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Dritter Anlauf für ein Raumtaxi Erde – Umlaufbahn – Erde

Dream Chaser

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Noch vor wenigen Jahren wäre der folgende Satz in den USA mit Sicherheit dementiert worden: Der kleine Raumgleiter des privaten Unternehmens Sierra Nevada Corp. hat russische Wurzeln!

Am 3. Juni 1982 verfolgte die Crew eines australischen Patrouillenflugzeuges aufmerksam, wie sowjetische Matrosen an Bord eines Frachters ein seltsames Objekt aus dem Wasser fischten. Auf den Fotos erkannte man später, dass es sich eindeutig um ein Fluggerät handelte, genauer gesagt um ein Mini-Shuttle, weiß wie die großen Schwestern in den USA und mit genauso schwarzen Hitzeschutzkacheln an der Unterseite und den Vorderkanten der kurzen Stummelflügel. Das Ding war eindeutig gerade von einem Flug zurückgekehrt und im Indischen Ozean gewassert. Recherchen ergaben, dass die Sowjets an diesem Tag auf dem Kosmodrom Kapustin Jar eine Kosmos-Rakete gestartet hatten, angeblich mit dem Erdsatelliten Kosmos 1374 an der Spitze. Erst viel später erfuhr die Öffentlichkeit, dass es sich in Wahrheit bei dem vorgeblichen Kosmos-Satelliten um den Testflugkörper BOR-4 auf dem Wege zur Schaffung des Raumgleiters Buran gehandelt hatte.

Spezialisten des Langley-Flugforschungszentrums der NASA studierten die australischen Aufklärungsfotos genau und waren ziemlich überrascht: Offensichtlich hatten die Russen hier die perfekte Form für einen Wiedereintrittskörper gefunden, einen sogenannten Lifting Body, wie US-Spezialisten ihre eigenen Auftriebskörper nannten. Sie bauten das sowjetische Gerät sogar genauestens aus Kirschbaumholz nach und erprobten das knapp 30 Zentimeter lange Modell im Windkanal, bei hohen Geschwindigkeiten in umströmendem Helium, denn das machte solche Tests auch bei Zimmertemperatur möglich. Die Form war und blieb perfekt, und damit hatten die Sowjets ungewollt der US-Konkurrenz eine Menge Arbeit erspart.

Bei Langley war man nämlich gerade dabei, ein sogenanntes Space Taxi für die damals noch geplante US-Raumstation Freedom zu entwickeln, ein Mini-Shuttle für den Transport von acht Astronauten plus zwei Piloten im „Linienverkehr“ Erde – Umlaufbahn und zurück. HL-20 war seine Bezeichnung, wobei HL für „Horizontal Landing“ stand. Und die 20? Ganz einfach, weil es zuvor schon ein HL-10 gegeben hatte, sagen Langley-Veteranen heute. Gemeinsam mit einer Wegwerfrakete sollte es das PLS bilden, das Personnel Launch System, kleiner und vor allem viel preiswerter als die Shuttles, wenn man nur Besatzungen zur Station befördern wollte und keine riesigen Baugruppen. Zudem wäre auf diese Weise immer ein Rettungsboot für Notfälle verfügbar gewesen; mit gefalteten Flügeln hätte es sogar in eine Shuttle-Ladebucht gepasst.

Während für den Start des etwas größeren HL-10 für zwölf Astronauten noch die mächtige Trägerrakete Saturn 1B vorgesehen war, sollte bei der HL-20 eine kleinere zum Einsatz kommen. Namen wurden nie genannt, doch kann man davon ausgehen, dass es sich entweder um eine Delta oder eine Atlas in der jeweils stärksten Version gehandelt hätte. Stark vereinfachte Bau- und Wartungsprinzipien sollten die Kosten für die Herstellung und den Betrieb enorm senken und Rettungsraketen wären für den Fall einer Katastrophe auf der Rampe hilfreich gewesen.

