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Leap Aerospace
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Ein Überschalljet, zu perfekt um wahr zu werden

Leap EON-01 Ein Überschalljet, zu perfekt um wahr zu werden

Luftfahrt lebt von Ideen, und von Pionieren, die sie umsetzen. Manchmal ist der Grat ins Absurde aber ziemlich schmal. Jüngster Beweis: der Überschall-Airliner Leap EON-01. Der kann so ziemlich alles, sogar senkrecht landen – und dürfte genau deshalb Utopie bleiben.

Manchmal fällt es schwer, objektiv zu berichten. Zum Beispiel dann, wenn ein Start-up aus den USA der globalen Medienlandschaft ein neuartiges Überschallflugzeug vorstellt – und dabei versucht, mit geradezu vogelwilden Details technischen Fortschritt vorzugaukeln.

Doch der Reihe nach, geben wir den Dingen eine Chance. Das Start-up, um das es sich handelt, nennt sich Leap Aerospace. Gegründet vom selbsternannten "Tech-Mogul" Priven Reddy aus Südafrika, hat es seinen Sitz laut Firmenwebsite in Dover, im US-Bundesstaat Delaware. Leap Aerospace entwickelt den Überschall-Airliner EON-01: Mach 1,9 schnell, umweltfreundlich und überhaupt in jeder Hinsicht bahnbrechend. In drei Stunden, so verspricht Leap, soll es mit der EON-01 für 65 bis 88 Passagiere von Paris nach New York gehen – und zwar schon ab 2029, denn für dieses Jahr erwartet das Start-up den Start des kommerziellen Betriebs.

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Sieht gut aus - aber ob sie auch gebaut wird? Die Leap EON-01 soll zum Star im Überschallpassagierverkehr werden.

Auf schmalen Beinen

Bisher allerdings gibt es von der EON-01 lediglich eine Reihe computergenerierter Bilder. Die sind zwar wirklich nett anzusehen und zeigen einen formschönen, vierstrahligen Jet mit Concorde-ähnlicher Silhouette, Deltaflügel, V-Leitwerk und – erster Punktabzug – einem Hauptfahrwerk mit unwirklich schmaler Spurbreite. Doch die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Welt niemals mehr als eben diese Computer-Bilder von der Leap EON-01 zu sehen bekommt.

Das liegt nicht einmal daran, dass der Markt für Überschall-Airliner ohnehin schwierig ist, die Nachfrage zweifelhaft, der Bau eines neuen Flugzeugs immense Kosten frisst und mancher Mitbewerber um die Vorherrschaft im Supersonic Business bereits das Handtuch warf. Nein, in diesem konkreten Fall sind es eher die technischen Finessen, die Leap für sein Projekt aufführt und die, verniedlicht ausgedrückt, etwas verstörend wirken.

Überschall-Senkrechtstarter

Denn die EON-01 soll nicht einfach nur irgendein Überschallflugzeug werden, sondern als eine Art "eierlegende Wollmilchsau" der absolute Primus in diesem noch zu schaffenden Segment. Mit 62 Metern Rumpflänge ist sie ähnlich groß dimensioniert wie die Concorde – aber nicht annähernd so umweltschädlich, denn die EON-01 soll komplett CO2-neutral fliegen und bei Start und Landung außerdem "100 Mal leiser als ein Hubschrauber" sein.

Der Vergleich eines Überschalljets mit einem Hubschrauber hinkt, finden Sie? Mitnichten! Denn Leap schreibt in seinem Pressetext allen Ernstes folgenden Satz: Die EON-01 gehe beim Start "in den Vorwärtsflug über, wobei sie allmählich an Geschwindigkeit gewinnt und ähnlich effizient wie ein Flugzeug arbeitet." Heißt was genau? Richtig: EON-01 wird ein Senkrechtstarter! Mit Hilfe spezieller, kleiner Propeller, so heißt es, soll das Flugzeug vertikal starten und landen können – und dabei eben tatsächlich weniger Krach machen als ein Hubschrauber.

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Die Triebwerke der EON-01 sollen "bladeless" arbeiten - also ohne Triebwerkschaufeln. Das wird sich zeigen...

Ein Triebwerk wie ein Dyson-Ventilator

Aus den Triebwerken, die das Überschall-VTOL nach erfolgtem Start auf annähernd doppelte Schallgeschwindigkeit bringen sollen, rationalisiert Leap im Gegenzug alles, was rotiert, einfach weg: Als Antrieb für die EON-01 will das Start-up nach eigener Aussage "die allererste schaufellose Technologie" auf den Markt bringen. Das klingt ziemlich kurios. Man ist direkt geneigt, an diese neuartigen Dyson-Ventilatoren zu denken, die im Sommer im Büro für frische Luft sorgen. Die arbeiten auch rotorlos – aber ob das für Mach 1,9 reicht? Immerhin wendet Leap ein, dass sich diese Art des Antriebs noch "in einer konzeptionellen Phase" befinde. Wie der Rest des Flugzeugs auch, möchte man ergänzen...

Eins aber ist bereits klar: die Sicherheit soll an erster Stelle stehen. Die Leap EON-01 werde "mit dem weltweit ersten sicheren Landemechanismus ausgestattet sein, der im Falle eines kompletten Triebwerksausfalls oder einer Fehlfunktion das Flugzeug trotzdem sicher auf dem Boden oder im Meer landen lässt und so Todesfälle minimiert." Na, das ist doch wirklich beruhigend – für den Fall, dass es mit dem schaufellosen Dyson-Antrieb doch nicht so hinhaut.

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Das Design der Leap EON-01 ist dafür optimiert, den unvermeidlichen Überschallknall auf ein Mindestmaß zu dämpfen.

Leiser Überschallknall

Dass Leap außerdem daran arbeitet, den Überschallknall seines Flugzeugs möglichst stark abzudämpfen und das Design der EON-01 dahingehend optimieren möchte, überrascht bei all den technischen Feinheiten nur noch wenig. In der Tat ist diese Frage wohl für jedes zivile Überschallprojekt der entscheidende Knackpunkt, weshalb unter anderem auch die NASA gezielt an der Minimierung des "Sonic Boom" forscht.

Doch wer wären wir, die Leap EON-01 mit den profanen Entwürfen anderer Hersteller und Institutionen zu vergleichen? Schließlich ist eins doch völlig klar: "Obwohl in letzter Zeit zahlreiche andere Überschallflugzeuge auf den Markt gekommen sind, hebt sich Leap aufgrund seiner einzigartigen Eigenschaften von der Masse ab." So steht es im Pressetext, und so ist es tatsächlich. Ob das für die EON-01 letztlich ein Erfolgsfaktor sein wird, ist zu bezweifeln. Ein letztes Mal fällt der Blick auf das Computer-Bild mit dem schmalen Hauptfahrwerk. Ein Bild mit Symbolcharakter: Das Projekt steht auf wackligen Beinen…