Anfang August sind die Wiesen im Hinterland der polnischen Ostseeküste saftig grün. Anders als in meiner thüringischen Heimat hat es hier offensichtlich regelmäßig und ergiebig geregnet.
Die dunkelgrünen Kampfhubschrauber, die hier auf den Abstellflächen stehen, kontrastieren nur wenig mit diesem Grün, und gegen die umgebenden Wälder sind sie noch weniger gut wahrzunehmen. Insofern ist ihre einheitliche grüne Tarnung schon einmal gut gewählt. Dass sie trotzdem sofort den Blick des Besuchers auf sich ziehen, liegt daran, dass es sich bei Maschinen mit der charakteristischen Silhouette um echte Raritäten handelt, letzte "Überlebende" einer einstmals zahlreichen Flotte.
Zum zweiten Mal in diesem Jahr ist die Mi-24 Ziel und Anlass meiner Reise – der sowjetische Kampfhubschrauber schlechthin, der mittlerweile nahezu vom Himmel Europas verschwunden ist. In der NATO, wo es seit der Jahrtausendwende mit Bulgarien, Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Polen gleich fünf Betreiber dieser Ikone des Kalten Krieges gab, ist nur noch der letztgenannte übrig geblieben (wenn man von zwei Exemplaren ungewissen Klarstands in Bulgarien absieht).
Daneben betreibt nur noch Serbien eine Flotte der Weiterentwicklung Mi-35.

Polen ist der letzte aktive Nutzer der Mi-24 in der NATO. Ungarn hat seine Mi-24 ausgemustert, die bulgarischen Exemplare sind vermutlich nicht (mehr) flugfähig.
Polens Mi-24 im Einsatz
Früher als geplant soll ich mich auf der 49. Baza Lotnicza in Pruszcz Gdański einfinden, denn heute steht etwas auf dem Programm, das es so lange nicht mehr gab: Formationsflug mit drei Hubschraubern. Was für mich und die mit mir aus dem ganzen Land angereisten polnischen Fotografen Gelegenheit für ganz besondere Bilder bietet, bedeutet für die Besatzungen, die üblicherweise einzeln mit ihren Maschinen Panzer und andere Kampffahrzeuge jagen, besonderen Vorbereitungsaufwand.
Gleiches gilt für das technische Personal, das unbedingt den Klarstand aller drei geplanten Maschinen sicherstellen muss, denn Reservemaschinen gibt es nicht. Gerade einmal vier Mi-24 befinden sich aktuell auf der Basis, eine davon durchläuft gerade eine Wartungskontrolle in der Kontroll- und Reparaturstaffel. Insgesamt verfügt Polen nur noch über knapp 30 Mi-24, verteilt auf zwei Staffeln in Inowrocław und eine hier in Pruszcz Gdański, von denen einige Exemplare wiederum auf vorgeschobenen Basen an der polnischen Ostgrenze stationiert sind, um einfliegende Drohnen zu bekämpfen. Damit bleibt nur noch eine Rumpfflotte für den Trainingsflugbetrieb.

Zeitig am Morgen beginnt der Flugbetrieb. Die 270 gehört zu den Maschinen, die in den 90er Jahren aus Deutschland beschafft wurden.
Vorbereitung für den Formationsflug
Damit auch gar nichts schiefgeht, absolvieren die drei Hubschrauber zunächst einen erweiterten Probelauf – erweitert, weil sie auf die Bahn rollen, abheben und für ein paar Minuten nach allen Seiten manövrieren, bevor sie wieder zu ihren Standplätzen zurückkehren. Offensichtlich ist alles ok, denn hektische Aktionen bleiben aus. Lediglich der verbrauchte Kraftstoff wird nachgetankt und dann heißt es: Warten auf den eigentlichen Start.
Als "Pausenfüller" betätigen sich zwei der zahlreichen Mi-2, die ebenfalls hier am Platz stationiert sind und die sowohl für Trainings- als auch für Transportaufgaben herangezogen werden. Obwohl schon seit den 60er Jahren im Dienst, stehen die Chancen laut Aussage der Gastgeber gar nicht schlecht, dass die Mi-2 noch für längere Zeit weiterfliegt, ist sie doch im Betrieb außerordentlich günstig.
Ersatzteile stehen offensichtlich auch noch zur Verfügung, was nicht verwunderlich ist, denn sämtliche Maschinen wurden in Polen bei WSK Świdnik gebaut und selbst die Triebwerke vom Typ Isotow GTD-350 entstanden im polnischen Rzeszów. Zudem stehen am Flugplatzrand zahlreiche abgestellte Exemplare, die zur Ersatzteilgewinnung dienen.

