Eine Nummer größer
Heart Aerospace plant den hybriden 30-Sitzer

Heart Aerospace plant eine Nummer größer: Anstelle eines elektrischen 19-Sitzers will das schwedische Unternehmen ein hybrid-elektrisches Regionalflugzeug mit 30 Sitzen auf den Markt bringen. Und das schon 2028.

Heart Aerospace plant den hybriden 30-Sitzer
Foto: Heart Aerospace

Ein dicker, eckiger Bauch, in dem 5,5 Tonnen Batterien Platz finden, abgestrebte Flügel und vier Elektromotoren: Das sind die markantesten Merkmale der ES-30. Einer ihrer Trümpfe aber versteckt sich im Inneren. Es handelt sich um zwei Turbogeneratoren im Heck. "Wir nennen das ein Reserve-Hybrid-System", sagte Anders Forslund, Gründer und CEO von Heart Aerospace, bei der Vorstellung des neuen Flugzeugs Mitte September. Die Turbogeneratoren liefern zusätzliche Sicherheit und Reichweite.Sie sollen im Flug gestartet werden können, beispielsweise, wenn das Flugzeug Umwege fliegen muss. Mit ihrer Hilfe soll die ES-30 bis zu 400 Kilometer weit kommen. Im hybrid-elektrischen Betrieb würden im Vergleich zu ähnlichen Turbopropflugzeugen 50 Prozent weniger Schadstoffe ausgestoßen, so Forslund. Rein elektrisch beträgt die Reichweite bescheidene 200 Kilometer. "Wir glauben, dass das der Einstiegsmarkt für diese Größe von Flugzeug ist", so Forslund.

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Bereits im Juni 2022 hatte Heart Aerospace angekündigt, bei der Entwicklung von den ursprünglich anvisierten CS-23-Zulassungsvorschriften der europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) für Regionalflugzeuge mit höchstens 19 Sitzplätzen bis zu einer maximalen Startmasse von 8618 Kilogramm auf die CS-25-Bauvorschriften für große Airliner zu wechseln.

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Schon 2027 soll die Serienfertigung starten.

Weltweite Nachfrage

Die kleinere ES-19 sei maßgeschneidert für den skandinavischen Markt gewesen, wo es ambitionierte politische Maßgaben für eine vollständige Dekarbonisierung von Inlandsflügen gibt. "Wir erfuhren, dass es einen ähnlichen Bedarf im Rest Europas, in den Vereinigten Staaten, Kanada, Neuseeland und vielen weiteren Regionen gibt. Aber um ein Flugzeug zu bauen, das überall fliegen kann, musste die ES-19 verändert werden", sagte Forslund. Man habe die Gepäckkapazität vergrößert, um den Fluggesellschaften mehr Streckenflexibilität zu bieten. Mit einem CS-23-Flugzeug sei das wegen der Gewichtsbegrenzung schwierig geworden. Hinzukommen strikte Vorgaben für den Airline-Einsatz. Zum Beispiel muss ein Flugzeug so viel Energie zur Verfügung haben, dass es zusätzlich zur geplanten Strecke weitere 45 Minuten und 185 Kilometer zurücklegen kann, um einen Ausweichflughafen zu erreichen. Für die ES-19 wären nach Angaben von Forslund von der nominellen Reichweite von 400 Kilometern noch etwa 150 Kilometer übrig geblieben. "Um den grünen Übergang so bald wie möglich zu beginnen, müssen wir ein Flugzeug entwerfen, das für die Airlines funktioniert – das profitabel mit deren bestehender Infrastruktur und unter Nutzung ihres bestehenden Geschäftsmodells funktioniert", sagte der Chef des 2018 gegründeten Start-ups aus Göteborg. In den Augen von Heart Aerospace erfüllt die ES-30 diese Kriterien und kann bereits einige Bestellungen von Fluggesellschaften vorweisen: United Airlines will 100 ES-30 kaufen (+ 50 Optionen), ebenso Mesa Airlines, Air Canada orderte 30 Flugzeuge (und hat zudem eine Minderheitsbeteiligung an Heart erworben). Absichtserklärungen, unter anderem von Braathens, Sevenair, Sounds Air und SAS, für knapp 100 Flugzeuge liegen nach Angaben von Heart vor. "Wir glauben, dass dieses Flugzeug mit viel größeren, 50-sitzigen Turboprop-Flugzeugen konkurrenzfähig ist", ist Forslund überzeugt.