Der normale Missionsablauf hätte nach dem Start das Einschwenken in eine 180-km-Bahn mit anschließender Verfolgung der Station und Kopplung vorgesehen, und nur 72 Stunden sollten bis zur Landung der abgelösten Besatzung vergehen. Mit etwas modifizierter Ausstattung sollte auch die Erdbeobachtung oder die Reparatur von Satelliten möglich gewesen sein. Zahlreiche Studien und Tests wurden durchgeführt, und im Dezember 1991 war das System so weit ausgereift, dass man den ersten Prototyp hätte bauen und erproben können. Wie so oft aber sah die Praxis ganz anders aus als die Theorie.

Freedom wurde zu den Akten gelegt und dafür per Vertrag mit den Russen eine gemeinsam zu errichtende Raumstation vereinbart; wer sonst noch Interesse hatte, durfte sich an dieser ISS beteiligen. Auch über „Rettungsboote“ machte man sich Gedanken, und die Arbeiten an der X-38 waren schon sehr weit gediehen, als sie wegen Geldmangels dann doch wieder eingestellt wurden. Dabei steckte auch in diesem Entwurf wieder eine Menge Erfahrung aus der Entwicklung der HL-20, und es war ziemlich frustrierend für alle Beteiligten, dass sie ihr Vehikel wohl nie fliegen sehen würden.

Das Ende der Space Shuttles schafft Raum für Neues

Man sollte aber niemals „nie“ sagen! Die NASA stellte ihre veralteten Space Shuttles außer Dienst, obwohl sie nun auf absehbare Zeit keine eigenen Transportkapazitäten für Crews und Fracht hat. Mit einem riesigen Sprung über den eigenen Schatten wurde die Kommerzialisierung dieser Transportleistungen propagiert, innerhalb derer man das Programm CCDev ins Leben rief (Commercial Crew Development). SpaceX mit der Falcon-Rakete und der Dragon-Kapsel sowie Orbital mit der Kombination Antares/Cygnus indessen bekommen NASA-Unterstützungsleistungen für die Realisierung von Frachttransportkapazitäten. Für die Veteranen von Langley waren die Verträge wie ein Weckruf, und in den Ingenieuren der Sierra Nevada Corp. fanden sie begeisterte Partner.

Dabei ist der Dream Chaser im Unterschied zu den Shuttle-Orbitern, die beim Landeanflug wie riesige Segelflugzeuge agieren mussten, dank eigener Hybridtriebwerke voll manövrierfähig. Diese können in Kombination mit einem Hybrid-Booster auch für suborbitale Flüge gezündet werden. Über eine solche Mission wird nicht gesprochen und die NASA hat auch kein Interesse an solchen Abläufen, wären doch bemannte Flüge für kurzzeitige Mikrogravitationsexperimente viel zu kostspielig. Das können unbemannte Höhenraketen viel besser – bleibt nur die Schlussfolgerung, dass Sierra Nevada den Gleiter bei Bedarf auch für den Transport von Weltraumtouristen vermarkten will.

Insgesamt sind an der HL-20 nur geringfügige Änderungen auf dem Weg hin zum Dream Chaser vorgenommen worden, kaum sichtbare Modifikationen der Flügelchen etwa oder die veränderte Heckpartie zur Aufnahme der Triebwerke. Nur im Zeitplan hinken alle Beteiligten, wie man das von allen bisherigen US-Raumfahrtprojekten kennt, ziemlich hinterher. Der erste Einsatzflug sollte nach der ursprünglichen Planung bereits im September 2011 stattfinden, doch davon ist man noch weit entfernt.

Der erste Abwurf eines 15-Prozent-Modells vom Hubschrauber aus erfolgte im Dezember 2010, im Mai 2012 wurden die Windkanaltests beim Marshall Space Flight Center abgeschlossen, und im Mai 2013 starteten Abwurf- und Landungsversuche beim Dryden Flight Research Center. Ganz schön viele Tests für einen Entwurf, der doch eigentlich schon startbereit sein sollte.

FLUG REVUE Ausgabe 09/2013

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