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Im Erdorbit zieht Normalität ein

All-Tag auf der ISS

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Die Raumfahrt, speziell die bemannte, hat Gegner und Fans, aber sie ist ein unverzichtbares Hochtechnologiefeld. Nirgendwo sonst liegen die Grundlagen- und die angewandte Forschung so dicht beieinander, doch das Interesse daran sinkt. Dieses Phänomen beschreibt der nachfolgende Beitrag aus der FLUG REVUE vom Januar 2013.

Fast ein wenig wehmütig erinnern sich Raumfahrtexperten und interessierte Laien an die „gute alte Zeit“, als Starts bemannter Raumkapseln noch in Sonderausgaben der Medien gewürdigt wurden, und jedes Kind die Namen der mutigen Astronauten kannte. Auch wenn man sich das damals gar nicht vorstellen konnte: Die Raumfahrt ist im Alltag angekommen. Das betrifft nicht nur die sogenannten Nutzanwendungssatelliten für Telekommunikation, Navigation oder Wetterbeobachtung beispielsweise – man weiß, dass es sie gibt und nutzt wie selbstverständlich ihre Daten, macht sich aber weiter keine Gedanken darüber.

Auch die bemannte Raumfahrt hat inzwischen ein Stadium der Selbstverständlichkeit erreicht, in dem die Starts neuer Stammbesatzungen zur Internationalen Raumstation kaum noch im Fernsehen erwähnt und in den Zeitungen nur noch auf zehn Zeilen abgehandelt werden. Spätestens seit der Außerdienststellung der Space Shuttles sind derartige Missionen nicht mehr spektakulär genug für die breite Öffentlichkeit, die kaum unterscheiden kann, ob sich unter der Nutzlastverkleidung ein Satellit oder eine bemannte Kapsel befindet. Muss man diese Situation nun betrauern oder gut heißen?

Weder – noch lautet die Antwort, denn sie spiegelt nur eine Normalität wieder, die wir uns am Beginn des Raumfahrtzeitalters kaum vorstellen konnten. Nehmen wir nur die bisher gestarteten Raumfahrer, von denen die USA mit 341 den größten Anteil stellen (Stand November 2012), gefolgt von 115 aus der UdSSR beziehungsweise Russland (zum Vergleich: Die Liste der Deutschen mit Luftfahrerschein umfasst etwas mehr als 800 Namen, von denen nur noch Hans Grade als jener mit der Nummer Eins bekannt ist). Nur einige wenige Spezialisten führen heute noch Namenslisten von Astronauten oder Kosmonauten, und die Zahl derjenigen, die sich dafür interessieren, ist verschwindend gering. Normalität eben.

Ähnlich ist es mit der Stammbesatzung auf der Internationalen Raumstation. Dort wird bereits seit längerer Zeit ein rotierender Wechsel vollzogen, weil die als einziges Transportmittel für Raumfahrer zur Verfügung stehenden Sojus-Kapseln nur für drei Passagiere eingerichtet sind und zudem nur eine gewisse Garantiezeit für den Aufenthalt im All haben. Also fliegen zuerst drei Mann zur Station und bilden dort eine sogenannte „Expedition“ mit fortlaufender Nummer. Später folgen drei weitere und werden Mitglieder dieser Expedition, worauf diejenigen, die am längsten an Bord waren, zur Erde zurückkehren. Die auf der Station Verbleibenden wiederum erhalten eine neue Expeditionsmummer. Man muss schon nachschlagen, wenn man sich da noch einen Überblick verschaffen will.

Konkret sieht das derzeit so aus: An Bord arbeitet die 34. Stammbesatzung mit Kommandant Kevin Ford und seinen Flugingenieuren Jewgeni Tarelkin sowie Oleg Nowizki. Sie werden im Dezember Verstärkung bekommen, und zwar durch Thomas Marshburn (NASA), Chris Hadfield (Kanada) und Roman Romanenko (Roskosmos). Wenn im März 2013 die drei ersten zur Erde zurückkehren, geht das Kommando an Hadfield über, der damit als erster Kanadier die Verantwortung für die Station tragen wird. Gemeinsam mit seinen beiden Kollegen bildet er ab diesem Zeitpunkt die Expedition 35, und so weiter, und so fort...

Auch für Medienvertreter ist es nicht immer leicht, sich da zurecht zu finden, selbst wenn die NASA sich wirklich große Mühe gibt zu helfen. Wurde zum Beispiel noch bei den ersten Missionen jeder Stammbesatzung ein eigenes Presskit mit allen erforderlichen Materialien zugeordnet, umfasst diese umfangreiche Information zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Expeditionen 32, 33 und 34.

Der Ausstieg in den freien Raum ist nicht mehr sensationell

Akihiko Hoshide, Flugingenieur der Expedition 33, machte dieses Selbstporträt während eines Außenbordeinsatzes. © NASA

Dort findet man unter anderem Angaben über zwei Außenbordeinsätze (Padalka und Malentschenko, Exp. 32, sowie Williams und Hoshide, Exp. 33). Für die Arbeitsperiode der 34. Crew sind keine EVAs geplant (Extravehicular Activity). Alles in allem kurze und knappe Informationen, wiederum nur für Spezialisten. Der Ausstieg in den freien Raum ist auch nichts Besonderes mehr, wenn es sich um reine Montage- und Wartungsarbeiten handelt. Normalität eben.

Auf weiteren 27 Seiten des Dokuments werden insgesamt 204 wissenschaftliche Experimente aufgelistet, von materialwissenschaftlichen über biomedizinische bis hin zu astronomischen Forschungen. Ein paar Beispiele gefällig?

RaDI-N-2, eine russisch-kanadische Studie zur Messung der Neutronenstrahlung an Bord, auf deren Grundlage bessere Schutzmöglichkeiten bei späteren Langzeitflügen entwickelt werden sollen, SODI-DSC, ein ESA-Experiment aus dem Gebiet der Physik, dessen Beschreibung für Laien unverständlich ist, das aber einst die Entdeckung von Erdöllagerstätten erleichtern soll, oder SMILES von der japanischen Raumfahrtagentur JAXA, wobei eine globale Karte der Verteilung von Spurengasen in der Atmosphäre erstellt wird.

Ist jedoch eine breite Öffentlichkeit an Details über diese Arbeiten interessiert? Natürlich nicht, weil die Ergebnisse uns nicht direkt betreffen. Bei den meisten, die möglicherweise später unser Leben beeinflussen werden, wissen wir nicht einmal, dass sie ihre Ursprünge einst in der Arbeit eben jener Stammbesatzungen auf der Internationalen Raumstation hatten.

Unter solchen Bedingungen wird es immer schwieriger, dem Steuerzahler die Bedeutung der bemannten Raumfahrt zu vermitteln, aber hin und wieder wäre etwas mehr Aufmerksamkeit für den schweren All-Tag der Astronauten schon wünschenswert. Andererseits: Als Charles Lindbergh erstmals den Atlantik im Alleinflug von West nach Ost überquerte, wurde er von der ganzen Welt gefeiert, während heutige Linienpiloten keine Anerkennung mehr für eine solche Leistung erfahren. Die Raumfahrer unserer Tage müssen wohl damit leben, dass ihre Arbeit mehr und mehr zum normalen Job wird. Noch erhalten Kosmonauten nach der Rückkehr zur Erde den Heldenstern, aber wie lange noch?

FLUG REVUE Ausgabe 01/2013
      

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