Spionage-Jet Tu-214R
Die speziellste Tupolew in Russlands Repertoire

Als Airliner macht die Tupolew Tu-204/214 erst durch besondere Umstände so etwas wie Karriere. Beim Militär dagegen ist der Zweistrahler seit eh und je gefragt. Zum Beispiel als Aufklärer, in der Spezialversion Tu-214R. Die tauchte nun auch über der Ukraine auf.

Die speziellste Tupolew in Russlands Repertoire
Foto: Rimma Sadykova (CC BY-SA 4.0/ Wikimedia Commons)

Die Tupolew Tu-214R ist das fliegende Auge der russischen Streitkräfte. Ausgerüstet mit komplexen Überwachungssystemen, Allwetterradar und elektrooptischen Sensoren, soll der Zweistrahler das Gefechtsfeld am Boden nach Aktivitäten gegnerischer Truppen absuchen und die gesammelten Informationen in nahezu Echtzeit den eigenen Verbänden zur Verfügung stellen. Vorgestellt erstmals auf dem Aviasalon MAKS in Schukowski im Jahr 2013, erlebte die Tu-214R 2016 über Syrien ihre Feuertaufe. Seither war es um den Spionage-Jet jedoch still geworden. Erst Ende September meldeten russische Medien, eine Tu-214R habe erstmals das Schlachtfeld des Ukrainekrieges betreten, um den russischen Einheiten bei ihrer "Spezialoperation" mit Detailinformationen über den Feind unter die Arme zu greifen. Dieser Einsatz sei erfolgt, nachdem notwendige Reparaturen an dem Flugzeug erfolgreich abgeschlossen worden seien, berichtet die Agentur RIA Novosti.

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Alan Wilson / Wikimedia Commons
Zwei einst als Airliner eingesetzte Tu-214 wurden bereits zu Tu-214R umgerüstet. Die erste startete 2009 zu ihrem (zweiten) Jungfernflug und wurde 2012 ausgeliefert.

Tupolew mit "dicken Backen"

Von der Tu-214R existieren bisher offiziell zwei Exemplare. Sie tragen die Kennungen RA-64511 und RA-64514. Äußerlich unterscheiden sich die Spionage-Tupolews von ihren zivilen Pendants vor allem durch die großen, auffälligen "Beulen" am Rumpf, unter denen die vom russischen Vega-Konzern entwickelte Überwachungstechnik steckt. Als Hauptsensor fungiert das Multiband-Radarsystem MRK-411, bestehend aus einem Seitensichtradar mit Flachantennen vorn links und rechts am Rumpf sowie einem weiteren Radar mit Rundumsicht. Letzteres ist in einem tropfenförmigen Radom an der Rumpfunterseite hinter den Tragflächen untergebracht.

Die zigarrenförmige Verkleidung zwischen den "dicken Backen" vorn am Rumpf beherbergt hochauflösende elektrooptische Systeme – darunter digitale Foto- und Videokameras sowie Wärmebildsensoren. Ferner besitzt die Tu-214R umfangreiche Systeme zur signalerfassenden Aufklärung (Signals Intelligence, SIGINT). Damit kann die Tu-214R Signale abhören, die von feindlichen Einheiten, Bodenfahrzeugen, Mobiltelefonen und Funkgeräten abgesandt werden.

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Fliegender Gefechtsstand

Derart bestückt, soll die Tu-214R 250 Kilometer weit hinter die feindlichen Linien blicken können und so dabei mithelfen, ein detailliertes, aktuelles Lagebild gegnerischer Verbände zu erstellen. Andere Quellen sprechen sogar von bis zu 400 Kilometern. "Dieses Flugzeug ist in der Lage, die Koordinaten und den Typ von militärischen Einrichtungen verschiedener Klassen, einschließlich Radarstationen, Kommandoposten, Kommunikationszentren oder Kolonnen mit militärischer Ausrüstung zu erkennen und unverzüglich an Bodenkommandoposten zu übermitteln", zitiert RIA Novosti einen namentlich nicht genannten Insider. Die Übermittlung der Informationen erfolgt unter anderem durch Satellitenkommunikation. Hierzu dienen die tropfenförmigen Antennen auf der Rumpfoberseite. Obwohl die Tu-214R vorzugsweise im eigenen Luftraum agiert, besitzt sie überdies diverse Selbstverteidigungssysteme in Gestalt von Infrarot- und Radar-Täuschkörpern.

Papas Dos (CC BY-SA 2.0 / Wikimedia Commons)
Die Tu-214R ist an ihren zahlreichen Ausbuchtungen erkennbar, unter denen die Überwachungssysteme sitzen. Die kreuzförmige Antenne am Heck ist Teil des SIGINT-Systems.

Gegenstück zu Joint STARS

Betreiber der Tu-214R ist nicht die russische Luftwaffe selbst, sondern der Militärgeheimdienst GRU. In ihrer Rolle und auch in ihren Flugleistungen ist der Spionage-Zweistrahler mit der Northrop Grumman E-8 Joint STARS vergleichbar, die von der US Air Force bereits seit Mitte der 90er-Jahre zur Gefechtsfeldüberwachung eingesetzt wird. Auch die E-8C, die auf der Boeing 707-300 basiert, besitzt komplexe Elektronik- und Radarsysteme, um gegnerische Truppenbewegungen auszuspionieren. Die US-Luftwaffe hat seit Anfang 2021 eine E-8C dauerhaft in Ramstein stationiert, mit der sie regelmäßige Einsätze über Osteuropa fliegt und den Blick auf das Geschehen in der Ukraine richtet.

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