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Gulfstream Update: Gulfstream macht Tempo

Gulfstream Update Gulfstream macht Tempo

Ein neues Flaggschiff, ein Jubiläum und ein Abschied: Gulfstream Aerospace bleibt auch während der Corona-Krise in Bewegung.

Am 2. Oktober, kaum acht Monate nach dem Erstflug am 14. Februar, kam in Savannah, Georgia, der vierte fliegende Prototyp des neuen Flaggschiffs G700 in die Luft. Knapp zwei Stunden dauerte der Flug, bei dem der Jet eine Höhe von 12 500 Metern (41000 Fuß) und eine Geschwindigkeit von Mach 0.89 erreichte. Die vierte G700 dient vor allem für Versuche mit der Avionik, der Klimatisierung, den mechanischen Systemen, der Elektrik und der Hydraulik. Damit hat eine umfangreiche Testkampagne mit insgesamt fünf Flugzeugen Fahrt aufgenommen – das fünfte Flugzeug sollte Ende Oktober abheben. Mehr als 700 Flugstunden stehen bisher in den Logs, mehrere Tausend Stunden in der Luft sind üblich, bevor ein neuer Business-Jet wie die G700 seine Zulassung erhält. "Für das Testprogramm der G500 beispielsweise wurden 5185 Stunden geflogen", heißt es seitens Gulfstream Aerospace.

Grenzbereiche

Bisher verläuft die Erprobung der G700 problemlos, sodass die Testpiloten bereits die Grenzbereiche bei hohen und niedrigen Geschwindigkeiten ausloten konnten. So kratzte die G700 mit Mach 0.99 an der Schallmauer und erreichte eine Höhe von 16 500 Metern (54000 Fuß). Im typischen Betrieb ist der Business-Jet für maximal Mach 0.925 und eine Reiseflughöhe von bis zu 15 545 Meter (51 000 Fuß) ausgelegt. Die laufenden Tests umfassen unter anderem Flugeigenschaften und Steuerung, mechanische und weitere Systeme. Im Klimalabor der Eglin Air Force Base in Florida musste sich eine G700 unter winterlichen Bedingungen bewähren. Auch die Flattertests sind abgeschlossen. "Diese Errungenschaften in diesem Stadium der Flugerprobung weisen auf die beeindruckende Reife des G700-Programms hin", kommentierte Mark Burns, Präsidentvon Gulfstream.

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Das vierte Testflugzeug der G700 hob in Savannah, Georgia, ab.

Führungsposition unter den Ultralangstreckenjets

Burns ist optimistisch, die ersten G700 planmäßig im Jahr 2022 auszuliefern. Mit seinem rund 78 Millionen US-Dollar teuren Business-Jet möchte sich der Flugzeughersteller aus Savannah die Führungsposition unter den Ultralangstreckenjets sichern – und Wettbewerbern wie beispielsweise der Global 7500 von Bombardier Paroli bieten. Mark Burns spricht von der besten jemals gebauten Gulfstream, die die Errungenschaften der Modelle G500, G600 und G650 in sich vereine.

Zahlreiche Sicherheitsfeatures

Bis zu 13 890 Kilometer (7500 nautische Meilen) Reichweite bei Mach 0.85, gepaart mit der nach eigenem Bekunden größten Kabine der Branche, zeichnen die G700 aus. Auf 17,35 Metern Länge, 1,91 Metern Höhe und 2,49 Metern Breite bietet der Innenraum Platz für 19 Passagiere, unterteilt in bis zu fünf Bereiche. Das Cockpit ist mit dem Gulfstream Symmetry Flight Deck der G500/G600 ausgestattet, basierend auf Honeywell- Avionik – aktive Sidesticks, intuitive Touchscreens und zahlreiche Sicherheitsfeatures zeichnen das System aus. Angetrieben wird der Business-Jet von zwei Rolls-Royce Pearl 700 mit jeweils 81,2 Kilonewton Schub. Entwickelt und hergestellt wird der Antrieb in Dahlewitz bei Berlin.

Abschied von der G550

Während die G700 das Portfolio nach oben erweitern wird, verabschiedet sich ein anderer, überaus erfolgreicher Langstreckenjet von der Gulfstream-Bühne: Im Juni hatte der Hersteller aus Savannah die Auslieferung der letzten G550 für den zivilen Markt angekündigt, die im kommenden Jahr an einen Kunden übergeben werden soll. Mehr als 600 Exemplare der G550 wurden gebaut. Seit ihrem Erstflug am 18. Juli 2002 hat die Flotte mehr als zwei Millionen Flugstunden und mehr als 820 000 Landungen absolviert. Es wird allerdings ein Abschied auf Raten, denn für Militär- und Regierungskunden bleibt der Langstreckenjet für spezielle Anwendungen weiterhin verfügbar.

