Die US-Regierung unter Präsident Donald Trump nutzt die Abhängigkeit der chinesischen Luftfahrtindustrie von Zulieferern aus den USA als Druckmittel gegenüber Peking. Das ist keine Neuigkeit, sondern gängige Sanktionspraxis seit Beginn von Trumps zweiter Amtszeit Anfang 2025.
Allerdings scheint Washington seine Methoden auf diesem Gebiet zu systematisieren. Jedenfalls schreibt die Nachrichtenagentur Reuters unter Bezug auf anonyme Quellen, das US-Handelsministerium habe jüngst die Vergabe von Exportlizenzen für Flugzeugteile nach China gedrosselt. Ganz konkret habe das Ministerium "die Anzahl der Teile, deren Lieferung an den staatlichen chinesischen Flugzeughersteller COMAC lizenziert wurde, begrenzt", schreibt Reuters. Dadurch solle verhindert werden, dass Chinas staatlicher Flugzeughersteller "Vorräte anlegt", um die Produktion neuer Flugzeuge längerfristig abzusichern.
Parallel dazu sei die US-Regierung bestrebt, die Ausfuhr entsprechender Komponenten nach China per Verordnung dauerhaft einzuschränken.
Für COMAC und das wichtigste zivile Flugzeugprogramm Chinas, den Passagierjet C919, kommen diese Entwicklungen zur Unzeit.

Die COMAC C919 ist das erste moderne Passagierflugzeug, das vollständig in China entwickelt wurde.
Nur wenige Auslieferungen 2025 und 2026
Die C919, die im Segment der Brot-und-Butter-Flugzeuge Airbus A320 und Boeing 737 angesiedelt ist, steht zwar bereits seit 2023 in China im Liniendienst – und das, soweit man weiß, auch recht erfolgreich. Allerdings hinken die Lieferzahlen neuer Flugzeuge dem in Peking ausgegebenen Plan seit Längerem stark hinterher.
So standen für das vergangene Jahr beispielsweise 75 Auslieferungen im Programm. Wirklich übergeben hat COMAC aber nur 15 Flugzeuge. Für 2026 stehen bislang, nach aktuellem Stand, lediglich zwölf ausgelieferte C919 im Protokoll. Wie viele es zum Jahresende sein werden, bleibt offen.
Insgesamt fliegen in China gegenwärtig 42 C919 im regulären Passagierverkehr, verteilt auf die staatlichen Fluggesellschaften China Eastern (17 Flugzeuge), China Southern (13) und Air China (12). Das Orderbuch für den Standardrumpf-Zweistrahler umfasst laut chinesischen Medienberichten bereits über 1000 Exemplare.

Die C919 erhielt im Herbst 2022 ihre Musterzulassung. Den ersten Linienflug mit dem neuen Typ absolvierte China Eastern Airlines am 28. Mai 2023.
Abhängigkeit von US-Technik
Für den offensichtlich stockenden Produktionshochlauf sehen chinesische Analysten mehrere Gründe. Zum einen setze COMAC bei der Fertigung der C919 primär auf Qualität und nur in zweiter Linie auf Quantität, wie etwa ein Bericht der South China Morning Post aus Hongkong anmerkt.
Weit schwerer, das ist kein Geheimnis, wiegt jedoch die Abhängigkeit der C919 von Hightech-Komponenten aus den USA. So wirkte sich beispielsweise die vorübergehende, von der Trump-Regierung im Frühjahr 2025 beschlossene, Exportbeschränkung für Triebwerksteile stark auf den Serienbau des chinesischen A320-Pendants aus.
Die C919 nutzt als Antrieb zwei LEAP-1C-Triebwerke von CFM International. CFM wiederum ist ein Joint-Venture der Triebwerksbauer Safran aus Frankreich und GE Aerosoace aus den USA.

Als Antrieb nutzt die C919 zwei LEAP-1C-Turbofans von CFM International. Eine chinesische Triebwerksoption befindet sich in der Erprobung.
Importe als Nadelöhr
Zwar hob die US-Regierung das Embargo wenige Monate später, nach einer Zwischeneinigung mit Peking, wieder auf. Jedoch agiere GE seither "zurückhaltend" bei der Ausfuhr von Triebwerken nach China, wie der chinesische Luftfahrtanalyst Li Hanming gegenüber der South China Morning Post konstatiert. Schließlich könne der US-Konzern seine Triebwerkstechnik "an Airbus und Boeing zu höheren Preisen und mit weniger Aufwand verkaufen", so Hanming.
Darüber hinaus ist Comac für die Fertigung der C919 neben dem Triebwerk auch auf andere kritische Komponenten "made in USA" angewiesen. Dazu zählen vor allem weite Teile der Avionik, aber auch das Hydrauliksystem und weitere wichtige Bereiche, für die es bislang kein serienreifes chinesisches Gegenstück gibt.
Zwar seien einheimische Analoga für die betreffenden Teile in Entwicklung, wie der US-Analyst Richard Aboulafia der South China Morning Post darlegte. Dennoch werde es "noch lange dauern", bis diese die entsprechenden US-Komponenten vollständig ersetzen könnten.

Inzwischen fliegt die C919 auch bei den staatlichen Airlines China Southern (Foto) und Air China.
Streben nach mehr Autarkie
Tatsächlich befindet sich mit dem CJ-1000A ein chinesisches Triebwerk für die C919 bereits seit 2023 im Flugtest. Einsatzreif ist es bis dato nicht. Laut Informationen der South China Morning Post arbeitet China außerdem an Dichtstoffen, Farben und Schrauben, die bislang ebenfalls aus dem Westen stammen.
Perspektivisch steht Chinas Luftfahrtindustrie wohl vor ähnlichen Herausforderungen wie die Kollegen in Russland: es gilt, die Abhängigkeit vom Westen möglichst zu beenden, um für alle Fälle gewappnet zu sein.
Gerade das Beispiel Russlands zeigt jedoch, dass dieser Prozess, mit der Entwicklung einheimischer Hightech-Luftfahrtkomponenten auf der einen und dem Aufbau eines tragfähigen inländischen Zulieferer-Netzwerks auf der anderen Seite, alles andere als trivial ist. Wenngleich die Voraussetzungen dafür in China mutmaßlich besser sind als in Russland.

Die Kabine der C919 bietet je nach Layout Platz für 158 bis 192 Passagiere.
Handelsbeschränkungen als Ansporn
Mancher chinesische Beobachter sieht die im Raum stehenden Handelsbeschränkungen für US-Flugzeugteile folgerichtig als Ansporn für die einheimische Industrie. Victor Gao vom Thinktank "Centre for China and Globalisation" aus Peking gibt gegenüber der South China Morning Post zu Protokoll, der einzige Zweck solcher Einschnitte bestehe darin, "China vollständig autark zu machen".
Langfristig werde das Gebaren der US-Regierung COMAC eher nutzen als schaden – weil es Chinas Flugzeugbauer motiviere, die Entwicklung einheimischer Alternativen zu perfektionieren.
Ob dieser Plan rechtzeitig aufgeht, bleibt abzuwarten. Vorerst muss COMAC jedenfalls weiter auf die Politik hoffen, um ausreichend C919-Komponenten aus den USA zu erhalten.





