Die Gerüchteküche wabert nicht. Sie brodelt. Heute Vormittag sollen sie kommen. Um 10:30 Uhr, sagt der Buschfunk. Und um 14:30 Uhr nochmal. Schließlich sind sie gestern auch zweimal durch – wenngleich beide Male erst nach der Mittagspause. Vielleicht machen sie das auch heute so? Und wenn, kommen sie dann, wie gestern Mittag, aus Richtung Meer von Norden oder doch, wie sonst meistens, aus dem Süden?
Niemand hier am Berg weiß wirklich etwas sicher. Umso heißer wird diskutiert auf dem Fels-Plateau, das jedes Frühjahr zum Hotspot der Flugzeugfotografen wird. Alle warten auf den großen Auftritt von... ja, von wem eigentlich?
Eine Frage, die sich beinahe von selbst beantwortet. Natürlich geht es um die F-4E Phantom, von der die griechische Luftwaffe noch rund ein Dutzend Exemplare fliegt. Nicht nur das, die Griechen zählen zu den letzten Nutzern dieses lebenden Fighter-Fossils, und würde man hier auf den Klippen der Vouraikos-Schlucht zwischen den Peloponnes-Dörfern Diakopto und Kalavryta 100 Leute fragen, warum sie – teilweise in aller Herrgottsfrühe – an die Felskanten gepilgert sind, man bekäme wohl nur eine einzige Antwort: na, um Phantoms zu sehen!

Echt schön hier, auf den Gipfeln liegt sogar noch Schnee. Die Vouraikos-Schlucht ist ein beliebtes Wandergebiet. Und ein noch beliebteres Tiefflug-Areal!
Invasion der Planespotter
Allerdings: es sind nicht nur 100 Leute gekommen, es dürften eher 300 bis 400 sein. Vielleicht auch mehr, so genau lässt sich das kaum festmachen, die Meute verteilt sich ganz stattlich, zu beiden Seiten des Canyons. Aber die Massen an Mietwagen, die unten entlang der steilen Schotterstraße parken, sprechen Bände. Ein Geheimtipp jedenfalls ist dieser Ort nicht mehr.

Da nähert es sich, das Objekt der Begierde: F-4E Phantom von links! Der Spitzname "Smoker" kommt nicht von ungefähr...
Kommen sie, oder kommen sie nicht?
Die griechischen F-4 sind stationiert in Andravida, dem Schauplatz der jährlichen Großübung "Iniochos",die Anfang März wieder einmal ansteht. Luftlinie liegt Andravida rund 80 Kilometer westlich der Vouraikos-Schlucht. Das heißt, wenn die Phantoms von ihrer Homebase starten, sind sie in wenigen Minuten da. Theoretisch. Praktisch könnte es auch anderthalb Stunden dauern, je nachdem, ob sie direkt am Anfang oder eher am Ende ihrer Mission durch die Schlucht pfeffern. Wenn sie nicht, aus unerfindlichen Gründen, den Canyon sogar komplett meiden. Ob die Gerüchte also stimmen?
Der Vormittag plätschert dahin. Die Sonne scheint und wärmt die starren Glieder. Müdigkeit weicht Stück für Stück erwartungsvoller Spannung. Manche Anwesende sind schon seit 3 Uhr morgens am Start, haben frühmorgendliche Winde und Temperaturen um den Gefrierpunkt bereitwillig ertragen – nur um rechtzeitig in Position zu sein. Ich selbst bin "erst" seit kurz nach 6 hier – zu spät für die Logenplätze, aber eindeutig noch früh genug, um trotzdem was zu sehen. Zum Beispiel den Vollmond, der sich vor Sonnenaufgang hinter den Bergkamm gegenüber hat sinken lassen. Das ist jetzt auch schon wieder vier Stunden her...
Phantoms im Anflug: "Smoker incoming!"
Um exakt 10:27 ist es mit der Ruhe vorbei. Ein Aufschrei peitscht durch die Kulisse: "Smoker incoming!", brüllt jemand. Sofort springt alles auf, Gespräche werden abgebrochen, jeder nimmt im Eiltempo die Kamera in Anschlag.
Ja, tatsächlich, die Rauchfahne da am Horizont im Süden ist nicht zu übersehen. Klarer Fall, die gehört zu einer F-4E. "Und da kommt noch ein Smoker", brüllt jemand neben mir. Zwei also. Zwei Phantoms – gefolgt von vier französischen Mirage 2000D, die, noch in gebührlicher Entfernung, als dunkle Punkte am Himmel eine nach der anderen ins Tal abtauchen, den Phantoms dicht auf den Fersen. Jetzt gilt's. In wenigen Sekunden sind sie hier!