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Die G550 beendet ihre Karriere auf dem zivilen Markt und bleibt nur für staatliche Kunden im Programm.

Robert J. Collier Trophy

Zu Beginn des Jahrtausends hatte Gulfstream mit der G550 die Nase technologisch vorn. Der Roll-out wurde 2001 zelebriert, die FAA-Zulassung lag 2003 vor. Mit einer Reichweite von 12 500 Kilometern (6750 nautische Meilen) bei Mach 0.8 verbindet die G550 beispielsweise Shanghai mit Los Angeles oder New York mit Dubai ohne Zwischenstopp. Auch bei der G550 setzt der Flugzeughersteller auf Triebwerke von Rolls-Royce, in diesem Fall auf das BR710C4-11 mit 68,4 Kilonewton Schub. Seiner Zeit voraus war auch das Cockpit. Das Gulfstream PlaneView Flight Deck bietet Funktionen wie Infrarotkamera oder Enhanced Vision System. 2003 wurde die G550 mit der Robert J. Collier Trophy ausgezeichnet.

Klar gegliederte Produktlinie

Heute positioniert sich Gulfstream am Markt der Langstreckenjets mit einer klar gegliederten Produktlinie und arbeitet mit den Triebwerksherstellern Rolls-Royce und Pratt & Whitney Canada gleichermaßen zusammen. Unterhalb der G700 angesiedelt sind G500 und G600, die im Oktober 2014 im Doppelpack vorgestellt wurden. Die FAA-Zulassung der etwas kleiner dimensionierten und nicht ganz so reichweitenstarken G500 erfolgte im Juli 2018, ein Jahr später lag die Zertifizierung der G600 vor. Beide Jets absolvierten das Zulassungsprogramm mit Bravour, was Gulfstream dazu veranlasste, die ursprünglich geplanten Reichweitenangaben nach oben zu korrigieren. Beide Business-Jets stellten mehrere Rekorde auf.

Bemerkenswerter Kabinenkomfort

Beim Antrieb entschieden sich die Ingenieure hier für die PW800-Familie von Pratt & Whitney Canada. "Wie erwartet sehen wir wegen der revolutionären Technologie im Cockpit und wegen des bemerkenswerten Kabinenkomforts großes Interesse und eine hohe Nachfrage nach der G500 und G600, auch in Europa", heißt es aus Savannah. Mehr als 40 Exemplare der G500 und rund 20 G600 sind aktuell im Einsatz. Technisch basieren diese beiden Flugzeuge auf der seit 2012 zugelassenen, fast 450 Mal gebauten G650 sowie der Ultralangstreckenversion G650ER. Unterschiede liegen beispielsweise im Antrieb, den aktiven Sidesticks und der Avionik. Mit knapp 14 000 Kilometern (7500 NM) Reichweite bleibt die G650ER vorerst Reichweitenkönigin in der Gulfstream-Familie – erst die G700 wird gleichziehen.

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Luxus pur erwartet die Passagiere in der Kabine der G700, dem bisher größten Gulfstream-Jet.

Einsatz auf anspruchsvollen Flugplätzen

Den Einstieg in die Welt der Gulfstream Business-Jets markiert die G280, ein Super Midsize Jet zum Listenpreis von 24,5 Millionen US-Dollar und Honeywell-Antrieb. Mit rund 6670 Kilometern (3600 NM) Reichweite tritt sie beispielsweise gegen die Challenger 350 von Bombardier oder die Cessna Citation Longitude an. Im Juli wurde die 200. G280 an einen Kunden ausgeliefert. Gulfstreams kleinster Jet bietet, so der Hersteller, viele der wesentlichen Merkmale größerer Gulfstream-Jets mit mehr Reichweite. Vor allem punktet die G280 mit ihren Flugleistungen. Mit guten Steigwerten sowie kurzen Start- und Landestrecken ist sie eine Spezialistin für den Einsatz auf anspruchsvollen Flugplätzen, beispielsweise dem London City Airport. Automatische Bremsen und Autothrottle sind ebenfalls an Bord. Die Geschichte des G200-Nachfolgers begann mit Roll-out und Erstflug im Jahr 2009, seine Indienststellung erfolgte 2012. Gefertigt wird das Geschäftsreiseflugzeug bei Israel Aerospace Industries.

