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Paparazzi-Jet

Veteranen im Einsatz bei Boeing

Wenn bei Boeing ein Erstflug ansteht, sind zwei Oldies in der Luft, die dank einzigartiger Fähigkeiten modernere Nachfolger ausstechen.

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Flughafen Paine Field in Everett, eine halbe Stunde nördlich von Seattle: Am 21. März 2011 macht sich auf der Startbahn der erste Jumbo Jet der gestreckten Passagierversion, die Boeing 747-8 Intercontinental, zum Erstflug bereit. Doch bevor die beiden Boeing-Testpiloten im Jumbo ihre vier Schubhebel nach vorne schieben und Vollgas geben, sprechen sie sich per Funk mit ein paar fliegenden Kollegen ab, die man bisher nur als kleine Punkte am Horizont erkennt: zwei Boeing-eigene Canadair CT- 133 Mk III Silver Star.

Insgesamt 656 Stück wurden einst bei Canadair mit abweichenden Rolls-Royce-Nene-Turbojet-Triebwerken, statt des Allison J33, gebaut. Mitte der 90er Jahre waren die letzten Flugzeuge dieser Reihe bei der Royal Canadian Air Force ausgemustert worden.

Doch diese beiden kanadischen Lizenzbauten der Lockheed T-33 sind noch heute bei Boeing regelmäßig im Einsatz und begleiten alle Erst- und viele sonstige Testflüge. Ob für AWACS-Antennen-Modifikationen, die Erstflüge von Boeing 787-8 oder -9, neue Drohnenprogramme oder die jüngste Boeing-737-Militärversion P-8A, immer ist mindestens eine CT-133 dabei, häufig sogar beide zugleich.

Bis zum sanften Aufsetzen in Everett begleitet diese CT-133 den Flug einer gestreckten Boeing 747-8F beim Testprogramm. Foto und Copyright: Boeing

Die Doppelsitzer dienen hier als so genannte „Chase Planes“, als Verfolger. Sie begleiten ihre fliegende Kundschaft, um deren Flug zu beobachten und zu dokumentieren. Dafür ist neben einem
Testpiloten meistens noch ein „Scientific Photographer“, also ein wissenschaftlicher Fotograf, auf dem hinteren Sitz an Bord. Er fotografiert oder filmt den Prototyp und dessen Flugverhalten. Springen Luken auf oder vibrieren Verkleidungen im Flug? Treten Flüssigkeiten oder gar Rauch aus oder gibt es andere besondere Beobachtungen? Fährt das Fahrwerk korrekt ein und aus?

Um diese Fragen zu klären, kreisen die beiden „Chase Planes“ schon vor dem Erstflug nahe des Flughafens. Wenn der Erstflugkandidat am Boden sich im Funk startbereit meldet, positionieren sie sich im Langsamflug genauso hinter der Startbahn, dass sie schon das Anrollen und Abheben ihres „Kunden“ mit zunehmender Geschwindigkeit aus nächster Nähe begleiten und dokumentieren können. „Airborne pickup“ nennt man das durchaus anspruchsvolle Manöver.

In enger Formation, mit je einer CT-133 nahe jeder Flügelspitze, hebt der Jumbo ab. Für die kleinen Verfolger ist höchste Flugpräzision gefragt. Etwas zu dicht, und sie kommen in die gefährlichen Wirbelschleppen nahe der Flügelspitze; zu weit weg, und wertvolle Details könnten unbeobachtet bleiben.

CT-133 dient auch als eigene Testplattform

Für Flüge mit höheren Geschwindigkeiten steht der Testmannschaft auch noch diese zivile Northrop T-38 Talon (unten) zur Verfügung. Foto und Copyright: Boeing

Hier kommen die einzigartigen Flugeigenschaften der Oldies ins Spiel. Als kunstflugtaugliche Trainerversion aus der Lockheed Shooting Star abgeleitet, hat die einfache und robuste CT-133 grundsätzlich sehr gutmütige Flugeigenschaften. Allerdings ist die Hydraulik für die Querruderunterstützung für ihren „toten Punkt“ gefürchtet. Hält man den Steuerknüppel genau in der Mittelstellung, passiert lange nichts. Erst wenn man den leicht schwammigen Mittelbereich verlassen hat, sprechen die Querruder an. Gewöhnungssache – und für die erfahrenen Boeing-Piloten, die hier am Steuer sitzen, kein Problem.

