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Nachschub für die ISS

ATV - Das grösste Raumfahrzeug Europas

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Fast acht Tonnen trockene, flüssige und gasförmige Fracht schleppt jedes Automated Transfer Vehicle zur ISS. Dort korrigiert es die Bahn der Station und verglüht anschließend als milliardenteurer Schrott. Soll das alles gewesen sein? Lesen Sie hier einen Bericht aus der FLUG REVUE vom Juli 2012.

Nach dem gegenwärtigen Planungsstand soll die Internationale Raumstation noch acht Jahre lang betrieben werden. Befindet sie sich dann noch in gutem technischem Zustand und stellen alle an dem Unternehmen beteiligten Länder ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung, dann könnten wohl noch rund zehn Jahre hinzukommen. Eine ziemlich lange Zeit also, in der ein Pendelverkehr unumgänglich ist: Astronauten müssen an ihren Arbeitsplatz und nach der jeweiligen Mission sicher wieder nach Hause gebracht werden, Treibstoff, Lebensmittel, Atemluft, Trinkwasser und vieles andere mehr gehören zur Lebenserhaltung, und Experimente sowie die dazu gehörigen Materialien müssen auch in die Umlaufbahn. Schließlich ist Müll zu entsorgen, und wichtige Ergebnisse der Forschungsarbeit werden auf der Erde zur Auswertung erwartet. Für alle diese Flüge wird eine kleine Flotte unterschiedlichster Raumtransporter eingesetzt, die nicht zuletzt auch den jeweiligen technologischen Stand der Hersteller widerspiegelt.

Lange Zeit standen die US-amerikanischen Space Shuttles an der Spitze dieser Armada, und ohne ihre Transportkapazität wäre der Bau der Station gar nicht möglich gewesen. Sie schleppten die meisten der Module nach oben und auch viel Material für deren Inneneinrichtung, und zwischendurch brachten sie an Bord von Logistikmodulen so viel Fracht wie möglich an Bord. Nicht zuletzt dienten sie als Zubringerfahrzeuge für den Austausch der Stammbesatzungen, doch seit einem Jahr ist ihre Ära vorbei. Nach und nach beziehen sie ihre endgültigen Abstellplätze in Museen der USA, wo Nostalgiker künftig glorreichen Zeiten nachtrauern können.

Immerhin ist gerade das erste Muster der neuen, kommerziellen Dragon-Kapsel von SpaceX zum Jungfernflug gestartet, und wenn alles gut geht, könnte sie für den Personen- und Frachttransport zur ISS eingesetzt werden; die NASA jedenfalls hat voller Vertrauen in den Partner aus der Privatindustrie schon mehr als ein Dutzend Flüge fest bestellt.

Kurzsichtige Politik reduziert die Planung

Astronauten trainieren die Entladung eines ATV auch am Computer. Foto und Copyright: esa

Dragon ist ein Hoffnungsschimmer für alle US-Bürger, die derzeit die nationale bemannte Raumfahrt eher am Boden sehen, nur hin und wieder dank teuer bezahlter Mitfluggelegenheiten in russischen Sojus-Kapseln in der Lage, eigenen Astronauten für eine gewisse Zeit das Gefühl von Schwerelosigkeit zu vermitteln. Die Russen sind es nämlich, auf deren Schultern derzeit die ganze Last der Crew-Flüge und ein Großteil der Versorgungseinsätze ruht. Sojus und Progress heißen ihre Kapseln, altbewährt, immer wieder modernisiert und unverwüstlich, leider aber auch in der Kapazität beschränkt.

Bleiben noch japanische HTV (H-II Transfer Vehicle) und europäische ATV, welche den ganzen Stolz der jeweiligen Raumfahrtindustrie darstellen, denn hier haben Japan und die ESA bewiesen, dass sie unabhängig von den großen, traditionellen Raumfahrtnationen in der Lage sind, komplexe Raumfahrzeuge zu bauen und zu betreiben. Angesichts der eingangs erwähnten fast 20 Jahre bevorstehender Betriebszeit der Raumstation ist aber da eine ganze Reihe von Fragen offen.