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Die portugiesische Sevenair hat eine Absichtserklärung für bis zu sechs ES-30 abgegeben.

Mehrere Partner an Board

Die Druckkabine für 30 Passagiere verfügt im Gang über Stehhöhe. Kleines Handgepäck wird in Overhead Bins verstaut, größere Gepäckstücke finden in einem abgetrennten Frachtbereich im Heck Platz – vor den Turbogeneratoren. Optional können eine Galley und eine Bordtoilette eingebaut werden. Den Piloten bietet sich ein moderner Arbeitsplatz mit einem Glascockpit und digitalem Fly-by-Wire. Die Avioniksuite wird Garmin zuliefern. Heart Aerospace hat bereits weitere renommierte Zulieferer ins Boot geholt, darunter Aernnova (Zelle), MSBInteriors (Kabine) und Latécoère (Türen). Der schwedische Luftfahrt- und Rüstungskonzern Saab wird einige noch nicht spezifizierte Subsysteme beisteuern und hat ebenfalls eine Minderheitsbeteiligung an Heart Aerospace erworben. Das elektrische Antriebssystem entwickelt das Start-upselbst und zeigt sich dazu erstaunlich wortkarg. 2020 wurde ein erster bodenbasierter Prototyp vorgestellt und getestet.

Erstflug für 2026 geplant

Rapid Prototyping und Tests physischer Bauteile in einem frühen Stadium spielen neben modernsten digitalen Methoden wie der Erstellung eines virtuellen Zwillings eine wichtige Rolle in der Entwicklung der ES-30. Dafür hat man 2022 am Hauptsitz am Säve Airport in Göteborg eine integrierte Testanlage eingerichtet. "Wir haben ein komplettes Flugzeug am Boden gebaut", erklärte der Chefingenieur Markus Kochs-Kämper. Dazu gehört auch ein Flugsimulator. So können alle Systeme, darunter Flugsteuerung, Avionik und Elektromotoren, im Zusammenspiel erprobt werden. 2026 will Heart Aerospace mit den Flugtests der ES-30 beginnen. Das Flugtestzentrum, der neue Hauptsitz und die Endmontage für mehr als 120 Flugzeuge pro Jahr sollen ebenfalls am Säve Airport aufgebaut werden.

Die ES-30 soll kontinuierlich mit jeweils neuester Batterietechnologie nachgerüstet werden. Heart Aerospace sieht die ES-30 als erstes Mitglied einer Flugzeugfamilie. Eine Rumpfstreckung für eine Kapazität von bis zu 50 Passagieren ist die Vision.

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Gründer Anders Forslund ist überzeugt, dass seine ES-30 ein Elektroflugzeug sei, welches die Industrie tatsächlich nutzen könne.

Daten Heart ES-30

Typ Hybrid-elektrisches Regionalflugzeug

Spannweite: 30,7 m
Länge: 22,7 m
Sitzplätze: 30 (2+1-Anordnung)
Reichweite rein elektrisch: 200 km
Reichweite hybrid-elektrisch: 400 km,
Reichweite hybrid-elektrisch mit 25 Passagieren: 800 km
Antrieb: 4 Elektromotoren à 750 kW, Batterien, zwei Turbogeneratoren à 800 kW
Max. Flughöhe: 20 000 Fuß (6096 m)
Turnaround-Zeit: 30 min (mit Schnellladung)
Indienststellung: Geplant 2028

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