Russlands "Baikal-Flugzeug" fliegt jetzt mit russischem Motor: LMS-901 ohne US-Triebwerk

Erstflug mit russischem Motor
Russlands „Baikal-Flugzeug“ braucht kein US-Triebwerk mehr

ArtikeldatumVeröffentlicht am 07.01.2026
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Russlands Vize-Premierminister Juri Trutnew, Bevollmächtigter für den Föderationskreis Ferner Osten, ließ im Mai 2025 kein gutes Haar am Baikal-Flugzeug LMS-901. Das von UZGA (Ural'skiy Zavod Grazhdanskoy Aviatsii) in Jekaterinburg entwickelte Flugzeug, mit dem Russland die altehrwürdige An-2 im regionalen Flugverkehr ersetzen will, sei durch und durch verkorkst und stecke voller konstruktiver Mängel. Die Arbeiten seien in eine Sackgasse geraten, sagte Trutnew damals. Und wurde gegenüber Journalisten konkret: "Das heißt, wir erwarten kein Baikal-Flugzeug."

Die Kabinettskollegen aus dem Ministerium für Industrie und Handel, das die Arbeiten an der LMS-901 verantwortet, widersprachen dieser Auffassung umgehend und vehement. Die Arbeit am Baikal-Flugzeug liege mitnichten auf Eis, vielmehr entwickle man die LMS-901 auf Basis der mit dem ersten Prototyp erzielten Erkenntnisse weiter. Zudem laufe die Integration des russischen Turboprop-Triebwerks WK-800 von Klimow, das den durch die seit 2022 geltenden Sanktionen unerreichbar gewordenen H80-Motor von GE aus den USA ersetzen soll. Mit diesem war die erste LMS-901 zunächst bestückt.

"Baikal-Flugzeug" LMS-901 startet erstmals mit russischem Motor.
UZGA

Erfolgreicher Testflug mit Klimow-Turboprop

Wenngleich diverse Insiderstimmen die Aussagen von Vize-Premier Trutnew stützten, ging und geht es mit dem für die entlegenen Regionen Russlands höchst bedeutsamen Baikal-Flugzeug hinter den Kulissen tatsächlich weiter. Zumindest hob an Heiligabend erstmals eine LMS-901 mit WK-800-Turboprop und dem maßgeschneiderten AW-901-Propeller von Aerosila ab. Dem Jungfernflug vorausgegangen waren laut Angaben von UZGA umfassende Bodentests und Rollversuche mit dem neuen Triebwerk. Dort, und vor allem beim Testflug am 24. Dezember, habe man "die Betriebsstabilität des Triebwerks in allen Betriebsmodi überprüft, dessen Beschleunigungs- und Ansprechverhalten sowie die Funktion der Notabschalt- und Propellerverstellsysteme bewertet." Besonders im Fokus sei überdies die Treibstoffversorgung und die Vibrationsentwicklung des WK-800 gestanden, teilte UZGA mit. Nach Auskunft des verantwortlichen Testpiloten Alexej Jazynin verlief der Flug planmäßig und ohne Anlass zur Kritik.

"Baikal-Flugzeug" LMS-901 startet erstmals mit russischem Motor.
UZGA

Ein Triebwerk für mehrere Anwendungen

Für die russische Zivilluftfahrt wird das Turboprop-Triebwerk WK-800 in den kommenden Jahren von zentraler Bedeutung sein – ist sein Einsatz doch nicht nur beim Baikal-Flugzeug LMS-901, sondern auch im zweimotorigen Regionalflugzeug LMS-192 Asweja sowie zur Umrüstung der in Russland bereits im Dienst stehenden Let-410 vorgesehen, die aktuell noch mit US-amerikanischen GE-Motoren unterwegs sind. Auch der Militärtrainer UTS-800 soll mit dem WK-800 bestückt werden. Je nach Ausführung leistet die russische Propellerturbine laut öffentlich zugänglichen Datenblättern zwischen 807 und 870 PS. Das Klimow-Triebwerk ist demnach außerdem speziell für den Einsatz in anspruchsvollen Klimazonen ausgelegt, wie sie etwa in der russischen Taiga, in Gebirgsregionen oder in der Arktis vorherrschen.

Wie geht es für das Baikal-Flugzeug weiter?

Bei dem an Weihnachten flügge gewordenen Prototyp mit WK-800 im Bug dürfte es sich um den insgesamt dritten Prototyp der LMS-901 Baikal handeln. Er wird wohl in den kommenden Monaten den Hauptanteil der Flugerprobung absolvieren, die dem Muster möglichst bis Ende 2026 zur Zulassung verhelfen soll. Vermutlich wird auch der überarbeitete, derzeit noch GE-motorisierte zweite Prototyp am Testprogramm teilnehmen – wohingegen der Anfang 2022 zum ersten Mal geflogene und im Nachgang heftig kritisierte Erstling vermutlich nicht mehr aktiv ins Geschehen eingreift. Allerspätestens 2027 soll das überarbeitete Baikal-Flugzeug mit russischem Motor endgültig serienreif sein.

Ural Works

Rund viermal teurer als geplant?

Ein Problem für Russland und die LMS-901 – und besonders für die Fluggesellschaften, die sie fliegen sollen – sind derweil die stetig weiter ausufernden Kosten des Projekts. Diese haben sich, laut Informationen russischer Medien, in Hinblick auf den anvisierten Stückpreis seit Projektstart in etwa vervierfacht. Die Gründe dafür sind vor allem in den notwendig gewordenen Konstruktionsänderungen zu suchen. "Zu Beginn des Projekts gab das Ministerium für Industrie und Handel geschätzte Kosten von rund 120 Millionen Rubel [1,27 Millionen Euro] an, was es für kleinere Fluggesellschaften relativ erschwinglich gemacht hätte", schreibt der russische Telegram-Kanal MashTech. "Diese Summe ist jedoch stetig gestiegen." Schätzungen zufolge liege der Preis pro Baikal-Flugzeug nunmehr bei rund 455 Millionen Rubel (4,83 Millionen Euro). Das sei für die betreffenden Regionalflugdienste schwer bis unmöglich zu schultern. UZGA selbst gab demnach eine Preisspanne von 220 bis 340 Millionen Rubel an (2,33 bis 3,61 Millionen Euro), was immer noch relativ hoch ist.

Fazit