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Frank Herzog
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„Hochriskante Flugführung“ führte zum Ju-Air-Crash

Die letzten Minuten der HB-HOT „Hochriskante Flugführung“ führte zum Ju-Air-Crash

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Der 4. August 2018 war ein schwarzer Tag für die historische Luftfahrt: An diesem Tag stürzte in den Schweizer Alpen die Junkers Ju 52 HB-HOT ab. Alle 17 Passagiere und drei Crew-Mitglieder starben. Nun liegt der Abschlussbericht der Unfallermittler vor.

Als die 17 Fluggäste der Ju-Air an diesem heißen Sommernachmittag in Locarno die Ju 52 mit dem Kennzeichen HB-HOT bestiegen, war noch alles perfekt. Allesamt hatten sie bei der Ju-Air eine zweitägige Erlebnisreise in den Kanton Tessin gebucht. Tags zuvor hatte sie die HB-HOT bereits von Dübendorf aus über die Alpen nach Locarno gebracht. Für den heutigen 4. August war nun der Rückflug angesetzt. Die Sonne schien, die Sicht war klar, die Bedingungen gut. Trotzdem kamen Flugzeug, Crew und Passagiere nie in Dübendorf an: Die HB-HOT zerschellte in einem Talkessel des Piz Segnas, im Kanton Graubünden, auf 2.500 Metern Höhe. Alle 20 Insassen waren sofort tot.

Schwierige Ermittlungen

Zweieinhalb Jahre lang untersuchte die Schweizer Flugunfallbehörde SUST den Absturz. Da die Ju 52 keine Black Boxes an Bord hatte, waren sie dabei zu einem großen Teil auf Berichte, Bild- und Videomaterial von Augenzeugen angewiesen. Auch sichergestellte Videos aus dem Inneren des Flugzeugs, sowie Radar- und GPS-Daten flossen in die Untersuchung ein. Was diese Informationen zusammen mit der Analyse des Wracks in ihrer Gesamtheit zutage tragen, wertet die SUST in ihrem Abschlussbericht als "hochriskante Flugführung" der Piloten, die letztlich direkt ursächlich für den Absturz gewesen sei.

SUST
Die verhängnisvolle Flugbahn der HB-HOT in den Talkessel des Piz Segnas, rekonstruiert durch die SUST.

Zu tief, zu nah, zu langsam

Wörtlich heißt es hierzu im SUST-Bericht: "Die Piloten steuerten das Flugzeug in geringer Höhe, ohne Möglichkeit für einen alternativen Flugweg und mit einer für diese Verhältnisse gefährlich tiefen Geschwindigkeit in das enge Tal südwestlich des Piz Segnas. In diesem Tal durchflog das Flugzeug Turbulenzen, wie sie im Gebirge in Geländenähe stets zu erwarten sind." Zwar hätten die Bedingungen durchaus ein problemloses Durchfliegen des Kessels "in angemessener Höhe" erlaubt, so die SUST. Die "hochriskante Flugführung" habe jedoch bewirkt, "dass die Piloten in diesen nicht außergewöhnlichen Turbulenzen die Kontrolle über das Flugzeug verloren und für ein Abfangen des Flugzeuges zu wenig Raum zur Verfügung stand. Als Folge davon stürzte das Flugzeug nahezu senkrecht zu Boden."

"Hochriskante Situation"

Im weiteren Verlauf heißt es: "Es gehört zu den elementaren Grundsätzen des Gebirgsfluges, dass stets die Möglichkeit für einen alternativen Flugweg oder eine Umkehrkurve bestehen muss. Indem die Flugbesatzung auf diese sicherheitsrelevanten Voraussetzungen ver-zichtete, schuf sie in Verbindung mit der geringen Flughöhe gegenüber dem zu überquerenden Pass eine hochriskante Situation, die keine Toleranz gegenüber weiteren Fehlern, Störungen oder Einflüssen von aussen mehr aufwies. Damit stellt diese Art der Flugführung eine kausale Voraussetzung für den weiteren Ablauf des Ereignisses dar."

Hohe Risiken als Normalfall

Zudem stellte die SUST fest, dass der Schwerpunkt der HB-HOT zu weit hinten lag: "Die Berechnung von Masse und Schwerpunktlage" sei unvollständig und infolge einer fehlerhaften Software "durch weitere systemische Fehler verfälscht" gewesen. Die SUST mokiert weiterhin, dass sich innerhalb der Ju Air in den zurückliegenden Jahren ein verhängnisvolles Risikoverhalten eingschlichen habe. So seien immer wieder Fälle bekanntgeworden, bei denen Piloten mit ihren Ju 52 die vorgeschriebenen Mindestabstände im Gebirge unterschritten hätten. Im Detail untersucht habe man "44 Situationen, die im Rahmen von 36 Flügen festgestellt werden konnten. In diesen Fällen bestand eine hohe Unfallwahrscheinlichkeit, weil die Flugbesatzungen hohe Risiken eingingen."

Ju Air
Die SUST kritisiert einen mangelhaften Umgang der Piloten mit Regeln und Risiken im Gebirge, der bei der Ju-Air offenbar Alltag war.

"Gewohnt, Regeln zu missachten"

Die Ju-Air selbst habe gegen diese gängige Praxis nichts unternommen. Und auch das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL), die zuständige Aufsichtsbehörde, "duldete es, dass Ju-Air von den für den gewerblichen Betrieb geforderten Mindestflughöhen sowie von weiteren Anforderungen abwich", so der Untersuchungsbericht weiter. MIt fatalen Folgen: "Die Flugbesatzung der verunfallten Junkers Ju 52/3m g4e war sich nachweislich gewohnt, anerkannte Regeln für einen sicheren Flugbetrieb zu missachten und hohe Risiken einzugehen, was zur beschriebenen Flugtaktik geführt hat. Diese Gewohnheit stellt deshalb einen direkt zum Unfall beitragenden Faktor dar."

Ju Air
Die Ju-Air will ihren Piloten künftig genauer auf die Finger schauen, mit Nachdruck Disziplin schulen - und ab 2023 wieder fliegen.

Ju-Air will 2023 wieder fliegen

Die Ju-Air reagierte auf den SUST-Bericht entsprechend reumütig: Man habe "die restlose Aufklärung der Ursachen immer vorbehaltlos unterstützt" und werde nun "die sehr umfangreichen Untersuchungsergebnisse detailliert analysieren und daraus Schlüsse für den künftigen Betrieb ableiten, um die Flugsicherheit weiter zu erhöhen." Nach wie vor strebe man an, den Flugbetrieb mit den verbliebenen Ju 52 im Jahr 2023 wieder aufzunehmen – dann jedoch mit anderen Vorzeichen als vor dem Crash: Die Erkenntnisse und Empfehlungen der SUST würden "bei der künftigen Selektion, Ausbildung und Kontrolle von Piloten mit einfliessen", so die Ju-Air weiter.