Für den Verlust ihrer im Weizenfeld gestrandeten A320 – Kennzeichen RA-73805, Baujahr 2004 – erhielt Ural Airlines als Ausgleich von der Versicherung 1,3 Milliarden Rubel. Das sind, nach aktuellem Wechselkurs, umgerechnet knapp 14,6 Millionen Euro. Das ist, nach Angaben des russischen Portals 66.ru, fast das Elffache der Summe, die in Gerichtsakten als geschätzter finanzieller Schaden hinterlegt ist, der Ural Airlines durch die Notlandung der RA-73805 am 12. September 2023 nahe dem sibirischen Dorf Moskowka (Ubinskoje) entstanden war.
Der damals 19 Jahre alte Airbus hätte an diesem Tag mit der Ural-Flugnummer 1383 von Sotschi nach Omsk fliegen sollen und befand sich bereits im Landeanflug auf die Omsker Landebahn 07, als im Cockpit eine Fehlermeldung auf den Ausfall des grünen Hydrauliksystems aufmerksam machte. Weil an diesem System nicht nur Spoiler, Vorflügel und Landklappen, sondern auch das Fahrwerk, die Automatik-Bremse und die Schubumkehr des Backbord-Triebwerks hängen, entschieden sich Pilot Sergej Below und sein Copilot Eduard Semjonow, ihre A320 statt in Omsk auf dem Flughafen Nowosibirsk-Tomaltschowo zu landen, der über zwei längere Runways verfügt.
Husarenstück im Weizenfeld
Auf dem Weg nach Nowosibirsk aber ging dem Airbus der Treibstoff aus – wie Below später aussagte, aufgrund unerwartet starken Gegenwinds, der nicht vorhergesagt war. Kurzerhand beschlossen Below und Semjonow, ihr Flugzeug alternativ auf das riesige, gemähte Kornfeld in Ubinskoje zu setzen, das rund 200 Kilometer vom eigentlichen Ausweichziel entfernt liegt.
Das Husarenstück gelang, die A320 blieb fast unbeschädigt und alle Passagiere kamen ohne große Verletzungen davon – dafür aber mit einer fürs Leben prägenden Erfahrung. Die Chefetage von Ural Airlines erwog zeitweise gar, das notgelandete Flugzeug vom Weizenfeld starten zu lassen und wieder in Dienst zu stellen. Letztlich aber wurden diese Pläne verworfen, rund ein Jahr später begann man vor Ort mit der Zerlegung des zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre alten Airliners.
Ersatzteile und Millionenzahlung
Angesichts des chronischen Mangels an Ersatzteilen für westliche Flugzeuge, der als Folge der im Frühjahr 2022 gegen das Land verhängten Sanktionen in Russland grassiert, dürfte sich die Degradierung der RA-73805 zum Teilespender tatsächlich auch als die lukrativste aller Möglichkeiten erwiesen haben. Zusammen mit der eingestrichenen Versicherungssumme von 1,3 Milliarden Rubel ist der Verlust des Flugzeugs als solches für Betreiberin Ural Airlines sicher mehr als verschmerzbar.
Auf diesen Umstand wies bereits im September 2025 der Pilot Sergej Below hin, der sich wegen der Notlandung seither vor Gericht verantworten muss. Der Fluggesellschaft sei durch die Versicherungszahlung und die Nutzung verwendbarer Teile zur Reparatur anderer Flugzeuge "kein Schaden, sondern Gewinn" entstanden.

Die Passagiere verließen das Flugzeug seinerzeit über die Notrutschen. Laut Pilot Below wurde ihnen erst beim Aussteigen gewahr, dass sie auf einem Feld gelandet waren.
Pilot als Sündenbock?
Below drohen, bei einer Verurteilung nach Artikel 263 des russischen Strafgesetzbuchs (Verstoß gegen die Verkehrssicherheitsvorschriften und den Betrieb des Luftverkehrs), bis zu zwei Jahre Haft. Zunächst war der erfahrene, inzwischen freigestellte Pilot öffentlich als Held gefeiert worden. Im Zuge der Unfalluntersuchung kamen die Ermittler der russischen Zivilluftfahrtbehörde Rosawiazija jedoch zu der Einschätzung, dass Below mit seiner Entscheidung, nicht in Omsk zu landen, sondern nach Nowosibirsk zu fliegen, die Gefahrenlage überhaupt erst heraufbeschwor. Ihrer Ansicht nach hätte die 2.500 Meter lange Landebahn auf dem Flughafen Omsk sehr wohl für eine sichere Landung der havarierten A320 ausgereicht. Die Entscheidung des Piloten sei "arrogant und leichtfertig" gewesen, urteilten die Ermittler.
Zugleich konstatierte die Untersuchung auch, die Ural-Piloten hätten "ein inakzeptabel niedriges Ausbildungsniveau" besessen, "die Kommission über ihr Handeln belogen und bei der Landung rücksichtslos gehandelt." Bei der Berechnung des Kerosinverbrauchs hätten sie sich – in Anbetracht des abnormalen technischen Zustands ihres Flugzeugs, das mit zumindest teilweise geöffneten Fahrwerksschächten deutlich mehr Kerosin verbrauchte als gewöhnlich – schlichtweg verrechnet.
Vorwürfe gegen die Ermittler
In einem Interview mit 66.ru wies Chefpilot Below Ende September 2025 diese Vorwürfe gegen sich und seinen Copiloten kategorisch von sich. Stattdessen warf er seinerseits den beauftragten Ermittlern mangelnde Kompetenz vor. "Die vom Staat finanzierte Flug- und Technikprüfung wurde einem privaten 'Experten' übertragen, dem die notwendige Fachkompetenz fehlt", so Below damals. "Dieser hat weder jemals einen Airbus A320 geflogen noch jemals dessen Cockpit betreten. Darüber hinaus besitzt er nicht einmal eine Pilotenlizenz für das kleinste Passagierflugzeug. Kein einziger Airbus-A320-Spezialist war an der Prüfung beteiligt. Tatsächlich wurden weder das Flugzeug noch seine Komponenten, das Cockpit, die Flugdatenschreiber oder der Landeplatz untersucht."

Die Crew von Ural-Flug 1383 nach der geglückten Notlandung. Pilot Sergej Below (ganz rechts) lebt aktuell von Gelegenheitsjobs, will aber gern eines Tages wieder fliegen.
"Extreme Notwendigkeit und gerechtfertigtes Risiko"
Es sei "völlig klar, dass meine Motive darin bestanden, das Leben und die Gesundheit der Passagiere und der Besatzung zu schützen und das Flugzeug zu erhalten", untersrich Below im Gespräch mit 66.ru. Letztendlich habe die Besatzung diese Ziele erreicht. Eine Landung in Omsk unter den damals herrschenden Verhältnissen mit stárken Seitenwindböen halte er auch im Nachgang weiter für riskant. Viele Juristen seien überdies der Ansicht, "dass mein Handeln unter anderem im Hinblick auf extreme Notwendigkeit und gerechtfertigtes Risiko bewertet werden sollte", so Below weiter.
Immerhin: Belows ehemaliger Arbeitgeber Ural Airlines bestätigte jüngst auf Nachfrage gegenüber 66.ru, keine zivilrechtlichen, finanziellen Ansprüche gegen die Piloten geltend machen zu wollen.





