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Retrojets sind fliegende Botschafter der Luftfahrttraditionen

Sie sollen den Stolz auf eine lange Geschichte verdeutlichen, wecken Erinnerungen, sind begehrte Fotoobjekte und zudem – wunderschön. Airlines auf der ganzen Welt nutzen die Anziehungskraft der sogenannten Retrojets als Werbeträger und erinnern sich damit ihrer eigenen Geschichte. Matthias Gründer stellte sie in dieser Bildreportage der Juliausgabe von 2012 vor.

Retrojets - fliegende Botschafter der Luftfahrttraditionen

Zahlreiche Fans der Zivilluftfahrt und vor allem der dort immer häufiger verwendeten Sonderbemalungen sind steif und fest der Meinung, die Lufthansa habe im April 2005 den Reigen der sogenannten „Retrojets“ eröffnet, aber – sie irren! Tatsächlich schickte American Airlines bereits am 15. Dezember 2000 eine Boeing 737-823 (N951AA), mit dem Taufnamen „Astrojet“ am Leitwerk, in den Liniendienst. Weil die Maschine jedoch nur auf dem nordamerikanischen Kontinent eingesetzt wurde, war sie lange Zeit hierzulande kaum bekannt, und so blieb der Lufthansa mit ihrem Airbus A321-131 nur der zweite Platz. Als „undankbar“ kann man diesen aber kaum bezeichnen, denn die Maschine gilt in der mittlerweile ziemlich umfangreichen Flotte von Retrojets, die weltweit unterwegs sind, nach übereinstimmender Meinung der Fans als das schönste Exemplar.

„Retro“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „rückwärts“. Eine Retrowelle ist seit einigen Jahren in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zu beobachten, indem sich heutige Trends an Traditionen der Vergangenheit orientieren. Das betrifft nicht nur die Mode, sondern auch das riesige Gebiet technischen Designs, vom Toaster im Stil der 50er Jahre bis hin zum Flugzeug. Kein Wunder, dass Designer und Marketingexperten die in den vergangenen Jahren häufig zu feiernden Jubiläen von Fluggesellschaften nutzten, um heutige Flugzeuge mit der Bemalung früherer Zeiten zu versehen. Damit hatten (und haben) sie auf allen Besucherterrassen der Welt die Aufmerksamkeit auf ihrer Seite und können so auf dekorative Art und Weise auf ihre lange Geschichte hinweisen.

Bis auf ein Exemplar fliegen alle Retrojets noch heute

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Die meisten Dienstjahre in diesem Reigen hat wohl United Airlines aufzuweisen, die nach 85 Jahren im April 2011 eine Sonderbemalung kreierte, mit einem Unterschied von nur zehn Jahren dicht gefolgt von Aer Lingus, welche ebenfalls 2011 die eben erst in Dienst gestellte EI-DVM „St. Cole“ mit einem historischen Anstrich versehen ließ. Dem Vorbild, gerade erst ausgelieferte Maschinen von Anfang an im Retro-Look fliegen zu lassen, folgten auch zahlreiche andere Fluggesellschaften wie Adria Airways, ANA, Continental oder SAS, um nur einige zu nennen; nur die D-AIRX der Lufthansa war nicht mehr neu. Andere wiederum nutzten große Checks, um den Flugzeugen in den Werften neue, alte Farben zu geben.

Egal, wann die speziellen Werbeträger mit ihren neuen Farbschemen auf den Flugplätzen der Welt auftauchten – bis auf einen fliegen sie noch heute, weil einfach niemand auf den attraktiven Anblick verzichten möchte. Die einzige Ausnahme war die Boeing 757-236 (G-CPET) der British Airways, die im Oktober 2010 lackiert, aber ein Jahr später bereits wieder verkauft wurde.

Zwei Unternehmen hingegen schickten gleich mehrere Retrojets ins Rennen um die Aufmerksamkeit. US Airways bemalte 2006 fünf Maschinen, allesamt Airbus A319-112, in historischen Farben, welche die Geschichte des Unternehmens dokumentieren: Die 1937 gegründete All American Aviation wurde 1953 in Allegheny Airlines umbenannt (N828AW) und 1979 in US Air umbenannt. 1987 wurden zuerst Pacific Southwest Airlines (N742PS) und kurz darauf Piedmont Airlines (N744P) aufgekauft. 1996 kam der heutige Name der Fluggesellschaft in Gebrauch, die im September 2005 nach finanziellen Schwierigkeiten von America West übernommen wurde. Aus Marketinggründen behielt man den alten Namen bei, doch zwei Retrojets fliegen noch heute in American-West-Bemalung, die sich vor allem in verschiedenen Seitenleitwerks-Designs ausdrückt.

