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Patrick Zwerger
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Müllproblem bei Boeing: KC-46A mit Plastik in der Kraftstoffleitung

KC-46A flog mit Plastikteil in Kraftstoffleitung

Wie erst jetzt bekannt wurde, musste Boeing Anfang des Jahres die Lieferung neuer KC-46A-Tanker an die US Air Force für rund einen Monat unterbrechen. Grund dafür war eine kleine rote Plastikkappe, entdeckt in einer werksneuen Pegasus – an einem ziemlich heiklen Ort.

Das Tankerprogramm von Boeing ist seit den Anfängen mit Makeln behaftet. Das zieht sich auch heute, fast drei Jahre nach Übergabe der ersten KC-46A Pegasus an die US Air Force, weiter fort. Nach wie vor stehen sieben ungelöste Mängel der Kategorie 1 im Lastenheft für das Tankflugzeug, das Boeing auf Basis der 767-200 entwickelte. Mängel dieser Stufe sind definiert als Problem, das die Einsatzfähigkeit der Staffel beeinträchtigt oder zum Verlust des Waffensystems, Todesfällen und schweren Verletzungen führen kann – also kein Kleinkram. Die US Air Force rechnet nach eigenen Angaben mit der Lieferung der ersten mängelfreien KC-46A "bis zum Geschäftsjahr 2024", wie Air Force-Sprecherin Captain Samantha Morrison der Agentur Bloomberg mitteilte. Seit dem offiziellen Startschuss für die Pegasus wären dann satte 13 Jahre vergangen.

Plastik im Tank

Unabhängig davon sieht sich Boeing laut Bloomberg beim Pegasus-Programm auch anderweitíg mit Problemen konfrontiert. So wurde erst jetzt bekannt, dass der Hersteller die Auslieferungen neuer KC-46A in der ersten Jahreshälfte 2021 für rund einen Monat unterbrechen musste. Der Grund: Bei der Inspektion einer werksneuen KC-46A sollen Inspekteure der Air Force eine kleine rote Plastikkappe in einem Kraftstoffventil gefunden haben. Bloomberg berichtet weiter, dass das Fremdteil im Zuge des Auslieferungsfluges der Maschine zur Seymour Johnson Air Force Base in North Carolina entdeckt worden sei. Demnach blockierte die kleine rote Kappe ein offenes Ventil im Kraftstoffsystem, was zu einem "unkontrollierten Kerosintransfer" zwischen den Tanks geführt habe.

Absperrventil blockiert

Die für den Überführungsflug abkommandierte Crew habe unterwegs einen "unbefohlenen Treibstofftransfer" von einem Tank zum anderen entdeckt, so Air Force-Sprecherin Morrison gegenüber Bloomberg. Die Besatzung sei jedoch nicht in der Lage gewesen, diesen Treibstofftransfer "wie gewünscht zu stoppen." Beim Überprüfen des Flugzeugs nach der Landung auf der Seymor Johnson AFB habe man dann festgestellt, dass das Problem "durch Fremdkörper verursacht" worden war. Die rote Plastikkappe – Boeing verwendet solcherlei Käppchen nach eigenen Angaben während des Fertigungsprozesses zum Schutz von Flugzeugkomponenten – habe sich "im Absperrventil des rechten Haupttanks festgesetzt", sagt Morrison.

Müllproblem im Griff?

Boeing beteuerte inzwischen, die Sache im Griff zu haben. Man habe in sämtlichen Unternehmensbereichen "bedeutende Maßnahmen ergriffen", um das Zurücklassen von Fremdkörpern in neu gebauten Flugzeugen zu unterbinden. Dazu zählen laut Hersteller interne Kontrollen, sowie "zusätzliche Schulungen für Mechaniker und Inspektoren und die Gewährleistung von Prozessdisziplin", heißt es bei Boeing. Captain Morrison betont, Boeing habe gegenüber der US-Luftwaffe versichert, dass künftig ausgelieferte KC-46A frei von Fremdkörpern sein werden. Ob der Hersteller das halten kann, wird sich zeigen – schließlich ist es bei Weitem nicht das erste "Müllproblem" für Boeing in der jüngeren Vergangenheit.

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Kampfflugzeuge

Nicht das erste Mal...

So fanden werksinterne Prüfer erst vor Kurzem zwei leere Tequila-Fläschchen an Bord einer der beiden 747-8I, die bei Boeing gerade zu neuen Präsidentenflugzeugen VC-25B umgebaut werden. Im Frühjahr 2020 wurde Müll in den Tanks noch nicht ausgelieferter 737 MAX entdeckt. Ein knappes Jahr zuvor hatten Insider die Zustände im Boeing-Werk Charleston kritisiert, weil auch in den dort produzierten 787-Widebodies immer wieder Abfälle und Fremdkörper zurückgelassen würden. Und auch in fabrikneuen KC-46A waren im Frühjahr 2019 mehrfach Fremdkörper und vergessene Werkzeuge entdeckt worden. Damals hatte die Air Force mokiert, es gebe mehrere Bereiche, "in denen Boeing die Qualitätsstandards nicht erfüllte".