Die letzten Phantoms der Griechen sind der 338. Mira in Andravida zugeordnet - und (nicht nur) am Peloponnes die Publikumslieblinge schlechthin.
Mirage-Quartett im Schlepptau
Und da schießen sie auch schon durch, direkt zu unseren Füßen, so tief, dass selbst die Eidechsen vor Schreck fast vom Fels purzeln: Rauchend, donnernd, wild zeigen die "Eisenschweine" der Hellenen, dass sie auch nach über 50 Dienstjahren noch voll in Form sind. Sehr zur Freude der Fotografen, deren Auslöser im Dauerfeuer klackern, bis die Speicherkarten glühen.
Dann sind die Phantoms auch schon durch, verschwinden hinter der nächsten Felsklippe in Richtung Küste, doch zum Verschnaufen bleibt keine Zeit, noch nicht einmal groß hinterherschauen ist möglich, denn es geht direkt weiter. Die Franzosen kommen!
Und wie sie kommen: Vier Jets, Schlag auf Schlag, ein Pass spektakulärer als der andere. Die dritte Mirage zündet gar im Vorbeiflug direkt vor der Fotografenmeute den Nachbrenner. Bääämmm! Was ist denn hier los?!

Heiß, heißer, Mirage 200D: Die Franzosen ließen es im Canyon krachen - sogar mit Nachbrenner.
Fotografisch anspruchsvoll
Exakt dieselbe Frage stelle ich mir, als ich – nachdem ich binnen Sekunden sechs Kampfjets im Tiefflug mit der Kamera hinterhergejagt bin – bei langsam nachlassender Anspannung die pixel-gewordene Ausbeute des Erlebten im Kamera-Display begutachte. Die Mirages waren mir und der Knipse offenbar schon wieder zu schnell – genau wie letztes Jahr, als sie mich fast vom Berg gehustet hätten. Auf jeden Fall zeigt die Durchsicht deutlich mehr Ausschuss als Verwertbares – aber wenigstens ein Nachbrenner-Schuss ist brauchbar. Immerhin. Die Phantoms sind dafür beide im Kasten. Das ist gut. Hauptziel erreicht!

Ebenfalls Griechin, ebenfalls selten: Die doppelsitzige Mirage 2000-5BG aus Tanagra nimmt man am Nachmittag gerne mit.
Nachmittag ohne F-4
Tatsächlich kommen sie am Nachmittag nicht nochmal, die "Smoker". Und das, obwohl die Sonne beharrlich weiter scheint. Dafür setzen die Franzosen, wieder als Quartett, eine erneute Duftmarke. Fliegen können sie tatsächlich... Griechische Mirage 2000, stationiert in Tanagra bei Athen, geben sich ebenfalls im Viererpack die Ehre. F-16 aus Larissa und Araxos, letztere die Platzhirsche des Canyons, die hier das ganze Jahr trainieren, dürfen genauso wenig fehlen. Und die Slowenen, die wieder, wie im Vorjahr, mit Pilatus PC-9 am Start sind, mischen auch gut mit.
Dass das Feld der internationalen Teilnehmer bei "Iniochos" – auch aufgrund unschöner Entwicklungen in Nahost – 2026 ziemlich dünn ist, fällt vor Ort irgendwie gar nicht ins Gewicht. Was geboten ist, reicht völlig.
"Habe ich im Vorfeld wirklich überlegt, ob ich überhaupt kommen soll?", frage ich mich selbst später im Auto, bei der Rückfahrt ins Tal. Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern. Was ich aber sagen kann, ist: Ich bin froh, dass ich da war. Wer weiß, wie oft sich dazu künftig noch die Möglichkeit ergibt.