Vorteilhaft ist das breite Geschwindigkeits-und Höhenspektrum der CT-133. Mit nur 260 km/h kann sie einerseits sehr langsam fliegen, kommt aber andererseits auf bis zu 960 km/h Höchstgeschwindigkeit und damit dicht an die Schallgrenze, etwa wenn sehr schnelle Flüge für Flattertests begleitet werden sollen. Außerdem kann sie bis auf 14300 Meter Höhe steigen und schafft auch mehrstündige Missionen ohne Nachtanken. Die kostengünstige CT-133 ist nur einstrahlig und nicht mit einem Nachbrenner ausgestattet und dadurch auch vergleichsweise leise. Dieser Aspekt ist wichtig, denn die Flugteststaffel ist auf dem Stadtflughafen Boeing Field in Seattle beheimatet, in unmittelbarer Nähe der Ingenieurabteilungen und älterer Wohngebiete.

Wenn es schneller gehen soll, kann die Teststaffel auch noch auf ein drittes, moderneres Flugzeug zurückgreifen, eine Northrop T-38 Talon. Die schafft bei Bedarf auch Überschalltempo, ist aber meistens im kalifornischen Palmdale unterwegs.

Die wenig bekannte CT-133-Testflotte gehört zum Boeing-Bereich „Test and Evaluation“. Damit versteht es sich von selbst, dass neben reinen Begleitaufgaben auch eigene Testflüge durchgeführt werden. Zum Beispiel mit neuer Cockpitavionik, wie etwa den so genannten „Highway in the Sky“- Anzeigen, bei denen der Soll-Flugweg dreidimensional auf einem großen Display als Abfolge von Zielpunkten angezeigt wird.

Bei Bedarf können unter den Flügeln jeweils noch Kamera oder Telemetriebehälter installiert werden. Damit kann die CT-133 ihre Bilder auch live an die Zentrale senden. Manchmal gelingen den Crews auch spektakuläre Fotos, die anschließend von Boeing als Werbemotiv verbreitet werden, aber dies ist nicht die Hauptaufgabe der rein technisch orientierten Besatzungen.

Ihr stolzes Alter von 60 Jahren Jahren sieht man den beiden Oldies nicht an. Blank gewienert und ständig von handverlesenen Ingenieuren und Technikern im „Hangar 1“ auf ihrem Heimatflughafen Boeing Field umsorgt, können die nächsten 60 Jahre kommen.

Technische Daten: CT 133

An ihrer typischen Flügelposition, knapp außerhalb der Wirbelschleppen, begleitet die CT-133 einen startenden Boeing 747-8-Passagierjumbo. Foto und Copyright: Boeing

Die CT-133 bei Boeing

N109X
amtliche Musterbezeichnung bei der FAA: T-33
Seriennummer: 21298
Baujahr: 1954
Zulassung: Experimental
Einsatzgebiet: Forschung und Entwicklung

N416X
amtliche Musterbezeichnung bei der FAA: T-33-Mk 3
Seriennummer: 369
Baujahr: 1954
Zulassung: Experimental
Einsatzgebiet: Forschung und Entwicklung


Canadair CT-133 (CL-30) „Silver Star“

Einsatzgebiet: zweisitziger Strahltrainer der RCAF
Besatzung: ein Pilot, ein Fotograf
Antrieb: ein Rolls-Royce-Turbojet-Triebwerk Nene 10 mit 22 kN Schub
Länge: 11,48 m
Spannweite: 12,93 m
Höhe: 3,55 m
Leermasse: 3830 kg
max. Startmasse: 7630 kg
Höchstgeschwindigkeit: 960 km/h
Dienstgipfelhöhe: 14 300 m

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