Warum zum Beispiel erging angesichts der Lebensdauer der Station ein Bauauftrag nur über sechs solcher Transporter, der mittlerweile sogar um ein Exemplar gekürzt worden ist? Demnach soll im Februar 2014 das ATV-5 „Georges Lemaitre“ als letztes der teuren Kleinserie starten, sechs Jahre vor dem geplanten, 16 vor dem möglichen und sogar wahrscheinlichen Ende der Station. Was um Himmels Willen verstehen eigentlich die Politiker der ESA-Mitgliedstaaten, die ja die finanziellen Mittel für die europäischen Raumfahrtprogramme zur Verfügung stellen sollen, unter dem Begriff „Raumfahrt“ und welche komplexe Welt sich dahinter verbirgt? Nichts, sollte man meinen, wenn man das ungelenke Agieren beobachtet, mit dem das Schicksal der Zukunft Europas im All behandelt wird.

Visionären bläst Gegenwind ins Gesicht

Bisher wurden drei ATVs ins All gebracht: „Jules Verne“ am 9. März 2008, „Johannes Kepler“ am 16. Februar 2011 und „Edoardo Amaldi“ am 28. März 2012. ATV-4 „Albert Einstein“ soll im Februar 2013 folgen und das bereits erwähnte ATV-5 ein Jahr später. Und dann? Das gesamte Programm hat immerhin einige Milliarden gekostet, und dazu gehören nicht nur die Raumfahrzeuge und die Trägerraketen, sondern auch eine riesige Entwicklungs-, Produktions- und Testinfrastruktur mit zahlreichen, hoch qualifizierten Spezialisten in ganz Europa.

Der Fixpreis eines ATV, wie es der Hersteller Astrium an die ESA ausliefert, beträgt 214 Millionen Euro. Hinzu kommen 257 Millionen für die Trägerrakete Ariane 5 ES ATV, woraus sich alles in allem Transportkosten von 43,4 Millionen Euro pro Tonne Fracht ergeben. Man könnte allerdings die Transportkosten, die beim ATV derzeit die höchsten im Vergleich zu den anderen Mitgliedern der Flotte sind, enorm verringern. Das kann jedes Kind nachrechnen, und Politiker sollten das auch wissen, aber bislang sträuben sie sich mit Händen und Füßen gegen Programme zur Weiterentwicklung der High-tech-Büchsen.

Schon lange schlagen die ESA und die Industrie in seltener Einmütigkeit vor, in einem ersten Schritt aus dem Einweg-Fahrzeug ein wiederverwendbares Mehrweg-Produkt zu machen. Zuerst wäre da eine Rückkehrkapsel zu bauen, mit möglichst großem Transportvolumen, damit auch größere Experimente oder Bauteile zur Erde zurückgebracht werden könnten. Das dürfte kein Problem sein, denn die Materialien und die Rückführungstechnologie wurden schon vor Jahren erfolgreich erprobt. Die Kosten dafür wären weit geringer als jene, die bisher für das Projekt aufzubringen waren.

Schließlich geht es um die Weiterentwicklung zu einem bemannten Raumfahrzeug, das angesichts der Außerdienststellung der Space Shuttles dringender denn je gebraucht wird. Das ATV hat bereits eine druckbelüftete Sektion, und mit Einbau eines Lebenserhaltungssystems, Steuerorganen, Avionik und der Entwicklung der dazu gehörigen Startinfrastruktur könnten die Staaten Europas schon bald über ein eigenes bemanntes Raumtransportsystem verfügen. Auch das wäre über einen Zeitraum von wenigen Jahren bezahlbar. Hierzulande aber bläst den Visionären nur politischer Gegenwind ins Gesicht.

FLUG REVUE Ausgabe 07/2012

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