Die zweite Fluglinie mit mehreren Retro-Maschinen ist die fünftälteste Airline der Welt: CSA feiert im nächsten Jahr ihren 90. Geburtstag, nachdem sie am 29. Juli 1923 als „Československe Statni Aerolinie“ ins Handelsregister eingetragen worden war. Im Vorgriff auf das große Jubiläum ließen die Tschechen zwei Boeing 737-55S im britischen Bournemouth lackieren – die OK-XGB im November 2011 im Blau der 50er und die XGC im Februar 2012 im Rot der 60er Jahre.

Alte Bemalung ja – alte Namen nein

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Auch die deutsche Ferienfluggesellschaft Condor wollte im Reigen der Retrowelle nicht abseits stehen und schickte die A320-212 D-AICA nach Shannon in die Lackierhalle. Allerdings war man sich zu Beginn des Projekts nicht ganz einig, welches der vier Farbschemen, die vor dem heutigen eingesetzt worden waren, man für den Retrojet nutzen sollte. In den 50er Jahren gab es als erstes „Flugdienst Blau“, gefolgt von „Hybrid CFG/DLH“ Anfang der 60er, „Condor Flugdienst“ Mitte und „Projekt 1400“ Ende der 60er Jahre. Das erste Schema fiel aus, weil im heutigen Luftverkehr nur Flugzeuge eingesetzt werden dürfen, die mit den Namen tatsächlich existierender Airlines gekennzeichnet sind, und „Flugdienst“ gibt es nun einmal nicht mehr (aus diesem Grund auch konnte US Airways kein Flugzeug mit dem Schriftzug „All American Aviation“ bemalen).

Die Hybridbemalung mit dem Zusatz DLH weist schon darauf hin, dass hier eine zu große Ähnlichkeit mit der damaligen Lackierung der Lufthansa vorlag, so dass man sich schließlich für die dritte Variante entschied, für welche die Vickers Viscount D-ANUR der Condor aus dem Jahre 1963 Pate stand. Beim Roll-out am 5. Dezember 2011 wurde die Maschine schließlich auf den Namen „Hans“ getauft, eine Verbeugung vor dem Reiseveranstalter Hans Geisler, der den allerersten Flug der damaligen Deutschen Flugdienst GmbH am 29. März 1956 gechartert hatte.

Noch mehr Fluggesellschaften nahmen sich Maschinen aus dem früheren Flottenbestand zum Vorbild, wie zum Beispiel Alitalia eine DC-8 aus den 60er Jahren. Auch Thai International ließ ihre Boeing 747-4D7 nach einer DC-8-32 gestalten, welche 50 Jahre zuvor, im Mai 1960, zum Erstflug von Bangkok nach Hongkong gestartet war. Turkish Airlines wiederum stattete ihre A320 vom Dezember 2005 mit einem Zusatz auf der Backbordseite aus: „Since 1933“. Die TAM indessen hatte ihre A319 im Mai 2010 in Dienst gestellt und aus Anlass des 55. Jubiläums mit einer großen 55 auf der Steuerbordseite des Leitwerks versehen. Inzwischen hat sie die Ziffer wieder entfernt und durch das Logo der Airline ersetzt.

Schließlich sei noch auf zwei Maschinen verwiesen, welche neben der Sonderbemalung auch Eigennamen tragen. Das ist zum einen die Boeing 767 der ANA mit dem Namen „Mohican“ und zum anderen die A320 „Pays de Roissy CDG“ der Air France, die im November 2008 in Toulouse zum 75. Geburtstag der Airline umgestaltet worden war. Allen Flugzeugen aber ist gemeinsam, dass sie uns als die Lieblinge der Passagiere und der Besucher auf den Terrassen noch lange erhalten bleiben werden.

FLUG REVUE Ausgabe 07/2012

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