die jüngsten Wirtschaftsprognosen besagen, dass Deutschland in der Krise immer noch am besten da steht; die Wirtschaftsentwicklung ist positiv, die Arbeitslosenzahlen sinken, die Steuereinnahmen steigen. Zitiert man die Bundeskanzlerin mit ihren eigenen Worten, dass in jeder Krise auch eine Chance liege, dann wäre jetzt der Moment gekommen, in der europäischen Raumfahrt die Führungsrolle zu übernehmen. Deutschland könnte Signale setzen!

FLUG REVUE Ausgabe 04/2012

Top Aktuell Raumfahrtunternehmen von Amazon-Gründer Jeff Bezos Blue Origin möchte noch dieses Jahr bemannt fliegen
Beliebte Artikel Alle Fakten esa Alle Fakten Internationale Raumstation ISS
Stellenangebote Der Baden-Württembergische Luftfahrtverband stellt ein Referent für Aus- und Fortbildung, Flugsicherheit und Sport (m/w/d) gesucht OFD sucht Pilot Jetzt bewerben – Pilot gesucht! OFD sucht Pilot (m/w/d) RUAG sucht Flugzeugmechaniker Jetzt bewerben RUAG sucht Flugzeugmechaniker F/A-18 (m/w)
Anzeige