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Patrick Zwerger
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Tupolew Tu-134UBL: Die "Tuschka" mit der langen Nase

Tupolew Tu-134UBL Die „Tuschka“ mit der langen Nase

Einst war die Tupolew Tu-134 für die Airlines des Ostblocks das Arbeitspferd schlechthin. Doch auch das Militär nutzte den schlanken Zweistrahler, fliegt ihn bis heute. Eine speziell für die Luftwaffe gebaute Version sticht dabei besonders heraus – wegen ihrer Nase.

Über die Tu-134 muss man nicht viele Worte verlieren: die "Tuschka" ist eine Legende, nicht nur im Osten. Anfang der 60er-Jahre entwickelt, gilt sie als erster Vollblut-Jetliner der Sowjetunion – war sie doch der erste Passagierjet jenseits des Eisernen Vorhangs, dessen Ursprünge nicht in einem Militärflugzeug wurzelten. Das heißt jedoch nicht, dass sich das Militär nicht für die Tu-134 interessierte – im Gegenteil! Noch heute, zweieinhalb Jahre nachdem mit Alrosa Airlines die letzte Fluggesellschaft den Passagierdienst mit der Tu-134 eingestellt hat, fliegen die Zweistrahler in stattlicher Zahl für die russische Luftwaffe. Gut drei Dutzend Tu-134, so heißt es, sind derzeit noch für die Luft- und Weltraumkräfte des weltgrößten Landes unterwegs – als Verbindungsflugzeuge, VIP-Jets und Trainer.

Ein Airliner als Bomber-Trainer

Eine Spezialversion der "Tuschka" fällt dabei besonders ins Auge: die Tu-134UBL, von der zwischen 1981 und 1984 rund 90 Exemplare im ukrainischen Charkiw gebaut wurden. Diese rund 90 Maschinen sind natürlich zu einem guten Teil längst in Rente, andere wurden auch zu "normalen" Tu-134 rückgerüstet. Das gilt jedoch nicht für alle Exemplare, denn die Tu-134UBL erfüllt in der russischen Luftwaffe eine Aufgabe, für die es derzeit keinen Nachfolger gibt: Tupolew entwickelte das Flugzeug einst auf besonderen Wunsch des Militärs, zur Ausbildung künftiger Besatzungen für die Bomber Tu-22M und Tu-160. Zu diesem Zweck unterzog das Konstruktionsbüro seine Tu-134 einer saftigen Nasen-OP. Anstelle der markanten Glasfront der frühen Versionen erhielt die Tu-134UBL ein langes, spitz zulaufendes Radom, das in seiner Form dem der Tu-22M glich. Dadurch wuchs die Spezial-"Tuschka" im Vergleich zu ihren zivilen Verwandten um gute viereinhalb Meter in die Länge.

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Eine Tu-134UBL im Anflug auf den Militärflugplatz Tschkalowski. Das Muster steht nach wie vor im Dienst.

Lange Nase, anderes Cockpit

Hauptgrund für die lange Nase war die Forderung der Luftwaffe, den Piloten der Tu-134UBL dieselben Sichtbedingungen zu bescheren, wie sie bei ihren späteren Einsatzmustern Tu-22M und Tu-160 vorherrschen. Unter der Bugverkleidung zog jedoch nicht das Radarsystem der Tu-22M ein, sondern lediglich das Wetterradar ROZ-1. So schuldert es zumindest der russische Luftfahrt-Publizist Jefim Gordon in einem seiner Werke. Für den Schulungszweck hielt man dies offenbar für ausreichend. Cockpit und Bordausrüstung der Tu-134UBL entsprechen ansonsten weitgehend dem Stand der Tu-22M, wobei der Navigator nicht mit vorn, sondern an einem Arbeitsplatz direkt hinter dem Flight Deck sitzt. Die Kabine ist mit zwölf Sitzen ausgestattet, so dass während eines einzigen Übungsfluges mehrere Pilotenschüler im Wechsel das Steuer der Maschine übernehmen können.

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Rund 90 Exemplare der Tu-134UBL verließen bis 1984 die Werkshallen in Charkiw.

Spart Sprit und Flugstunden

Dass die Tu-134UBL überhaupt das Licht der Welt erblickte, hatte maßgeblich zwei Gründe: erstens ließen sich durch einen zum Trainer umgebauten Airliner massig Flugstunden auf den Bombern einsparen, ohne dass die Flugpraxis der Schüler übermäßig darunter litt. Das fiel besonders ins Gewicht, da etwa die Sollbetriebszeiten der NK-25-Turbofans der Tu-22M nur wenig Spielraum für ausgedehnte Basis-Trainings boten. Dass die Tu-134UBL darüber hinaus deutlich weniger Sprit verbrauchte, war ein angenehmer Nebeneffekt, der vor allem in der Spätphase der UdSSR an Relevanz gewann. Zweitens ähnelten die Flugcharakteristika der Tu-134, vor allem im Langsamflug, jenen der Bomber am ehesten, weshalb die Wahl auf die "Tuschka" als Ausgangsmuster fiel. So begann Tupolew schließlich 1979 mit der Entwicklung – und brachte 1981 die erste Tu-134UBL in die Luft.

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Das Cockpit entspricht weitgehend dem der Tu-22M. Der Navigator nimmt dahinter Platz.

Bomben unterm Flügel

Die Erprobung des neuen Musters erstreckte sich über gut ein Jahr. Ein Knackpunkt dabei war der veränderte Schwerpunkt, den die neue Nase der Tu-134UBL bescherte. Sieht man von der Frontpartie und einer deutlich fensterärmeren Kabine ab, gleicht die Tu-134UBL ansonsten technisch der Zivilversion Tu-134B. So besitzt sie die gleichen D-30 II-Triebwerke von Solowjow, die ihr nicht nur einen donnernden Klang, sondern auch fast 140 kN Schub verleihen. Bei Bedarf kann die Maschine mit vier Bombenträgern bestückt werden, an die sich Freifallbomben der Typen PB-50, PB-75 und PB-120 hängen lassen. Angedacht war zunächst außerdem, die Trainings-Tupolew analog zur Tu-22M mit einer Sonde zur Luftbetankung auszurüsten. Allerdings blieb es letztendlich bei einer Option, die in der Praxis nicht zum Tragen kam.

Bei Fluglehrern und -schülern erfreute sich die Tu-134UBL rasch großer Beliebtheit. In fast 40 Jahren Dienstzeit verlor die russische Luftwaffe keine einzige Maschine durch einen Unfall. So dürfte die "Tuschka" mit der langen Nase bis auf Weiteres im Geschäft bleiben – und könnte am Ende die meisten ihrer "Schwestern von der Stange" überleben.