Probelauf in der Luft. Bevor die Mi-24 zum Formationsflug aufbrechen, werden sie ausgiebig getestet.
Die Mi-2 – kleine Schwester der Mi-24
Interessant ist im Übrigen auch die Versionsvielfalt der Mi-2, die von den polnischen Armeefliegerkräften betrieben wurden und teilweise noch werden. Während es sich bei den beiden Exemplaren, die wir an diesem Tag fliegend zu sehen bekommen, um unbewaffnete Exemplare handelt, laufen Wartungsarbeiten an anderen Maschinen, die zur Version URN gehören, über eine fest eingebaute 23‑Millimeter-Maschinenkanone verfügen und zudem Behälter für ungelenkte Raketen mitführen können.
Bei einem früheren Besuch in Pruszcz Gdański wurde mir auch eine Mi-2Ch gezeigt, die mit einem Raucherzeuger WDZ-80 zur Gefechtsfeldeinnebelung ausgestattet war. Die spektakuläre Wirkung des Geräts war auf einigen Fotos in den Dienstzimmern der Basis zu sehen.

Mehrere Mil MI-2 füllen die Flugpausen der Mi-24 mit Leben und fliegen unermüdlich Platzrunden.
Mi-24 im Bestzustand
Aber zurück zum eigentlichen Anlass des Besuchs: Gegen 9 Uhr machen sich zwei Mi-24, die 175 und die 270, auf den Weg für das Frühprogramm. Im Paar gehen sie auf Streckenflug, um zwischendurch immer wieder zur Basis zurückzukehren, zwischenzulanden und dann wieder davonzuziehen.
In den Pausen zwischen den Anflügen der beiden Kampfhubschrauber ist Gelegenheit, sich auf der Basis umzuschauen. Was dabei neben dem sichtbar guten technischen Zustand der Hubschrauber besonders ins Auge fällt, sind die modernen Bodengeräte – Schleppfahrzeuge, Tankwagen, Anlassgeräte –, die nichts mehr mit der typischen historischen Technik zu tun haben, die man sonst im Umfeld von Flugzeugen und Hubschraubern sowjetischen Ursprungs findet.

Auffällig ist das weitgehende Fehlen von Beschriftungen und Markierungen an den Mi-24 in Pruszcz Gdański. Die Maschinen tragen nur Hoheitskennzeichen, taktische Nummer und eine Warnung vor dem Heckrotor. Wartungsaufschriften oder Wappen fehlen.
Apache Guardian als Nachfolger
Ganz offensichtlich investiert Polen bereits seit längerer Zeit erheblich in sein Militär. Und seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine hat es so umfassend wie kein anderes Land in Europa Weichenstellungen für die Modernisierung seines Militärs vorgenommen. Für gewaltige Summen wurden Panzer, Flugzeuge und Schiffe sowohl bei einheimischen als auch bei ausländischen Herstellern bestellt – und das ohne langwierige bürokratische Prozesse.
Allerdings wird dennoch noch einige Zeit vergehen, bis all diese Maßnahmen Wirkung zeigen, denn insbesondere die US-amerikanische Rüstungsindustrie ist nicht in der Lage, den aktuellen Bedarf kurzfristig zu decken.
Dies betrifft auch die Beschaffung von 96 AH-64E Apache Guardian, mit der die polnische Armee zum zweitgrößten Betreiber dieses Kampfhubschraubers nach der US Army wird. Die Auslieferung der 2024 bestellten Maschinen soll 2028 beginnen und bis 2032 enden. Obwohl die polnischen Heeresflieger bereits seit Anfang des Jahres über acht geleaste AH-64D für die Ausbildung von Piloten und Technikern verfügen und die Umschulung bei der 56. BLOT in Inowrocław begonnen hat, wird es bis zur vollen Einsatzbereitschaft sicher noch einige Jahre dauern.

