Russlands Retro-Passagierjet Tu-214 - wann endlich mit Zweimann-Cockpit?

Russlands Retro-Passagierjet
Wann bekommt die Tu-214 endlich ihr Zweimann-Cockpit?

ArtikeldatumVeröffentlicht am 14.10.2026
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Das Staatliche Luftfahrtinstitut in Moskau, kurz MAI, hat laut eigener Auskunft ein Weiterbildungsprogramm für hauseigene Ingenieure sowie für Kollegen von Tupolew ins Leben gerufen. Dabei geht es um ein "Projekt zur Modernisierung der Bordausrüstung des russischen Mittelstrecken-Passagierflugzeugs Tu-214", wie es in einer Pressemitteilung des Instituts heißt. Ziel ist "die Modifizierung des Flugsteuerungssystems" der Tu-214, "um die Arbeitsbelastung der Besatzung zu verringern und die Anzahl der Personen im Cockpit von drei auf zwei zu reduzieren, wodurch der Flugingenieur entfällt."

Was sich vor dem Hintergrund moderner Airliner-Cockpits, in denen der besagte Flugingenieur längst ausgestorben ist, liest wie eine Information aus den 1990er Jahren, wird vom MAI für das Tu-214-Programm in Russland im Herbst 2026 als ernsthafte, "wirtschaftlich bedeutende Herausforderung" klassifiziert.

Denn in der Tu-214 arbeiten standardmäßig immer noch drei Personen im Cockpit, auch wenn das Muster von seinen Entwicklern in der Endphase der UdSSR einst eine zeitgemäße Fly-by-wire-Steuerung mitbekam.

Tu-214-Produktion in Kasan

Dass sich das in all den Jahren nie geändert hat, liegt zum Teil an der kommerziellen Erfolglosigkeit, mit denen die im Flugzeugwerk Kasan gefertigte Tu-214 bislang aufwartete. Vor allem aber hatte die russische Luftwaffe als größter Abnehmer für den als Passagierjet gefloppten Zweistrahler dem Vernehmen nach stets darauf hingewirkt, an der Drei-Mann-Konstellation festzuhalten.

Die Luftstreitkräfte hielten mit ihrem anhaltenden Bedarf die Produktion der Tu-214 in Kasan dauerhaft aufrecht, wenn auch auf homöopathisch niedrigem Niveau von durchschnittlich anderthalb Flugzeugen pro Jahr.

Patrick Zwerger

"Russifizierung" der Tu-214

Mit dem vom Kreml als Reaktion auf westliche Sanktionen forcierten Comeback der Tu-214 für den zivilen Liniendienst rückte das technisch angestaubte Flugzeug ab Mitte 2022 wieder in den Fokus. Seither geistern Zielzahlen von zehn bis 20 neuen Exemplaren pro Jahr durch die Flure der verantwortlichen Gremien in Politik und Industrie.

Das Kasaner Flugzeugwerk S. P. Gorbunow wurde – und wird noch – stark modernisiert und erweitert, die Belegschaft sollte massiv wachsen. Gleichzeitig entfernte Tupolew auftragsgemäß die wenigen westlichen Elemente in der Tu-214 – wie etwa die Notrutschen in der Kabine sowie die Kollsionswarnsysteme im Cockpit. An ihre Stelle traten in Russland entwickelte Pendants. Für diese Modifikationen erteilte die russische Zivilluftfahrtbehörde Rosawiazija Ende Dezember 2025 eine ergänzende Zulassung.

Statt der noch zu Jahresbeginn 2026 avisierten acht neuen Tu-214 hat man in Kasan bis Mitte Oktober allerdings keine einzige fertiggestellt. Bis zum Jahreswechsel bleibt den Russen damit nicht mehr sonderlich viel Zeit, um zumindest die Quote von 2025 zu erreichen, als man immerhin eine – nach neuen Standards produzierte – Tu-214 hinbekam.

Neu gebaute Tupolew Tu-214 in Russland
UAC (OAK)

Tupolew mit Zweimann-Cockpit

Um im zweiten Anlauf als Passagierjet wirklich eine langfristige Erfolgsaussicht zu haben, braucht die Tu-214 aber definitiv ein echtes Zweimann-Cockpit. Ein solches gab es in der Flugzeugfamilie Tu-204/214 bereits vor gut anderthalb Jahrzehnten, doch das als Tu-204SM bekannte Projekt wurde seinerzeit nicht weiterverfolgt. Die Ausrüstung der Tu-204SM gilt heute als veraltet, weshalb der Tupolew-Mutterkonzern, die staatliche Flugzeugbau-Holding UAC (OAK), bereits Ende 2023 die Entwicklung eines neuen Flight Decks für die Tu-214 ankündigte – mit dem erklärten Ziel, diese bis 2026 abzuschließen.

Wenn man sich nun die eingangs zitierte Pressemitteilung des MAI zu Gemüte führt, hat sich seither wohl nicht wirklich viel getan. Immerhin habe man bereits "die zu optimierenden oder zu ersetzenden Elemente identifiziert", schreibt das Institut. In einem nächsten Schritt gelte es nun, die Modifikationen "mit minimalem Kostenaufwand für die Arbeiten und die anschließenden Zertifizierungsverfahren zu realisieren."

Tupolew (OAK)

Wie soll es weitergehen?

Bis das tatsächlich Früchte trägt, fließen in Russland noch einige Liter Wasser die Wolga hinunter. Im vom MAI bekanntgegebenen Fortbildungsprogramm geht es zunächst um "eine erste Kostenschätzung, einen Arbeitsplan und einen Fahrplan für die Zusammenarbeit mit Industriepartnern", so das Institut. Die Teilnehmer "befassen sich außerdem mit der Konstruktion eines Prüfstands zur Integration der Bordausrüstung, der für die Vorbereitung des modernisierten Systems für Boden- und Flugtests erforderlich ist."

Das MAI-Programm soll bis Ende Oktober laufen. Anschließend werden MAI und Tupolew nach Institutsangaben die Ergebnisse zusammenfassen und die Wirtschaftlichkeit der erarbeiteten "organisatorischen und technischen Lösungen" bewerten. Termine für den tatsächlichen Beginn der Cockpit-Umbauten, Zertifizierungstests und die Indienststellung der Tu-214 mit einer zweiköpfigen Besatzung wurden nicht festgelegt.