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Reale Träume

Kommerzialisierte Raumfahrt

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Genaugenommen ist die Dragon-Kapsel auch „nur“ ein Transporter wie das europäische ATV, doch die NASA und SpaceX denken weiter: Bald wird der private Drache auch bemannt fliegen. Davon können die Europäer nur träumen.

Wie überall in den USA findet man auch bei der NASA ein beinahe undurchdringliches Dickicht an Programmen und Projekten mit komplizierten Abkürzungen. Für Außenstehende ist es ziemlich schwierig, sich da einen Durchblick zu verschaffen, und die gegenwärtigen Bestrebungen zur Kommerzialisierung der bemannten Raumfahrt bilden da keine Ausnahme.

Nehmen wir zum Beispiel C3PO, was nicht etwa auf die Star-Wars-Filme hinweist, sondern für „Commercial Crew and Cargo Program Offi ce“ steht. Dieses hat die Aufgabe, die bemannte Raumfahrt mit Hilfe des Aufbaus einer kommerziellen Raumtransportindustrie abzusichern. Das soll dank zielgerichteter Investitionen beziehungsweise Förderungen geschehen, damit Transportkapazitäten für niedrige Erdumlaufbahnen, sprich für die Internationale Raumstation, entwickelt werden.

Zugleich will die Regierung politische Rahmenbedingungen werden, damit die beteiligten Unternehmen eine günstige Marktumgebung vorfinden. Um sich nicht von einem einzigen Anbieter abhängig zu machen, werden vom Staat in Gestalt der NASA immer mehrere, jedoch mindestens zwei Bewerber unterstützt. Diese sollten möglichst auch weit voneinander entfernte Produktionsanlagen vorweisen, damit die USA bei einem möglichen Terroranschlag nicht ihrer sämtlichen Raumtransportmittel beraubt wären.

Gegenüber früheren NASA-Strategien ist die Agentur also jetzt nicht mehr Eigentümer der Raketen und/oder Raumkapseln, sondern nur noch Mieter. Auch wenn sie die Entwicklung und den Bau mit großzügigen Summen und technischer Hilfestellung fördert, stehen die industriellen Partner zum Schluss als alleinige Eigentümer da, so dass sie beim Einsatz relativ geringer Eigeninvestitionen recht schnell in die Gewinnzone gelangen. C3PO hat bislang Partnerschaftsvereinbarungen mit rund 800 Millionen Dollar für den Frachttransport und weiteren 50 Millionen für Studien zur Crewbeförderung unterstützt.

Die Entwicklung von Transportkapazitäten für Fracht, zuvörderst in Richtung ISS, wurde unter dem Begriff COTS zusammengefasst (Commercial Orbital Transportation Services), wonach die Partner in der Industrie trotz technischer Hilfe und finanzieller Förderung seitens des Staates die alleinige Verantwortung für ihre Produkte tragen. Die NASA forderte die Industrie auf, Transportmittel zu entwickeln, die folgende Bedingungen allein oder in Gesamtheit erfüllen:

A – Lieferung und abschließende Entfernung (Verglühen beim Rücksturz zur Erde) von Fracht in nicht druckbelüfteten Abteilen (Treibstoff, Wasser, Atemluft usw.),
B – das gleiche in begehbaren Drucksektionen (Lebensmittel, Experimente, Werkzeuge, Ersatzteile usw.),
C – das gleiche mit sicherer Rückführung von Fracht zur Erde, vor allem von Experimentproben, sowie
D – Crewtransport hin und zurück.

Innerhalb der COTS werden derzeit zwei Bewerber massiv gefördert, und zwar die Orbital Sciences Corp. mit der Trägerrakete Antares und der Raumkapsel Cygnus sowie SpaceX mit dem Raumtransportsystem Falcon 9/Dragon. Zumindest im Zeitplan hat SpaceX bereits weit die Nase vorn, denn die Dragon-Kapsel hat bereits einen Demonstrationsflug und zwei ganz reguläre Versorgungsmissionen zur ISS absolviert. Zudem ist Dragon auch größer und bietet damit mehr Frachtkapazität, doch wie bereits erwähnt: Die Größe allein ist nicht entscheidend für den Auftraggeber. Hauptsache, beide Systeme sind unabhängig voneinander verfügbar.

