Im grenznahen Luftraum zwischen Polen und der Ukraine war in der Nacht zum 30. Juli jede Menge los. Die russische Luftwaffe flog im Schutz der Dunkelheit einen massiven luftgestützten Raketenangriff auf Ziele im Westen der Ukraine. Zwei polnische F-16 stiegen auf, um einzugreifen, falls russische Flugobjekte der Heimat gefährlich würden.
Dass von den auf die Ukraine abgefeuerten russischen CH-101-Marschflugkörpern wenig später, um genau 3:46 Uhr Ortszeit, wirklich einer in Polen niederging und am nächsten Tag auf einem Feld in der Nähe des Dorfes Tarnawa-Kołonia in der Woiwodschaft Lublin gefunden wurde, konnte die F-16-Rotte nicht verhindern.
Stattdessen hätten die polnischen Kampfjets irrtümlich beinahe eine ukrainische MiG-29 angegriffen, wie Polens Inspekteur der Luftwaffe, Generalmajor Ireneusz Nowak, nun in einem Interview mit der Zeitung Rzeczpospolita ausführte.
Nowak zufolge entdeckten einer der F-16-Piloten und die polnische Flugabwehr auf der ukrainischen Seite "ein Luftziel in Grenznähe" und verfolgten dieses weiter – bereit, das Feuer zu eröffnen, sollte es Anstalten machen, den Luftraum Polens zu verletzen.

Polnische F-16 waren in der Nacht zum 30. Juli an der Grenze zur Ukraine im Einsatz - und hätten fast eine ukrainische MiG-29 attackiert.
Polen konnten MiG nicht identifizieren
Allerdings waren laut Nowaks Schilderungen weder die F-16 noch die bodengestützte Luftverteidigung imstande, das aufs Korn genommene Luftziel eindeutig zu identifizieren. Erst im Nachgang stellte sich das vermeintlich gegnerische Flugobjekt als MiG-29 der ukrainischen Luftwaffe heraus, die in der besagten Nacht nahe der Grenze zu Polen im Einsatz war.
Der polnische Luftwaffenchef merkte in diesem Zusammenhang an, dass die Situation leicht hätte eskalieren und in "friendly fire" enden können, wenn der ukrainische MiG-Pilot – etwa aus Unachtsamkeit – auch nur für wenige Sekunden in den polnischen Luftraum eingedrungen wäre.
"Diese MiG hat unsere bisherige Lageeinschätzung durcheinandergebracht", kommentierte Nowak gegenüber Rzeczpospolita. Die Einsatzlage in dieser Nacht sei "sehr dynamisch" gewesen. "Es bestand die Gefahr von Eigenbeschuss, insbesondere da die MiG nicht nur von unseren F-16, sondern auch von einigen unserer Luftverteidigungssysteme verfolgt wurde."

Die Mikojan-Gurewitsch MiG-29 ist nach wie vor eine wichtige Stütze für die ukrainische Luftverteidigung.
Ukraine ändert Informationsaustausch
Nach dem kritischen Vorfall wandten sich die Polen laut Nowak an den Generalstab der ukrainischen Streitkräfte und den Befehlshaber der ukrainischen Luftwaffe mit der Bitte, im Voraus über die Bewegungen ukrainischer Flugzeuge in der Nähe der polnischen Grenze informiert zu werden.
Das von der Ukraine zur Koordination der Luftverteidigung genutzte Netzwerk "Virazh" übermittelte bis dato offenbar nur Informationen über russische Raketen und Drohnen an die polnische Seite, die möglicherweise den polnischen Luftraum verletzen könnten. Über ebenfalls in Grenznähe operierende ukrainische Kampfflugzeuge gab es dagegen keinen Informationsfluss Richtung Polen.
Nach dem Beinahe-Angriff auf die MiG-29 am frühen Morgen des 30. Juli wurde das Verfahren als Reaktion auf die polnische Bitte geändert. "Erst nach dem Vorfall vom 30. Juli informierte uns die ukrainische Seite über den Einsatz ihrer Flugzeuge nahe der polnischen Grenze", so Nowak.
Für den Umstand, dass die Ukraine mit Informationen über ihre eigenen Flugzeuge zuvor hinterm Berg gehalten hatte, äußerte der polnische Generalmajor Verständnis: "Wir müssen uns im Klaren sein, dass Informationen über die Aktivitäten der ukrainischen Luftwaffe für die Ukrainer äußerst sensibel sind. Sie haben kein Interesse daran, Informationen darüber preiszugeben, wann ihre Flugzeuge aufsteigen, wo sie fliegen oder wo sie warten, denn das ist ihre Überlebensstrategie. Für Russland sind diese Flugzeuge eine willkommene Beute."





