Selbst heute wirkt die in mehreren Museen ausgestellte Lockheed SR-71 wie ein Gefährt aus der Zukunft. Kaum zu glauben, dass der Mach 3 schnelle Aufklärer schon vor mehr als 60 Jahren, nämlich am 22. Dezember 1964, zu seinem Erstflug gestartet war. Als die USA 1989 die Ausmusterung beschlossen, war die Enttäuschung nicht nur bei Luftfahrtfreunden groß. Nach den letzten geflogenen Einsätzen 1990 dauerte es nicht lange, bis auch Generäle und Politiker den Wert der Blackbird trotz ihrer immensen Betriebskosten erkannten. Satelliten und unbemannte Fluggeräte konnten sie einfach nicht vollumfänglich ersetzen.
Daher fiel die Entscheidung, einige Exemplare wieder flugklar zu machen. Mitte 1995 war es dann so weit: Die erste SR-71 ging wieder in Dienst. Doch das Comeback war nur von kurzer Dauer, denn der damalige US-Präsident Bill Clinton versuchte persönlich, die Blackbird aus Kostengründen wieder auf den Boden zu bringen. Mit Erfolg, denn 1998 war die Ära der Maschine bei der US Air Force endgültig zu Ende. Zwei Exemplare flogen noch bis 1999 bei der NASA. Dort kamen sie bei verschiedenen Forschungsvorhaben zum Einsatz.

Die NASA 844 führte den letzten Flug einer Blackbird durch und stand seit 1999 im Freien.
Fast 30 Jahre am Boden
Am 9. Oktober 1999 führte die Maschine mit der Kennung NASA 844 (Seriennummer 61-7980) den letzten Flug des Musters durch. Anschließend wurde sie beim Dryden (heute Armstrong) Flight Research Center der NASA auf der Edwards Air Force Base abgestellt. Damit ist seit nunmehr 27 Jahren keine SR-71 mehr geflogen, und selbst die enthusiastischsten Fans hätten nicht im Traum daran gedacht, jemals wieder eine Blackbird in ihrem Element erleben zu können. Sowohl technischer als auch finanzieller Aufwand schienen so groß, dass niemand auf die Idee gekommen wäre. Oder doch nicht?

Seitdem brodelt die Gerüchteküche: Bei einem Vortrag zeigte Jared Isaacman ein Bild von einem der Blackbird sehr ähnlichem Flugzeug.
Kryptische Ankündigung vom NASA-Chef
Die Spekulationen begannen, als NASA-Administrator Jared Isaacman während seines Vortrags auf dem Mitte September stattgefundenen Technologiekongress All-In Summit in Los Angeles eine Abhandlung zum Thema "Neugestaltung unseres X-Flugzeuge-Portfolios" hielt. Dabei zeigte er ein computergeneriertes Bild eines Flugzeugs, das stark dem einzigartigen Profil der Blackbird ähnelte. "Wir bauen unsere X-Plane-Flotte neu auf. Die X-59 dient der Erforschung des geräuscharmen Überschallflugs, aber das ist erst der Anfang", sagte er in seiner Rede. "Da sich die NASA erneut den Flugtests verschreibt und gemeinsam mit der Industrie daran arbeitet, die Grenzen des Flugzeugzellen- und Antriebsdesigns zu erweitern, wird es nicht lange dauern, bis die NASA wieder so hoch und so schnell fliegt wie in den vergangenen Jahrzehnten – und dann sogar noch höher und schneller."
Neuer Forschungsjet
Später auf die vermeintliche Blackbird angesprochen, lachte er und antwortete: "Sind Sie sicher, dass es eine Blackbird ist? Wie ich gesagt habe, die NASA ist wieder im Geschäft, um hoch und schnell zu fliegen." Damit dürfte sicher sein, dass die nationale Luft- und Raumfahrtagentur der USA an einem neuen High-Speed-Forschungsflugzeug arbeitet. "Über die Jahre waren wir gezwungen, unser Luftfahrtbudget für die Subventionierung von Hochtechnologieprojekten der großen Hauptauftragnehmer in der Industrie auszugeben. … Ich will zu den radialen Flugzeug- und Triebwerksentwicklungen zurück, so wie wir es eigentlich immer getan haben sollten. Und Sie bekommen hier einen kleinen Vorgeschmack davon", meinte Isaacman. Doch mehr Informationen ließen sich ihm nicht entlocken.
Ausgestelle SR-71 verschwunden
So weit so gut. Aber als sich dann herausstellte, dass die seit Jahren auf dem NASA-Gelände in Edwards neben anderen Mustern wie F-104 und X-29 ausgestellte SR-71 (844) nicht mehr an ihrem Platz befand, begann die Gerüchteküche, richtig zu brodeln. Laut einem Bericht des US-Luftfahrtmagazins Aviation Week soll die Blackbird für eine Inspektion in einen Hangar gebracht worden sein, möglicherweise im Mai oder früher. Außerdem hätte die NASA versucht, ehemalige Ingenieure trotz ihres hohen Alters anzuheuern. Offiziell will die Agentur das Vorhaben jedoch nicht bestätigen: "Wir sind uns des Interesses an der SR-71 und ihrer bemerkenswerten Geschichte bei der NASA bewusst, haben jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine weiteren Informationen zu diesem Flugzeug mitzuteilen."

