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Patrick Zwerger
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Jak-40: Unterwegs im ersten Regionaljet der Welt

Reisen in Russland Unterwegs im ersten Regionaljet der Welt

Vor knapp 55 Jahren flog die Jakowlew Jak-40 zum ersten Mal. Trotz hoher Betriebskosten hält manche Airline dem kleinen Dreistrahler bis heute die Treue. Eine dieser Airlines ist Vologda Air Enterprise aus Nordwestrussland. Ein Mitflug im ersten Regionaljet der Welt.

Zwischen all den modernen Widebodies hier könnte man sie glatt übersehen. Unscheinbar, fast ein wenig schüchtern versteckt sich die Jakowlew Jak-40 von Vologda Air Enterprise auf dem großen Vorfeld des Moskauer Flughafens Wnukowo. Würde unser Flughafenbus nicht direkt auf sie zufahren, niemand von uns nähme ansonsten wohl Notiz von ihr. Dabei ist sie es, die uns überhaupt hat hierher kommen lassen, aus dem drei Flugstunden entfernten Deutschland, auf den drittgrößten Airport der russischen Hauptstadt.

Patrick Zwerger
Bereit zum Einsteigen: Die Jak-40K auf dem Vorfeld des Moskauer Flughafens Wologda.

Baujahr 1977

Von Wnukowo aus wollen wir in den Norden fliegen, nach Wologda, 450 Kilometer von Moskau entfernt und direkt gelegen am gleichnamigen Fluss. Aber das ist Nebensache, das Ziel ist heute nicht so wichtig. Uns geht es um das Flugzeug – die Jak-40K mit dem Kennzeichen RA-88251, gebaut im Frühjahr 1977 in Saratow für Aeroflot, seit 2015 im Dienst bei Vologda Air Enterprise. Ganze fünf Jak-40 besitzt die kleine Airline laut eigenen Angaben, und bedient damit von Wologda aus die Metropolen Moskau und St. Petersburg im Linienbetrieb. Das "K" in der Bezeichnung unserer Jak steht für "konvertibel" – dank eines großen Ladetors an der linken Rumpfseite ließe sich der Jet bei Bedarf auch als Frachter nutzen.

Patrick Zwerger
Der Weg in die Kabie führt durchs Heck, vorbei an den drei AI-25-Turbofans von Iwtschenko.

Einstieg durch das Heck

Vologda Air Enterprise verzichtet bei der RA-88251 auf diese Möglichkeit und fliegt die Jak-40 als reinen Passagierjet mit 28 Plätzen, aufgeteilt in sieben Reihen, je zwei Sitze links und rechts. Der Einstieg in dieses recht beengte Reich erfolgt stilecht durch die Hintertür: Über eine ausgeklappte Treppe im Heck geht es zwischen den drei AI-25-Turbofans von Iwtschenko hindurch in die Kabine. Kaum hat der erste Fuß den Innenraum erreicht, wird klar, warum wir vorhin beim Check-In unser Aufgabegepäck behalten durften. Das verstauen wir nun nämlich eigenhändig in speziellen Fächern im hinteren Teil der Maschine. Ein Relikt aus Sowjetzeiten, das einst selbst im Großraumjet Il-86 so gehandhabt wurde – selbst ist der Mann!

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Blick in den Salon: geschlossene Gepäckfächer, sieben Sitzreihen, 28 Plätze. Das Aufgabegepäck wird im Heck verstaut.

Salon mit Oldschool-Flair

Dann heißt es Platznehmen, anschnallen – und tief einatmen, denn das Flair der alten Zeit lässt sich in dieser kleinen Röhre mit sämtlichen Sinnen erfahren. Vollbesetzt wie heute, ist der kleine Dreistrahler doch eine ziemliche Sardinenbüchse. Trotzdem, es lässt sich aushalten. Ganz gut sogar. Ich sinke in meinen Sitz, Platz A, Reihe sechs von sieben, und blicke mich um. Ein wenig abgewohnt wirkt sie, die gute Jak, aber trotzdem sauber, gepflegt und top in Schuss. Sogar geschlossene Fächer fürs Handgepäck gibt es – in dieser Altersklasse keine Selbstverständlichkeit. Glühbirnen, umhüllt von Notausgangschildern in kyrillischer Schrift, weisen flackernd den Fluchtweg, kreisrunde Fenster in jeder Sitzreihe geben den Blick nach draußen frei, wo sich Sonne und Regenwolken schon seit Stunden ein erbittertes Duell liefern. Kurz schließe ich die Augen, lächle erwartungsfroh: Schon bald werden wir dem Regen mit unserer Jak davonfliegen.

Viel Geräusch für wenig Leistung

Ein sattsames Heulen hinter mir holt mich zurück aus meinen Träumen. Die Besatzung wirft die Triebwerke an – es geht los! Der Startup dauert eine ganze Weile. Dann durchfährt ein Ruck unsere kleine Flugmaschine, wir rollen Richtung Startbahn. Dreimal 14,7 Kilonewton Schub werfen die Iwtschenko-Treiber in die Waagschale. In Summe verfügt die Jak-40 damit über knapp 45 Kilonewton Gesamtschub. Ganz schön wenig Leistung für so viel Geräusch! Und so viel Durst: Der Spritverbrauch der Jak-40 ist geradezu legendär. Und das ist nicht als Kompliment gemeint. Nicht ohne Grund bot Jakowlew für den Regionaljet nach der Wende die Umrüstung vom Drei- zum Zweistrahler an, mit US-Turbofans von Textron-Lycoming. Aus Sicht des Luftfahrtfans hätte das allerdings eins ziemliche Kastration bedeutet – bloß gut also, dass Vologda Air Enterprise solche Sperenzchen nicht für notwendig hielt und jeder Fluggast, ob er möchte oder nicht, weiter dem betörenden Klang der alten "fuel-to-noise-converter" lauschen darf.

