Begleitet von schmissiger, patriotischer Musik rollt der noch unlackierte Kaan P1 über das Werksgelände von Turkish Aerospace Industries (TAI) in Kahramankazan bei Ankara. Das Video, das TAI am vergangenen Freitag über die sozialen Medien streute, ist der erste offizielle Beleg, dass der – im Vergleich zum Kaan-Erstling P0 deutlich überarbeitete – neue Stealth-Kampfjet der Türkei wohl nicht mehr weit von seinem Jungfernflug entfernt ist.
TAI hat mit den Rollversuchen des Prototyps begonnen, der bereits mit zahlreichen Systemen bestückt sein soll, die sich auch in der späteren Kaan-Serienversion wiederfinden werden. Das Rollen aus eigener Kraft, mit sukzessive gesteigerter Geschwindigkeit bei jedem neuen Anlauf, markiert gemeinhin die finale Bodentestphase neuer Flugzeugprogramme. Als Krönung dieser Disziplin warten Rollversuche und Startabbruchtests mit hoher Geschwindigkeit auf den neuen Kaan – bevor die Erprobung am Boden schließlich in den Start zum ersten Flug mündet.
Dieser ist für den Kaan P1 auf jeden Fall noch dieses Jahr geplant – will TAI doch nach eigenen Angaben 2026 "intensive Flugtests" mit dem Vorzeigeprojekt der türkischen Luftfahrt- und Rüstungsindustrie beginnen.
Was unterscheidet Kaan P1 von Kaan P0?
Gegenüber dem ersten Kaan P0, der öffentlich seit seinem Erstflug im Februar 2024 nur noch sporadisch in Erscheinung trat, zeigt sich der neue Kaan P1 optisch leicht verändert. So ist die Hinterkante der Höhenleitwerke nun nicht mehr gerade, sondern abgewinkelt. Außerdem erhielt Kaan P1 einen dezent wulstigeren Rumpfrücken – die Partie zwischen den Triebwerken ist deutlich weniger konkav als zuvor. Das Fahrwerk scheint kurzer, robuster und wirkt weniger filigran, darüber hinaus scheint sich die Positionierung der Hauptfahrwerksbeine an die Rumpfaußenkante verschoben zu haben.
Die seitlichen Lufteinlässe setzen jetzt direkt hinter dem Cockpit und auch etwas höher an, beim ersten Prototyp waren sie ein Stück weiter vorn positioniert. Auch die Querruder an den Tragflächen zeigen sich leicht überarbeitet. Geblieben ist indes die markant hochgezogene Nase des Entwurfs, wobei die Frontpartie beim zweiten Flugzeug insgesamt ein wenig schlanker wirkt.

Die drei existierenden Kaan-Prototypen P0 (Mitte, fliegt seit 2024), P1 (rechts, fertig montiert) und P2 (links, noch unvollendet). Das Foto stammt von Ende Februar 2026.
Innere Werte aufgestockt
Ebenfalls geblieben ist der Antrieb des ersten türkischen Kampfjets: zwei GE Aerospace F110-GE-129 aus den USA finden im Kaan P1 Platz. Alle Prototypen und auch die ersten Serienjets das Standards Block-10 sollen zunächst mit diesem Turbofan-Triebwerk bestückt werden, für spätere Exemplare plant man mit dem im eigenen Land entwickelten TF35000. Das allerdings steckt noch in einem recht frühen Entwicklungsstadium.
Einiges getan hat sich derweil bei den inneren Werten des neuen Fighters. Während der primär als Tech- und Design-Demonstrator gebaute Kaan P0 unter der Verkleidung noch weitgehend "leer" war, hat in den P1 bereits Avionik des türkischen Hightech-Zulieferers Aselsan Einzug gehalten. Welche Sensoren und Systeme schon konkret verbaut sind, verrät TAI nicht. Markant thront wie beim Vorgänger der Infrarot-Such- und Verfolgungssensor (IRST) vor dem Cockpit auf der Nase, dieses Mal mutmaßlich in funktionsfähigem Zustand. Was weiterhin aber wohl fehlt, ist das türkische AESA-Radar MURAD 600-A, ebenfalls entwickelt von Aselsan.

Die Türkei peilt beim Kaan weitestgehende Autonomie von ausländischen Zulieferern an. Das türkische Strahltriebwerk TF35000 soll in einigen Jahren das F110 von GE aus den USA ersetzen.
(Zu) ehrgeiziger Zeitplan
Die Türkei plant offiziell weiter die Einführung der ersten Kaan-Vorserienflugzeuge bis Ende 2028. Angesichts dessen, dass das laufende Jahr bereits weit fortgeschritten ist und der Prototyp P1 erst jetzt mit den Rolltests beginnt, weitere fliegende Testmaschinen noch nicht fertig sind und P0 bis dato kaum geflogen ist, dürfte dieses Datum – objektiv betrachtet – kaum zu halten sein. Damit wären TAI und Kaan allerdings im internationalen Vergleich nicht allein, gehören doch Verzögerungen bei vergleichbaren Rüstungsprogrammen beinahe zum guten Ton – sieht man von einzelnen Ausnahmen ab.
Dass das größte Projekt der türkischen Luftfahrtgeschichte zielstrebig Fortschritte macht, ist dennoch nicht zu leugnen. Bis zum Erstflug des ersten "echten", vollwertigen Kaan-Prototyps P1 dürfte es jedenfalls nicht mehr lange dauern.