Für den Punkt D, der identisch ist mit dem zweiten, bemannten Arbeitsbereich von C3PO, fand man auch eine neue Abkürzung, nämlich CCDev – Commercial Crew Development. So bedeutete beispielsweise der offizielle Abschied der NASA von den Space Shuttles nicht automatisch den generellen Verzicht auf wieder verwendbare Raumgleiter, wie die Unterstützung des Projekts Dream Chaser der Sierra Nevada Corp. beweist. Finanzielle Unterstützung zur Entwicklung neuer Raketen, Raumfahrzeuge oder unterstützender Systeme ging an folgende Partner:

● SpaceX
● Orbital Sciences
● Blue Origin
● Boeing
● Paragon
● Sierra Nevada
● United Launch Alliance

NASA wählte vier Projekte aus

Nach ersten Studien und Vorschlägen der Unternehmen an die NASA wählte diese im April 2011 vier Projekte aus und startete mit deren Weiterentwicklung die Phase CCDev 2. Die dafür geplanten Fördermittel wurden wie folgt verteilt:

● 92,3 Mio. US$ an Boeing,
● 75 Mio. US$ an SpaceX,
● 80 Mio. US$ an Sierra Nevada und
● 22 Mio. US$ an Blue Origin.

Wie all diese Zahlen und Fakten zeigen, liegt SpaceX mit der Trägerrakete Falcon 9 und der bislang noch unbemannt fliegenden Dragon-Kapsel weit vorn im Rennen um die Gunst der NASA. Offensichtlich hatte Firmengründer Elon Musk nicht nur den richtigen Riecher, als er von Internetdienstleistungen auf Raumfahrt umsattelte, sondern auch eine glückliche Hand bei der Auswahl seiner Mitarbeiter, sprich Ingenieure. Sie haben in relativ kurzer Zeit, innerhalb eines engen finanziellen Spielraums und mit erstaunlich wenigen Rückschlägen ein funktionierendes Raumtransportsystem aus dem Boden gestampft und dabei selbst Boeing weit hinter sich gelassen. Von deren geplanter Raumkapsel CST-100 existieren derzeit nur Funktionsmodelle.

Zugleich haben sie bewiesen, dass es durchaus möglich ist, innerhalb eines Fixpreissystems seitens des Auftraggebers einerseits, jedoch mit der Aussicht auf satte Gewinne bei dessen Zufriedenheit andererseits die bemannte Raumfahrt der USA möglicherweise auf eine neue Stufe zu stellen. Noch vor wenigen Jahren war das von kaum jemandem für möglich gehalten worden, hatten doch die großen, etablierten Unternehmen der US-Raumfahrtindustrie im Laufe vieler Jahre eine erstaunliche Selbstbedienungsmentalität entwickelt, wenn es darum ging, sich aus den großen Töpfen zu bedienen, die von der Regierung immer wieder mit Steuergeldern gefüllt wurden.

Diese Zeiten sind wohl nun endgültig vorbei, und das ist gut so. Straffe Zeitpläne und begrenzte Mittel sorgen für Kreativität und erstaunliche Lösungen. Musk lässt seine Konstrukteure jetzt schon an einer Falcon Heavy arbeiten, die 53 Tonnen Nutzlast in den Orbit schleppen soll, an einem „Grasshopper“ als Demonstrationsmodell für die mögliche Wiederverwendbarkeit der Falcon-Hauptbaugruppen sowie an einem Umbau der Kapsel, so dass sie möglicherweise künftig statt zu wassern auf einem eigenen Landegestell weich auf festem Boden landen kann – und das alles ohne Förderungsverträge mit der NASA.

Selbst über eine Weiterentwicklung von Dragon zum Marslander sinniert er öffentlich nach und gesteht, dass er bei einem bemannten Marsunternehmen gern dabei wäre. Vielleicht ist es gerade diese persönliche Faszination der Raumfahrt, die Menschen wie Musk und sein Team so erfolgreich werden lässt.

FLUG REVUE Ausgabe 07/2013

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