Neue Version Tu-95MSM
Russlands alte Bären fliegen Richtung Zukunft

Für die russische Luftwaffe ist die Tupolew Tu-95 "Bear" unverzichtbar – und zwar seit fast 70 Jahren. Das wird auch noch lange so bleiben, deshalb steht mit der Tu-95MSM eine stark modernisierte Variante in den Startlöchern. Diese Woche hob sie wieder zum Testflug ab.

Russlands alte Bären fliegen Richtung Zukunft
Foto: Dmitry Terekhov (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Neues Radar, neue Systeme, mehr Waffen, bessere Triebwerke. Das sind die Attribute, mit denen die neueste Variante des Turboprop-Bombers Tupolew Tu-95, im NATO-Jargon "Baer" genannt, hausieren geht. In den kommenden Jahren sollen sämtliche "Bären" der aktuellen Version Tu-95MS der russischen Luftwaffe auf den neuen Standard Tu-95MSM hochgerüstet werden. Auf diese Weise will die russische Luftwaffe den Einsatz des bewährten Musters bis mindestens 2040 absichern – und zugleich dafür sorgen, dass die Tu-95 trotz ihrer beeindruckend langen Karriere weiter auf der Höhe der Zeit bleibt.

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Russisches Verteidigungsministerium
Die Tu-95 bleibt auch weiterhin das Rückgrat der Strategischen Bomberflotte Russlands und soll bis mindestens 2040 im Einsatz stehen.

Vom Bomber zum Raketenträger

Der Erstflug der Ur-Version jährte sich im November 2022 zum 70. Mal, 1956 stießen die ersten Serienexemplare zur damaligen Sowjet-Luftwaffe. Zwar blieb die Grundauslegung des Bombers – schlanker Rumpf, Pfeilflügel, vier Kusnezow NK-12-Triebwerke mit je zwei gegenläufigen Propellern – über die Jahrzehnte unverändert. Mit der Tu-95 von einst hat die heutige Tu-95MS, deren Stern Anfang der 80er-Jahre aufging und die bis 1994 gebaut wurde, ansonsten aber nicht mehr viel gemeinsam. Längst wurde aus dem Bomber von damals ein strategischer Raketenträger, dessen Hauptaufgabe im Kampfeinsatz darin besteht, Marschflugkörper aus sicherer Distanz mit größtmöglicher Präzision auf Bodenziele zu feuern. Derzeit hat Russland 47 aktive Tu-95MS im Bestand und setzt die bis zu 900 km/h schnellen Turboprop-Raketenträger auch im Krieg gegen die Ukraine ein.

Russischer Langstreckenbomber Tupolew Tu-95MS.
OAK
Die aktuell noch gängige Version Tu-95MS ging 1981 in Dienst und wurde bis 1994 gebaut. Alle noch aktiven Tu-95MS sollen ein Upgrade auf den Standard MSM erhalten.

Was ist neu an der Tu-95MSM?

Die Tu-95MSM soll die Fähigkeiten der Vorgängerversion nun noch einmal deutlich verbessern. Zu diesem Zweck ist sie mit vier grundlegend überarbeiteten NK-12-Motoren ausgestattet, firmierend unter der Typbezeichnung NK-12MPM. Deren Leistung liegt weiter bei 15.000 PS, was das NK-12 nebenbei bemerkt zur stärksten je in Serie gebauten Propellerturbine macht. "Dank neuer Konstruktionslösungen" und verbesserter Propeller aus dem Hause Aerosila soll das NK-12MPM sehr viel vibrationsärmer, und außerdem sparsamer arbeiten – was im Flug wiederum mehr Reichweite bringt. Kusnezow-Chefkonstrukteur Pawel Chupin sagte im Dezember 2020 gegenüber Journalisten, die derzeit in der Tu-95MS verwendeten NK-12MP ließen sich während turnusgemäß anstehender, "größerer Reparaturen" auf den neuen MPM-Standard bringen. Allerdings arbeite man noch daran, die Lebensdauer des Triebwerks zu verbessern.

Die Tupolew Tu95MS der russischen Luft- und Weltraumkräfte werden auf den MSM-Standard modernisiert.
OAK
Die erste Tu-95MSM absolvierte am 22. August 2020 in Taganrog ihren Jungfernflug.

Testflug am 16. Januar

Ihren Jungfernflug feierte die Tu-95MSM in Gestalt der umgerüsteten Maschine mit dem Kennzeichen RF-94121 ("Rote 21", Taufname "Samara") bereits Ende August 2020. Zumindest nach außen war es seither recht ruhig um das Projekt. Erst diesen Montag, am 16. Januar 2023 also, vermeldete die staatliche Flugzeugbau-Holding UAC, die das Programm verantwortet, einen weiteren Testflug mit einer Tu-95MSM. Dabei handelte es sich allem Anschein nach abermals um die "Rote 21". Die Besatzung habe im Flug "den Betrieb von Systemen und Ausrüstung" überprüft, so UAC weiter. Welche Systeme die Crew im Einzelnen in Augenschein nahm, erwähnte UAC nicht.

Die Tu-95MSM besitzt als grundlegende Neuheit das Phased-Array-Radar Novella-NV1.021 sowie eine neue Flugsteuerung, verbesserte Avionik und Bildschirme im Cockpit. Ein neues Navigationssystem auf Basis des russischen GPS-Pendants GLONASS gehört ebenso zur Ausstattung wie ein optimiertes Waffenmanagement. Ebenso hielt der neue Verteidigungskomplex Meteore-NM2 Einzug, mit dem die Tu-95MSM feindliches Boden- und Flugzeugradar stören kann. Laut russischen Quellen kann die Tu-95MSM an externen Pylonen unter den Flügeln zudem acht anstatt wie bisher nur vier Ch-101-Marschflugkörper (bzw. deren nukleares Derivat Ch-102) transportieren.

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