Servicenetz ausgebaut

Millionenschwere Investitionen hat das Management in das weltweite Servicenetz getätigt. Am langjährigen Standort Palm Beach, Florida, wurde zusammen mit Jet Aviation im August ein neu gebautes Servicezentrum eröffnet. Von rund 15 000 Quadratmetern Gesamtfläche entfallen knapp 10 000 auf den Flugzeughersteller – Platz genug für Wartung und Reparaturen an bis zu sieben Jets gleichzeitig. Bereits 2019 gab es eine Neueröffnung in Van Nuys, Kalifornien, ebenso in Appleton, Wisconsin. Auch am Hauptsitz in Savannah wurde ein Servicecenter in Betrieb genommen. 2021 soll in Fort Worth, Texas, eine weitere Niederlassung eröffnen.

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Service genießt einen hohen Stellenwert im Unternehmen. Für europäische Kunden gibt es ein neues Servicezentrum im britischen Farnborough.

Schneller Versand von Ersatzteilen

Nahe des internationalen Flughafens von Atlanta hat ein Hub für den schnellen Versand von Ersatzteilen seinen Betrieb aufgenommen. Mit einem im Juli eröffneten Servicezentrum im britischen Farnborough bietet Gulfstream jetzt auch seinen Kunden aus Europa und Nahost eine Anlaufstelle für Maintenance, Repair und Overhaul (MRO). Auf knapp 21 000 Quadratmetern ist dort Raum für die Wartung von 13 Jets.

Reduktion des CO2-Fußabdrucks

Seit mehreren Jahren legt Gulfstream Wert auf Nachhaltigkeit und eine Reduktion des CO2-Fußabdrucks. Flüge der eigenen Flotte, einschließlich der Erprobung der G700, werden mit einem 70:30-Gemisch aus konventionellem und nachhaltig produziertem Treibstoff geflogen. Der Liefervertrag mit World Fuel Services wurde kürzlich verlängert. Der Öko-Treibstoff wird von World Energy in Kalifornien aus landwirtschaftlichen Abfällen, Fetten und Ölen hergestellt.

Corona-Krise

Die Corona-Krise stellt auch Gulfstream vor Herausforderungen. "Wir mussten keinen Geschäftsbereich herunterfahren", betonte Mark Burns. Die Flugzeugproduktion und das G700-Testprogramm liefen unterbrechungsfrei weiter, wenngleich Arbeitsabläufe neu geordnet werden mussten. Rund 5000 Beschäftigte arbeiteten von zu Hause, weitere 6000 vor Ort in Savannah. Abstandsregeln, häufige Reinigungen und Temperatur-Screenings der Mitarbeiter gehören zu den Maßnahmen. Mit Spenden unterstützt Gulfstream den Kampf gegen die Pandemie.

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Blick in die Produktion: Mit den Modellen G500 und G600 hat Gulfstream den Nerv vieler Kunden getroffen.

Stellenabbau in der Krise

Auch Gulfstream blieb von den Pandemie-Auswirkungen nicht verschont: Im ersten Halbjahr gingen 55 Jets im Wert von 2,95 Milliarden US-Dollar an Kunden, im Vorjahr waren es 65 für 3,5 Milliarden gewesen. Daher wurden kostensenkende Maßnahmen eingeleitet, unter anderem der Abbau von etwa 450 der rund 15 000 Stellen. "Wir mussten zusätzliche Schritte unternehmen, um die Größe und Struktur des Unternehmens mit den aktuellen Bedingungen in Einklang zu bringen. Infolgedessen traf das Unternehmen die schwierige Entscheidung, unsere Belegschaft an mehreren Standorten zu reduzieren. Dies sind herausfordernde und beispiellose Zeiten, die uns schwierige Entscheidungen abverlangen, um die langfristige Stabilität des Unternehmens zu sichern, und wir bedauern aufrichtig die Auswirkungen, die diese Maßnahmen auf unsere Kollegen und ihre Familien hatten", heißt es aus Savannah.

Gulfstream G700:

Passagiere: 19 max.
Länge: 33,48 m
Spannweite: 7,75 m
Kabine ( L / B / H in m): 17,35 / 2,49 / 1,91
Reichweite: 13 890 km (7500 NM)
Reisegeschwindigkeit: Mach 0.90
Triebwerk: 2 x Rolls-Royce Pearl 700
Schub: 2 x 81,20 kN
max. Abflugmasse: 48 807 kg
max. Reiseflughöhe: 15 545 m (51 000 ft)