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Die Iljuschin Il-114-300 kommt später auf den Markt

Wegen Absturz der Il-112W Die Iljuschin Il-114-300 kommt später auf den Markt

Russlands regionale Airlines müssen länger als geplant auf den neuen Turboprop Il-114-300 warten. Das bestätigte Russlands Vize-Premier Borisow. Schuld ist der Absturz des Militärtransporter-Prototypen Il-112W im August – ausgestattet mit demselben Triebwerkstyp.

Der fatale Crash des einzigen flugfähigen Prototypen der Iljuschin Il-112W am 17. August nahe Kubinka zieht immer weitere Kreise. Die Erprobung des neuen Militärtransporters, der bei Russlands Luftwaffe die Antonow An-26 beerben soll, ruht bis auf Weiteres. Nach wie vor gibt es von Behördenseite keine offiziellen Angaben zur Ursache des Unfalls, bei dem die dreiköpfige Iljuschin-Testcrew getötet wurde. Experten und Insider in Russland schießen sich allerdings darauf ein, dass dem Absturz Konstruktionsmängel am Turboprop-Triebwerk TW7-117ST zugrundeliegen. Das bremste Ende August ein zweites, mindestens genauso ambitioniertes Projekt aus: Auch die Tests mit dem neuen Turboprop-Airliner Il-114-300 liegen vorerst auf Eis, denn die Il-114-300 besitzt weitestgehend dieselben Triebwerke wie die Il-112W.

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Die Erprobung der Il-114-300 ist ebenfalls ausgesetzt. Das bringt dem Projekt Verspätung ein.

Zeitplan wird "angepasst"

Bislang hatten Offizielle aus dem Kreml und dem staatlichen Flugzeugbau.Konsortium UAC davon gesprochen, dass diese Zwangspause den Zeitplan für die Il-114-300, wonach die ersten Serienflugzeuge 2023 an Kunden gehen sollen, nicht beeinträchtige. Nun lenkt die russische Regierung, in Gestalt von Vize-Premierminister Juri Borisow, erstmals ein: Am Rande eines Öl- und Gasforums in Tjumen auf die Il-114-300 angesprochen, verkündete er, das Datum für die Zulassung des Flugzeugs werde "angepasst". Die Tragödie von Kubinka "wird natürlich ihre eigenen Anpassungen vornehmen", so Borisow. Allerdings halte man daran fest, bis Ende 2021 zwei weitere Il-114-300 zu produzieren. Beide Flugzeuge befinden sich aktuell bei RSK MiG in Luchowizy in der Endmontage.

Am Motor wird festgehalten

Die nach wie vor im Kreuzfeuer der Kritik stehenden Triebwerke gegen bereits erprobte Pendants aus dem Westen zu ersetzen, kommt für Borisow derweil ausdrücklich nicht in Frage. Solche Maßnahmen seien nicht vorgesehen, stellte der Vize-Premier in Tjuman klar. Er glaube, "dass das TW7-117-Triebwerk in einen Betriebszustand gebracht werden muss", der den Anforderungen sowohl für die Il-114-300 als auch für die Il-112W entspreche. Das TW7-117ST der Il-112W und das TW7-117ST-01 der Il-114-300 sind stark weiterentwickelte Derivate des bereits in den 90ern vorgestellten Turbopropmotors TW7-117 von Klimow. Gegenüber der Ausgangsversion kitzelten die Ingenieure jedoch deutlich mehr Leistung aus dem Triebwerk.

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Die Il-114-300 wird von zwei russischen TW7-117ST-Turboprops angetrieben. Der ehemalige Iljuschin-Chefkonstrukteur Talikow bezeichnete diese als "Schrott".

Triebwerke "Schrott"?

Genau dieser Umstand wird seit dem Crash der Il-112W in Russland sehr kontrovers diskutiert. Andrej Zlobin, einst an der Entwicklung der Ur-Version des Triebwerks beteiligt, erklärte jüngst in einem russischen News-Portal, das TW7-117 sei grundsätzlich ein zuverlässiges Triebwerk, arbeite aufgrund der "geringen Abmessungen der Turbinenkomponenten und des Kühlsystems" jedoch schon von Haus aus unter schwierigen Bedingungen und biete daher wenig Spielraum für "riskante" Modernisierungen. Nikolai Talikow, Iljuschin-Chefkonstrukteur im Ruhestand, bezeichnete die Motoren sogar als "Schrott", vor dem er selbst jahrelang gewarnt habe. Da es in Russland aber kein modernes Turboprop-Triebwerk mit vergleichbaren Leistungsdaten gibt, bliebe als Alternative zum TW7-117ST vermutlich nur ein westliches Produkt – was wiederum Russlands erklärtes Ziel, für die Il-114-300 und die Il-112W ausdrücklich nur heimische Komponenten zu verwenden, ad absurdum führen würde.

Wie lange sich die Erprobung der beiden Muster letztlich hinauszieht, steht und fällt daher höchstwahrscheinlich mit der Frage, ob – und wenn ja, wann – die Klimow-Ingenieure aus dem TW-117ST ein ebenso standfestes, zuverlässiges Aggregat machen können, wie es das Ausgangsprodukt ist – allerdings mit ausreichend Leistung.