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Zeitungsbericht nennt gravierende Verstöße

Sicherheitsmängel in der Dreamliner-Produktion?

Foto: Patrick Zwerger

Hat Boeing bei der Montage der 787 geschlampt? Ehemalige und aktuelle Mitarbeiter erheben in einem Bericht der New York Times schwere Vorwürfe. Demnach sei es bei den im Werk North Charleston gefertigten Dreamlinern regelmäßig zu gravierenden Sicherheitsverstößen gekommen. Boeing bestreitet die Anschuldigungen.

Scharfkantige Metallsplitter in unmittelbarer Nähe zu Kabeln, vergessene Werkzeuge, Fremdkörper im Dreamliner-Cockpit: Die Sicherheitsmängel, die die New York Times aus dem Boeing-Montagewerk North Charleston in South Carolina vermeldet, muten verstörend an. Vor allem, weil sie offenbar aus erster Hand stammen: „Hunderte Seiten“ aus internen Emails, Boeing-Firmendokumenten und behördlichen Reports haben die Autoren des Artikels eigenen Angaben zufolge durchgearbeitet – und überdies mehr als ein Dutzend Interviews mit aktuellen und ehemaligen Boeing-Mitarbeitern geführt. Die daraus ableitbaren Vorwürfe gipfeln demnach in der These, Boeing habe Sicherheitsdefizite konsequent ignoriert, um die Dreamliner-Fertigungsrate in North Charleston zu maximieren. Es sei außerdem Druck ausgeübt worden auf Mitarbeiter, die wiederholt auf diese Defizite hinwiesen.

Boeing bietet seinen "Dreamliner" in drei Versionen an. Die 787-10 ist die jüngste und größte Variante.

Boeing-Techniker: „Würde nicht damit fliegen“

Der Artikel der New York Times zitiert mehrere Angestellte und Ex-Mitarbeiter des Dreamliner-Montagewerks namentlich. Harte Worte findet etwa Joseph Clayton, Boeing-Techniker in North Charleston: „Ich habe meiner Frau gesagt, dass ich niemals mit einem solchen Flugzeug fliegen möchte. Es ist einfach eine Frage der Sicherheit.“ Regelmäßig habe er bei Inspektionen Fremdkörper und scharfe Metallspäne unterhalb der Cockpits fabrikneuer Dreamliner entdeckt, oft gefährlich nah an Kabeln der Flugsteuerung. Sein Ex-Kollege John Barnett, bis 2017 Qualitätsmanager in North Charleston und fast 30 Jahre für Boeing tätig, bestätigt dies: „Ich habe nie ein in Charleston gebautes Flugzeug gesehen, bei dem ich mit meinem Namen dafür eingestanden hätte, dass es sicher und flugtüchtig ist.“ Würden die Kabel von den im Flugzeug zurückgelassenen Metallsplittern durchtrennt, könne das „katastrophale“ Folgen haben, so Barnett weiter. Er habe deshalb mehrfach seine Vorgesetzten über die Sicherheitsmängel informiert. Statt den Hinweisen nachzugehen, habe man ihn jedoch kurzerhand in einen anderen Bereich der Fabrik abkommandiert.

Die Boeing 787 wird in Everett und North Charleston gefertigt. Die Produktionsrate liegt derzeit bei 14 Maschinen pro Monat.

Kaugummi, Werkzeug – und sogar eine Leiter

Teilweise nehmen der New York Times zitierten Schilderungen fast skurrile Dimensionen an: So hätten Mitarbeiter in einem Fall eine Leiter und eine Lichterkette in unmittelbarer Nähe zum Antrieb des Höhenruders gefunden, die das Ruder im schlimmsten Fall hätten blockieren können. Weitere Mitarbeiter berichteten anonym von zurückgelassenen Werkzeugen und Bauteilen nahe elektrischer Systeme. Techniker John Clayton erzählte der Zeitung, er habe kürzlich hinter einer Türverkleidung Kaugummi entdeckt, der einen Teil der Verkleidung zusammenhielt: „Das ist zwar nicht sicherheitsrelevant, aber trotzdem nichts, was man einem Kunden präsentieren möchte.“