Die 844 stand bis zum Frühjahr 2026 auf ihrer Ausstellungsfläche beim Armstrong Flight Research Center. Nun ist sie weg.
Wie realistisch ist eine Rückkehr?
Die Blackbird wieder in die Luft zu bekommen wäre wahrlich eine Mammutaufgabe. Neben den Finanzen gibt es zahlreiche weitere Herausforderungen. Ersatzteile müssten neu gefertigt (und im schlimmsten Fall neu entworfen) werden, das Personal mit SR-71-Erfahrung wird immer weniger, wenn überhaupt noch vorhanden. Und den speziellen, für die J58-Triebwerke nötigen JP-7-Treibstoff gibt es auch nicht mehr. Allerdings wäre gerade Isaacman zuzutrauen, dass er die Hercules-Aufgabe angeht, zumal er auch privat Jet-begeistert ist. Er unterhält eine Mikojan MiG-29UB und lässt einen Panavia Tornado ADV (Air Defence Variant) wieder flugfähig aufarbeiten. Auch die legendäre Grumman F-14 Tomcat scheint es (nicht nur) ihm angetan zu haben. So sieht der im März 2026 eingebrachte Gesetzentwurf "Maverick Act" die Überstellung von drei F-14D an die NASA in Huntsville, Alabama, vor.
Ob der Schwenkflügler tatsächlich wieder an den Himmel zurückkehrt, muss sich zeigen. Auf jeden Fall wäre das Projekt enorm komplex, aufwendig und teuer. Die Rückkehr der Blackbird gilt aber als noch um ein Vielfaches schwieriger. Daher wäre es denkbar, dass die SR-71 die Entwicklung eines neuen Forschungsflugzeugs unterstützen könnte, vielleicht durch die Erstellung eines digitalen Zwillings. Auf jeden Fall arbeitet die NASA an der 844, und zwar tiefgründiger als bei einer rein kosmetischen Aufarbeitung für Ausstellungszwecke. Diesen Fall hätte die Agentur sicher so kommuniziert.

Im Jahr 2013 veröffentlichte Lockheed Martin diese Studie der möglichen "SR-72".
Geheimprojekt für NASA-Zwecke?
Ein neues Hyperschall-Flugzeug innerhalb kurzer Zeit aus dem Hut zu zaubern, wie es Isaacman andeutete, ist indes sehr unwahrscheinlich. Vielleicht kann er dafür auf bereits gemachte Industrie-Entwicklungen zurückgreifen. Schließlich hatte Lockheed vor einigen Jahren begonnen, an der Fortsetzung der Erfolgsgeschichte der Blackbird zu arbeiten. Mit Hilfe einer Kombination aus konventionellem Strahltriebwerk und Überschall-Staustrahlantrieb (Scramjet) sollten Geschwindigkeiten von Mach 6 möglich sein. Im Jahr 2013 präsentierte das Unternehmen schließlich den mit privaten Mitteln erstellten Entwurf der "SR-72". Im Dezember 2014 vergab die NASA entsprechende Studienaufträge für das Antriebssystem an Lockheed und Aerojet Rocketdyne. Knapp vier Jahre später verkündete Lockheed, dass ein Prototyp schon 2025 flöge, und dass die SR-72 in den 2030er Jahren in Dienst gehen könnte. Doch wenig später wurde es still um das Projekt. Auch zum angekündigten Bau eines Demonstrators gab es keinerlei Informationen.
Auf den wenigen, bisher veröffentlichten Studien wies der Entwurf nur ein Seitenleitwerk und keinerlei Ähnlichkeit zur SR-71 auf. Mehr optische Verwandtschaft besitzt dagegen die fiktive "Darkstar" aus dem Kinofilm "Top Gun Maverick" – kein Wunder, denn beim Bau des Modells in Originalgröße waren auch Ingenieure der Skunk Works von Lockheed beteiligt, der Spezialabteilung der Firma für geheime und besondere Programme. Was auch immer Isaacman aus dem Hut zaubern wird – es bleibt auf jeden Fall spannend.





