Die Zielzahlen bleiben ambitioniert: Bis Ende 2033, also in weniger als acht Jahren, will Russlands größte Airline Aeroflot satte 200 Exemplare der neuen Jakowlew MS-21-310 einflotten. Das bedeutet, das laufende Jahr mit eingerechnet, eine jährliche Lieferrate von 25 Flugzeugen.
Objektiv betrachtet mag das nicht nach viel klingen, schließlich bauen Airbus und Boeing die gleiche Menge A320 und 737 in nicht einmal zwei Wochen. Für die russische Luftfahrtindustrie, die sich seit spätestens 2022 komplett neu erfinden muss und dabei ganz auf sich allein gestellt ist, bedeutet das jedoch eine Herkulesaufgabe. Zumal es gilt, neben der MS-21-310 auch weitere neue, "russifizierte" Muster in die Spur zu bringen – namentlich die Großprojekte Superjet SJ-100 und Iljuschin Il-114-300, sowie die wieder aufgelegte Tupolew Tu-214, die im Flugzeugwerk Kasan gebaut wird.
Die technisch angestaubte, weil noch aus der späten Sowjetzeit stammende, Tu-214 möchte sich die für ihren modernen Anspruch bekannte Aeroflot eher nicht so gern ins Haus holen. Umso größere Hoffnung setzt man in der Konzernzentrale deshalb auf die von westlichen Bauteilen "befreite" MS-21.
Musterzulassung (endlich) vor Augen
Was dieses auf links gekrempelte Muster, das in der sanktionsbedingt verworfenen Grundversion stark auf Komponenten aus dem Westen fußte, in der rein russischen Ausführung wirklich leisten kann, bleibt vorerst eine Blackbox. Klar ist allerdings, dass sich die MS-21-310, wie auch Superjet und Il-114, in der Endphase der Flugerprobung befindet.
Nach aktuellem Stand wird die daraus folgende Musterzulassung für die Turboprop-Zweimot Il-114-300 im Mai, für den Regionaljet SJ-100 im August und für die MS-21-310 im Oktober dieses Jahres erwartet. Andrey Napolnow, Leiter der Abteilung Investor Relations bei Aeroflot, geht ausdrücklich davon aus, dass der Zeitplan dieses Mal erfüllt wird: "Wir erwarten die erste Auslieferung russischer Flugzeuge bis Ende 2026, wir bereiten uns sehr intensiv darauf vor", so Napolnow nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Tass am Rande eines Webinars der Sberbank.
Aeroflot bereitet sich vor
Die Vorbereitungen bei Aeroflot betreffen demnach primär die Planung des Streckennetzes für die neuen Muster SJ-100 und MS-21 sowie die Schulung von Flug-, Kabinen- und Wartungspersonal. "Die wichtigste Aufgabe ist natürlich, diese Flugzeuge in Betrieb zu nehmen und ihren effizienten Betrieb sicherzustellen, einschließlich der Gewährleistung von Sicherheit und Passagierkomfort auf dem Niveau, das unsere Gäste von Flügen mit ausländischen Flugzeugen gewohnt sind", erläuterte Napolnow.
Auch der Ausbau und die Anpassung von Wartungseinrichtungen, die die ausgelieferten MS-21 und Superjet SJ-100 aktiv halten sollen, steht bei Aeroflot auf dem Programm.

MS-21-310 und Superjet SJ-100 (startend im Hintergrund) sind die zentralen Passagierjet-Projekte der russischen Luftfahrtindustrie.
Zulassung und Lieferketten als Hürde
Aktuell stehen und fallen die gesetzten Ziele für die Einflottung der russischen Flugzeuge bei Aeroflot (und anderen Fluglinien) mit dem Zeitraum, den der Zulassungsprozess noch in Anspruch nimmt. "Der genaue Zeitpunkt hängt von den Testergebnissen und Stellungnahmen der Zertifizierungsstelle ab", schreibt dazu die Nachrichtenagentur Tass.
Ein Nadelöhr könnten aber auch die Lieferketten werden, die man für den Serienbau der neuen Muster etablieren muss. Mit dem erzwungenen Verzicht auf ausländische Lieferanten liegt die gesamte Last auf einem, großenteils mühsam aus dem Boden gestampften, innerrussischen Netzwerk von Zulieferern, dessen Belastbarkeit für eine umfassende, dauerhafte und reibungslose Serienproduktion sich erst noch zeigen muss.
Zwar baut beispielsweise das Flugzeugwerk Irkutsk bereits an rund 20 serienmäßigen MS-21-310, um diese nach erteilter Zulassung möglichst rasch abliefern zu können. Inwiefern es Russland gelingt, eine autarke Produktion von mehreren Airliner-Mustern parallel zu etablieren, bleibt aber offen.