Patrick Zwerger
Die Jak-40 wurde in den 60er-Jahren entwickelt und gilt als erster Regionaljet der Welt. Die RA-88251 ist Baujahr 1977.

Steigleistung? Kein Kommentar

Dass die Jak auch bei der Steigrate keinen Blumentopf gewinnt, verwundert wenig. Es ist trotzdem beeindruckend zu sehen, wie mühevoll der kleine Jet sich nach dem Abheben in Richtung Himmel kämpft. Die Flugbahn ist so flach, dass man fast fragen möchte: Ist das noch Bodeneffekt oder schon echtes Fliegen? Immerhin durchstoßen wir nach einer gefühlten Ewigkeit doch noch die Wolkendecke, wo uns fröhlich leuchtend die Abendsonne in ihre sanft strahlenden Arme schließt. Knapp eine Stunde Flugzeit ist es bis Wologda. Viel mehr als 500 km/h Fahrt macht die Jak-40 nämlich nicht. Sie ist im Reiseflug damit langsamer als eine ATR 42, teurer im Betrieb, aber halt auch dreimal so sexy – mindestens!

Patrick Zwerger
Die Tragflächen der Jak-40 sind ungepfeilt, bieten viel Auftrieb und eine geringe Flächenbelastung. In der Luft liegt der kleine Jet wie ein Brett.

Im Anflug auf Wologda

Die Zeit an Bord streicht trotzdem rasend schnell dahin. Der Service beschränkt sich auf Sprudel und das Fruchtbonbon, das es auf Inlandsflügen in Russland irgendwie immer gibt, aber wer will seine Zeit in einer Jak-40 schon groß mit Essen vergeuden? Schon gehen wir in den Sinkflug, bahnen uns in einer ausladenden Kurve den Weg nach unten durch die Wolken. An den ungepfeilten Flügeln fahren die Wölbklappen aus, kurz darauf meldet sich von unten das Fahrwerk mit einem Bollern bereit, seine Pflicht zu erfüllen. Damit die Jak-40 auch auf unbefestigten Pisten landen kann, besitzt sie ein extra robustes Fahrwerk, vergleichsweise große Räder und Niederdruckreifen. Heute brauchen wir das Offroad-Besteck nicht zwingend, in Wologda erwartet uns eine ordentlich betonierte Runway.

Patrick Zwerger
Ankunft in Wologda. Hier ist die Jak der Platzhirsch!

UAZ-Bus als Empfangskomitee

Wir drehen in den Endanflug, schweben der Erde entgegen, setzen sanft auf – Schubumkehr gibt's bei der Jak nur am mittleren Triebwerk – und finden uns wenige Minuten später auch schon auf dem beschaulichen Vorfeld des Flughafens von Wologda, im Heimatrevier von Vologda Air Enterprise. Regentropfen sammeln sich an meinem Fenster, nur schemenhaft erkenne ich den grauen UAZ-Vorfeldbus, der an der Parkposition schon auf uns wartet. Ansonsten ist der Apron fast leergefegt. Kein Vergleich zu Moskau: Hier gibt es keine Großraumjets, die dem Dreistrahler das Licht nehmen – hier ist die Jak der Platzhirsch!

Patrick Zwerger
Vologda Air Enterprise fliegt mit der Jak-40 von Wologda nach Moskau und St. Petersburg.

Willkommen in der Provinz!

Wologda ist die Hauptstadt der gleichnamigen Oblast und mit über 300.000 Einwohnern eine der größten Städte im Föderationskreis Nordwestrussland. Der Flughafen, acht Kilometer vom Zentrum entfernt, wirkt trotzdem, als wäre hier vor vielen Jahren die Zeit stehengeblieben. Der Charme der Provinz umweht uns, als wir durchs Heck unseres Fliegers nach draußen klettern. Zu Fuß laufen wir ins Terminal. Hinter der Tür des grau-braunen Betonklotzes erwartet uns sowjetischer Schick der 70er-Jahre. Das verblichene Poster einer Aeroflot-Il-86 an der Wand offenbart die Liebe zum Detail, ein antik anmutender Fernsprechapparat ringt Smartphone-verwöhnten Zeitgenossen ein amüsiertes Lächeln ab. Ein Lächeln, das die eher mäßig beschäftigten Sicherheitskräfte – in Wologda landen selten mehr als zwei Flüge pro Tag – etwas zögerlich erwidern. Dann geht es nach draußen, auf die andere Seite, wo die Taxis stehen. Und der Kleinbus, der uns in die Stadt bringt. Ein aufregender Tag geht zu Ende. "Do swidanja", kleine Jak – auf Wiedersehen! Es war ein Erlebnis, mit Dir zu reisen. Gut, dass in zwei Tagen noch ein Rückflug wartet...