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Neuordnung der russischen Raumfahrt

Sturm auf neue Höhen

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Einst war die sowjetische Raumfahrt der Stolz der Nation, doch dann hatten die russischen Nachfolger andere Probleme. Jetzt aber wollen sie dem Vorzeigeobjekt zu neuem Glanz verhelfen.

Sowjetische Ingenieure haben einst zahlreiche geniale Lösungen für die Raumfahrt gefunden, doch mit dem Ende der Sowjetunion kamen plötzlich andere, gravierende Probleme auf die Gesellschaft zu. Die Raumfahrt hatte ihre wichtige Rolle für die Propaganda verloren, und die Öffentlichkeit registrierte verwundert, dass sich jetzt andere in der Umlaufbahn tummelten. Die folgenden Jahre waren auch nicht mehr von Spitzenleistungen geprägt, eher noch von Misserfolgen, vor allem wegen nicht funktionierender Raketen. Höchstens beim Transport von Astronauten zur Raumstation und zurück kann man sich noch auf die zwar mehrfach modernisierte, nichtsdestotrotz betagte Sojus-Kapsel verlassen.

Jetzt aber, rund 20 Jahre später ist die russische Regierung der Meinung, dass sich eine führende Raumfahrtnation wohl anders präsentieren müsse und geht die Lösung der Probleme energisch an. Die Zeit der Stagnation und des Rückblicks auf frühere Erfolge soll endgültig vorbei sein.

Drei Prioritätsbereiche wurden für den Zeitraum bis 2030 formuliert:
1. Neustrukturierung der russischen Raumfahrtindustrie, sicherer Zugang zum All, Entwicklung moderner Raumfahrttechnik, von Know-how und Dienstleistungen für Verteidigung und nationale Sicherheit sowie soziale und ökonomische Entwicklung, Erfüllung der internationalen Verpflichtungen,
2. Entwicklung von Technologie im Interesse wissenschaftlicher Projekte, und
3. bemannte Raumfahrt einschließlich wissenschaftlicher und technischer Grundlagenforschung für die Vorbereitung bemannter Missionen zu Himmelskörpern des Sonnensystems im Rahmen internationaler Kooperation.

Bemannte Raumfahrt hat nicht mehr die Priorität

Sojus-Raumschiffe werden bei Energija in Serie gebaut. Foto und Copyright: NPO Energija

Höchst interessant ist dabei, dass den einheimischen Weltraumwissenschaften wieder ein gebührender Platz eingeräumt wird, aber auch, dass die bemannte Raumfahrt nicht mehr automatisch im Zentrum des Interesses steht. Der Betrieb der Internationalen Raumstation ist Tagesarbeit und fällt unter die internationalen Verpflichtungen, während alles andere auf diesem Gebiet langfristige Planung ist. Alle drei Schwerpunkte bieten endlich auch dem wissenschaftlichen und technischen Nachwuchs des Landes wieder eine Perspektive.

Viel zu viele hervorragend ausgebildete Absolventen der traditionsreichen Bildungseinrichtungen des Landes haben in den vergangenen Jahren das Land verlassen und sich woanders verdingt, weil es zu Hause keine ihren Fähigkeiten angemessene Arbeit gab. Immer nur kleinere Modifikationen an der alten Raumflugtechnik statt neuer Entwicklungen mit Zukunft, immer wieder Rückschläge wegen eines nicht vorhandenen Qualitätsmanagements, immer nur das Ausruhen der alten Herren in den Führungsetagen auf den Erfolgen der Vergangenheit – das war für viele nicht länger zu ertragen.

So denkt offenbar endlich auch die Administration in Moskau und stellt nicht nur wesentlich mehr finanzielle Mittel für den Neuanfang bereit, sondern appelliert auch an den russischen Nationalstolz, mit dem im Herzen Wissenschaftler und Ingenieure das Land wieder zurück an die Spitze führen sollen. So wurden die drei erwähnten Prioritätsbereiche mit den im Folgenden dargestellten konkreten Etappenzielen unterlegt:

bis 2015:
- Startbereitschaft der Trägerrakete Sojus-2 auf dem Kosmodrom Wostotschny im Fernen Osten
- Entwicklung orbitaler Satellitenkonstellationen für Kommunikation, Erdbeobachtung und Grundlagenforschung
- erste Testflüge der neuen Trägerrakete Angara
- meteorologische Beobachtung der Antarktisregion des Landes
- Radarbeobachtung der Erdoberfläche

bis 2020:
- Bereitstellung orbitaler Konstellationen für alle Anwendungsbereiche
- Indienststellung einer neuen Frachtergeneration und Herstellung deren Startbereitschaft von Wostotschny aus
Abschluss der neu strukturierten und mit allen erforderlichen Mitteln ausgestatteten Raumfahrtindustrie
- Herstellung der Vergleichbarkeit des russischen Navigationssatellitensystems GLONASS mit dem GPS der USA
- umfangreiche Erforschung der Sonne
- Beginn der detaillierten Mondforschung

In nur zwanzig Jahren wollen die Russen zurück an die Spitze

Der Biosatellit Bion-M stammt vom Raumschiff Wostok ab. Foto und Copyright: FR/Matthias Gründer

bis 2030:
- volle Arbeitsbereitschaft der Satellitenkonstellationen
- Indienststellung superschwerer Trägerraketen, einschließlich solcher mit thermoelektrischen Antrieben sowie Beginn der Erprobung eines wieder verwendbaren Rautransportsystems
- bemannte Raumflüge auf hohen Flugbahnen
- Entwicklung der Technik und Vorbereitung bemannter Mondflüge
- Entwicklung von Mitteln und Methoden zur Verhinderung kosmischer Bedrohungen
- Entwicklung von Reparatur- und Betankungstechnologien für Raumflugkörper im All
- Erringung einer führenden Stellung beim Studium des Universums und bei der Erforschung von Himmelskörpern des Sonnensystems
- Einnahme einer führenden Stellung bei internationalen Projekten zur Erforschung des Mondes, des Mars, der Venus sowie des Jupiter- und Saturnsystems
- Herstellung der Weltmarktfähigkeit russischer Raumfahrtprodukte

Von gegenwärtig 10,7 Prozent Anteil am Weltmarkt sollen bis 2020 mindestens 16 Prozent erreicht werden. Die bemannte Raumfahrt hingegen wird erst nach 2020 wieder Topp-Priorität erhalten, wenn nämlich die Betriebszeit der Internationalen Raumstation nominell abgelaufen sein wird. Weil es derzeit überhaupt noch keine Überlegungen über ein Nachfolgeprojekt auf internationaler Basis gibt, bedeutet das allerdings die Rückkehr zu nationalen Alleingängen, zuerst in Richtung des Mondes. Aus der Sicht der heutigen Kooperationspartner wäre das indessen nicht gerade erstrebenswert.

Ganz so schlimm wird es aber denn doch nicht werden, denn bei der Formulierung langfristiger Ziele, noch ohne festgesteckten Zeitrahmen, wird auch die Absicht erwähnt, sich an einer internationalen Gemeinschaftsmission zum Mars zu beteiligen. Russland will also primus inter pares sein. Ehrgeizig, aber nicht unrealistisch.

FLUG REVUE Ausgabe 05/2013

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