Russland baut kein neues Großraum-Passagierflugzeug: Kreml legt Projekt auf Eis

Kreml legt Projekt auf Eis
Russland baut kein neues Großraum-Passagierflugzeug

ArtikeldatumVeröffentlicht am 14.01.2026
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Der Kreml bündelt die Ressourcen für Russlands zivile Luftfahrtindustrie. In einer Direktive vom 26. Dezember 2025 ordnete die Regierung von Premierminister Michail Mischustin an, die Arbeiten an einem russischen Großraum-Passagierjet faktisch einzustellen. Im Gegenzug sollen bislang zurückgestellte Haushaltsmittel, in Summe 2,6 Milliarden Rubel (rund 28,3 Millionen Euro), in die weitere Entwicklung und Modernisierung der Mittelstreckenmuster Jakowlew MS-21-310 und Tupolew Tu-214 fließen.

Damit ist endgültig klar, dass Russland auf absehbare Zeit kein eigenes, modernes Langstreckenflugzeug bauen wird. Die Arbeiten an einem solchen Projekt waren bereits in der Vergangenheit auf Sparflamme gelaufen und schienen nach außen hin wenig stringent. Mal hieß es, man wolle den Vierstrahler Iljuschin Il-96 mithilfe neuer Triebwerke und eines neuen Flügels zum Zweistrahler umrüsten, dann tauchten Patentunterlagen des russischen Flugzeugbau-Konsortiums UAC für einen Großraumjet auf, der den pragmatischen Projektnamen SchFDMS (Abkürzung für "Großraum-Langstreckenflugzeug") trug. Der Entwurf sah ein komplett neu konstruiertes Flugzeug mit zwei Triebwerken, konventionellem Rumpf und hoher Flügelstreckung vor, das – anders als die Il-96 – großteils aus Verbundwerkstoffen bestehen sollte.

Patent für neues russisches Großraumflugzeug.
UAC (OAK)

Russlands MS-21 muss abspecken

Für die umgeschichteten Gelder hat die Regierung in Moskau ganz konkrete Verwendungszwecke im Blick. Der Löwenanteil von 2,2 Milliarden Rubel (24 Millionen Euro) soll für die Verbesserung des russischen A320-Pendants MS-21-310 aufgewendet werden. Konkret ist in der Direktive des Kabinetts von "Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zur Verbesserung der Flugleistung und der aerodynamischen Eigenschaften des Flugzeugs MS-21-310 sowie zur Gewichtsoptimierung" die Rede.

Die – von der Regierung Russlands offenbar als dringlich erkannte – Notwendigkeit zu diesen Arbeiten deutet darauf hin, dass die vor geraumer Zeit in russischen Medien geäußerte Kritik an der MS-21 (zumindest teilweise) zutrifft. Anonyme Insider hatten den komplett auf russische Komponenten umgerüsteten Entwurf als zu schwer gebrandmarkt. Die "russifizierte" MS-21 schleppe 5,75 Tonnen Übergewicht mit sich herum, was zu signifikanten Abstrichen bei den Flugleistungen führe. Die Rede war von einer Dienstgipfelhöhe von nur noch 7000 Metern und einer Reichweite von vielleicht 2000 Kilometern – womit das Flugzeug objektiv gesehen nicht konkurrenzfähig wäre.

Widebody-Mittel werden umgewidmet

Die im Regierungsdekret festgelegten Maßnahmen sehen "die Erstellung eines technischen Berichts über gezielte Maßnahmen zur Reduzierung des Gewichts der Flugzeugzelle in Bezug auf Flügelkasten, Mittelteil, Fahrwerkschacht, Tragflächen-Hochauftriebskomponenten, Flügel-Rumpf-Verkleidung, Pylon, einzelne Rumpfkomponenten und Flugzeugsysteme bis spätestens 31. Dezember 2026" vor. Parallel dazu sollen die Ingenieure bis spätestens 31. Dezember 2027 für alle zur Gewichtsreduzierung entwickelten Einzellösungen Konstruktionsdokumente erstellen. Außerdem fordert das Kabinett Mischustin die "Erstellung eines technischen Berichts über gezielte Maßnahmen zur Verbesserung der aerodynamischen Eigenschaften des Flugzeugs bis spätestens 31. Dezember 2026."

Das Programm umfasst ferner Entwicklungsarbeiten zur Herstellung und Lieferung von Werkzeugen für die Prototypenfertigung sowie die Produktion von Innenausstattung, Passagierkabinen- und Cockpit-Ausrüstung für Qualifizierungs- und Zertifizierungstests. Bis zum 30. September 2026 sollen im Rahmen des Programms mindestens 569 Prototypen für Innenausstattungskomponenten gefertigt und ersten Tests unterzogen sowie mindestens 517 Werkzeuge hergestellt werden.

Bis zum 30. Oktober 2026 müssen mindestens sieben Prototypen von Innenraumkomponenten gefertigt und qualifizierten Tests unterzogen werden. Die Anpassung der Konstruktionsdokumentation und die Verfeinerung der Innenraumprototypen auf Grundlage der Ergebnisse zusätzlicher Zertifizierungstests an Bord des Flugzeugs sollen bis spätestens 31. Dezember 2026 abgeschlossen sein.

Jakowlew MS-21-310rus in der Flugerprobung
UAC (OAK)

Gravierende Probleme

Auf die bisher erreichte Qualität des wichtigsten russischen Passagierflugzeugprojekts MS-21 werfen diese Forderungen ein recht schlechtes Licht. Selbst wenn die von Insiderquellen formulierten und von russischen Medien verbreiteten Angaben zu den heftigen Leistungseinbußen der "russifizierten" MS-21 übertrieben sein sollten und weniger gravierend ausfallen, wirkt die Neuauflage der MS-21, die einst mit hohem West-Anteil geplant wurde, vor diesem Hintergrund eher wie gewollt und nicht gekonnt. Dass Moskau der Verbesserung dieses Prestigeprojekts Priorität einräumt, leuchtet auf alle Fälle ein, wenngleich das ohnehin massiv verspätete Programm dadurch noch sehr viel mehr Zeit liegen lassen dürfte.

UAC / Montage: FR-Grafik

Keine Alternative zu Boeing und Co.

Wie sich die russischen Fluggesellschaften perspektivisch im Langstreckenverkehr aufstellen, scheint nun allerdings fraglicher denn je. Zwar rechnete auch vorher niemand ernsthaft damit, in den kommenden fünf bis zehn Jahren ein aus Russland stammendes Pendant zu Airbus A350 und Boeing 787 zu erhalten. Die formelle Absage an ein solches Projekt seitens der russischen Regierung verleiht der Angelegenheit jedoch eine zusätzliche Schwere, entzieht sie der Aussicht auf einen Ersatz der sanktionierten West-Widebodies doch auch die theoretische Grundlage.

Auch China bietet keine Lösung

So bleibt den Airlines in Russland wohl weiter nur, darauf zu hoffen, dass die Sanktionen eines (nicht zu fernen) Tages enden und sie wieder regulären Zugang zum westlichen Flugzeugmarkt, insbesondere auch zu Ersatzteilen und Serviceunterstützung für Boeing 777, Airbus A330, A350 und Co. erhalten. Schließlich scheint auch China mit dem nun im Alleingang vorangetriebenen Großraumprojekt C929 nicht besonders schnell voranzukommen. Und selbst, wenn dieses Muster irgendwann marktreif wäre, würde es doch zu großen Teilen aus westlichen Komponenten und Systemen bestehen – wodurch es, bei Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Sanktionspolitik, für russische Carrier ebenfalls unerreichbar bliebe.