Boeing wehrt sich

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Boeing selbst bestreitet die von den Mitarbeitern erhobenen Vorwurfe. Kevin McAllister, Chef der Zivilflugzeugsparte des Konzerns, äußerte sich gegenüber der New York Times, er sei „stolz auf unser Bekenntnis zur Qualität und stehe hinter der Arbeit, die unsere Mitarbeiter Tag für Tag verrichten.“ Die Mitarbeiter von Boeing South Carolina produzierten nach den höchsten Qualitätsstandards in der Firmengeschichte. Brad Zaback, Standortleiter von Boeing South Carolina, kommentierte den Bericht der Zeitung in einer Email an seine Mitarbeiter. Der Artikel enthalte verzerrte Informationen, alte Geschichten und Gerüchte, die man längst aus der Welt geschafft habe. Die Produktionsabläufe im Werk North Charleston seien zufriedenstellend: „Der Bericht zeichnet ein schiefes und ungenaues Bild des Programms und unseres Teams hier in South Carolina“. Die New York Times habe zudem das Angebot abgelehnt, die Produktionsstätte zu besuchen.

Auch die FAA fand Metallsplitter

Allerdings zitiert die New York Times nicht nur Boeing-Mitarbeiter, sondern auch Lynn Lunsford, einen Sprecher der US-Zivilluftfahrtbehörde FAA. Dieser bestätigte zumindest den Umstand, dass man bei Kontrollen in Charleston Metallsplitter in Dreamlinern gefunden habe, die von Boeing zuvor als frei von solchen Rückständen deklariert worden waren.

Aktuelle Mitarbeiter aus Charleston berichten außerdem, dass sie wenige Wochen nach dem zweiten Absturz einer Boeing 737 MAX von ihren Vorgesetzten ermahnt wurden, genau darauf zu achten, in neu gefertigten Flugzeugen keine Gegenstände zurückzulassen. Dies berge unkalkulierbare Risiken für die Sicherheit. Zudem mache das Unternehmen gerade eine schwierige Zeit durch.

Im Raum steht auch die Entscheidung von Qatar Airways, aus Qualitätsgründen keine Dreamliner mehr aus der Produktionslinie North Charleston in die Flotte aufzunehmen. Diesen Entschluss hatte Qatar 2014 bekanntgegeben – und laut New York Times seither tatsächlich nur noch 787 übernommen, die im Boeing-Stammwerk Everett produziert wurden. Dennoch sprang Qatar demonstrativ Boeing zur Seite: Man habe nach wie vor vollstes Vertrauen in alle Flugzeuge und Produktionsstätten des Herstellers.

American Airlines ist mit insgesamt 89 Festbestellungen größter Dreamliner-Kunde.


Dreamliner-Montagewerk North Charleston

Das Boeing-Werk in North Charleston war bis Ende 2011 eigens als zweite Produktionslinie für die Dreamliner-Endmontage gebaut worden. Allerdings hatte der Flugzeughersteller nach Angaben der New York Times von Anfang an Probleme, qualifiziertes Personal in ausreichender Menge für die neue Fabrik zu finden. Man habe sich nicht auf ein über Generationen gewachsenes Knowhow mit entsprechender Personaldecke und Infrastruktur stützen können, wie dies etwa in der Boeing-Stammregion Seattle der Fall sei. Zudem sei man interessiert gewesen, Kosten zu sparen, indem man bevorzugt Mitarbeiter rekrutiert habe, die nicht gewerkschaftlich organisiert sind. Der Bundesstaat South Carolina bseitze den geringsten Anteil gewerkschaftlich organisierter Arbeiter in den gesamten USA, so die New York Times weiter.

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