Ein spektakuläres Naturschauspiel war am Abend des 8. März um kurz vor 19 Uhr über Belgien, Luxemburg und Westdeutschland zu beobachten: Ein Meteorit ist in die hohe Erdatmosphäre eingetreten. Die sehr helle Lichterscheinung war rund sechs Sekunden lang sichtbar und hinterließ einen Kondensstreifen (man spricht bei der Leuchtspur von einem Meteor), Menschen berichteten von Geräuschen, als der Steinbrocken in der Luft zerbrach. In Koblenz-Güls soll mindestens ein Hausdach von einem Stück des Meteoriten getroffen worden sein. Berichte über Verletzte gibt es nicht. Dennoch gingen zahlreiche Notrufe ein, weil Menschen von der Erscheinung verängstigt waren.
"Das ist kein alltägliches Event, das ist relativ selten", sagt Dr. Richard Moissl, Leiter des Büros für planetare Verteidigung der Europäischen Raumfahrtagentur ESA. Moissl und sein Team sind dafür zuständig, möglichst alle erdnahen Objekte zu finden, ihre Bahnen zu verfolgen und festzustellen, ob sie auf Kollisionskurs mit der Erde sind. Man unterscheidet dabei Asteroiden, Meteoroiden und Meteoriten. Von Asteroiden sprechen Astronomen nach Angaben des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) ab einem Meter Durchmesser. Darunter handelt es sich um Meteoroiden. Meteoriten sind wiederum Bruchstücke von einem Asteroiden.
Im Fall vom 8. März hatte die ESA das Objekt nicht auf dem Schirm. Das hat nach Angaben von Moissl mehrere Ursachen: Der Meteorit war mit geschätzt etwas mehr als einem Meter Durchmesser relativ klein, er näherte sich an der Tag-Nacht-Grenze, das heißt, es war noch zu hell für irdische Teleskope und er kam von Südwesten. "Es gab keine vorherigen Sichtungen. Die Frage ist, ob es technisch möglich gewesen wäre", sagt Moissl.
ESA plant neue Teleskope
Immerhin: Der EUMETSAT-Satellit MTG-I hat den Meteoriten aufgenommen, die ESA will die Satellitenbilder nachträglich untersuchen. "Wir werden daran arbeiten, besser zu werden", sagt Moissl. Denn das Team für planetare Verteidigung der ESA ist nicht nur für die Erkennung von Objekten und Gefahreneinschätzung zuständig. Es informiert gegebenenfalls auch die Behörden und leitet Gegenmaßnahmen ein.
"Wenn der Meteorit drei Stunden vorher erkannt worden wäre, hätten wir das Bundesamt für Katastrophenschutz informieren können", sagt Moissl. Von dort hätte dann eine Warnmeldung an die Bevölkerung abgesetzt werden können. Moissl ist sich sicher, dass die Last auf der Notrufnummer damit abgemildert worden wäre.
Um in Zukunft die Erkennunsrate solcher Objekte zu verbessern, baut die ESA die Beobachtungskapazitäten aus, beispielsweise durch das Flyeye-Teleskop, das im kommenden Jahr in Sizilien in Betrieb gehen soll. Die große Beobachtungslücke sei die Tagseite, sagt Moissl. Asteroiden, die aus Richtung Sonne angeflogen kommen, sind nur schwer für erdgebundene Teleskope sichtbar. Deshalb plant die ESA mit NEOMIR ein neues Weltraumteleskop zwischen Erde und Sonne, das als Frühwarnsystem für Asteroiden dienen soll.
Mögliche Abwehrmethoden
Eine wirkliche Gefahr ging nach Moissls Einschätzung von dem Meteoriten nicht aus – die bestehe erst ab einem Durchmesser von zehn Metern. Dass ein Objekt dieser Größe auf der Erde einschlage, komme etwa alle zehn Jahre vor. "Darunter sind Objekte interessant, aber in der Regel ungefährlich", so Moissl. Bei erfassten Objekten mit einer Größe von fünf bis sechs Metern spreche man aber aktiv die Luftraumüberwachung an, erklärt Moissl. Im Fall vom 8. März hat sich das Schauspiel in rund 80 Kilometern Höhe abgespielt, deutlich höher als der Flugverkehr. Die Gefahr, dass ein Flugzeug von einem Gesteinsbrocken getroffen wird, sei nicht groß, beruhigt Moissl.
Dennoch: Das ESA-Büro für planetare Verteidigung will vorbereitet sein. Nicht nur die Erkennungsrate von Objekten aus dem Weltraum soll verbessert werden, man forscht auch an möglichen Abwehrmethoden. Bei der NASA-Mission DART (Double Asteroid Redirection Test) wurde 2022 erstmals die Bahn eines Himmelskörpers durch den gezielten Einschlag einer Raumsonde abgelenkt. Die ESA-Sonde Hera ist derzeit unterwegs zu diesem Himmelskörper namens Dimorphos, der Teil des Doppelasteroiden Didymos ist. Dort soll Hera zusätzliche wissenschaftliche Daten sammeln. Die ESA-Sonde soll im November 2026 bei Didymos ankommen.
Neben der Möglichkeit des "kinetischen Impakts", also der Asteroidenablenkung durch den Einschlag einer Raumsonde, werde auch das schockfreie Wegschieben von Asteroiden mittels Ionenstrahlen untersucht, sagt Moissl. Das ist aber noch Zukunftsmusik.
Wichtig ist im Ernstfall zunächst eine schnelle Aufklärung. Hier soll die ESA-Mission Ramses Pionierarbeit leisten. "Ramses wird zeigen, dass die Menschheit in der Lage ist, innerhalb weniger Jahre eine Aufklärungsmission zum Rendezvous mit einem eintreffenden Asteroiden zu starten. Diese Art von Mission ist ein Eckpfeiler für unsere Reaktion auf einen gefährlichen Asteroiden. Zunächst würde eine Aufklärungsmission gestartet, um die Umlaufbahn und die Struktur des eintreffenden Asteroiden zu analysieren. Die Ergebnisse würden genutzt, um festzustellen, wie der Asteroid am besten umgelenkt werden kann oder um Nicht-Einschläge auszuschließen, bevor eine teure Ablenkungsmission entwickelt wird." Ramses soll im April 2028 starten, um im Februar 2029 den Asteroiden Apophis zu erreichen.