Dröhnend und in geschlossener Formation donnern die drei Mi-24 über die Startbahn.
Drei Mi-24 donnern über den Platz
Nach der Rückkehr von der Morgenrunde werden die beiden Mi-24 erneut aufgetankt, um sich dann kurz nach dem Mittag in Begleitung der dritten Maschine auf den Weg für den Tageshöhepunkt zu machen. Versetzt reihen sich die Maschinen auf der Bahn auf und ziehen in Formation davon, nur um wenige Minuten später in geringer Höhe über die versammelten Fotografen zu donnern.
Dabei werden Erinnerungen an längst vergangene Zeiten wach. In den 90er und frühen 2000er Jahren zeigten tschechische, slowakische oder russische Mi-24 regelmäßig bei Flugtagen Formationsflug in geringer Höhe und erzeugten Gänsehautgefühle bei den Zuschauern.
Fast eine Stunde (und zahlreiche Mi-2-Platzrunden) später kommen die drei Mi-24 dann wieder zurück. Diesmal fliegen sie weniger effektvoll, aber dafür fotofreundlicher an – in einiger Entfernung und über der Start- und Landebahn, sodass sie auch wirklich gemeinsam aufs Bild passen. Danach landet aber nur eine der drei Maschinen und die beiden anderen ziehen nochmals davon.

Der Wartungshangar in Pruszcz Gdański. Während die 175 im Vordergrund hier nur parkt, durchlaufen eine Mi-24 und zwei Mi-2 im Hintergrund gerade größere periodische Wartungskontrollen.
Ein Blick in die Werft muss sein
Während die zurückgekehrte 175 ihre Nachflugkontrolle erhält, betankt und in den Hangar geschleppt wird, kreisen die beiden Mi-2 unablässig. Dann sind die beiden Mi-24 zurück, landen und rollen zu ihren Abstellplätzen. Das Abstellen der Triebwerke warten wir noch ab, dann geht es zügig zum letzten Tagesordnungspunkt, denn schließlich sind wir seit fast sieben Stunden auf dem Platz.
Als ehemaliger Flugzeugtechniker will ich die Basis natürlich nicht verlassen, ohne noch einen Blick in den Wartungshangar zu werfen. Zwei Mi-2 und eine Mi-24 werden hier gerade instandgesetzt. Neben der Frage, wann mit dem Apache das Ablösemuster verfügbar ist, bestimmen speziell bei der Mi-24 die verfügbaren einheimischen Wartungskapazitäten die verbleibende Einsatzdauer.

Zum Abschluss eines gelungenen Flugtags: Auge in Auge mit dem charismatischsten Kampfhubschrauber überhaupt.
Wie lange fliegen die Mi-24 noch?
Nachdem die russischen und ukrainischen Ersatzteilquellen versiegt sind, ist der Betrieb der Flotte nur noch durch Kannibalisierung abgestellter Maschinen und die Fähigkeiten der polnischen Wartungsbetriebe aufrechtzuerhalten. Aber hier befindet sich Polen in einer vergleichsweise guten Situation. So hat das Land in den 90er Jahren 18 Mi-24 aus Deutschland erhalten – die heute geflogenen 209 und 270 gehören dazu – und es verfügt mit dem Wojskowe Zakłady Lotnicze Nr. 1 (WZL-1) in Łódź über eine Einrichtung, die die industrielle Instandsetzung der Mi-24 anbieten kann.
Die Chancen stehen also gar nicht schlecht, dass die polnischen Mi-24 noch einige Zeit weiterfliegen. Und ich würde mich freuen, wenn das noch nicht unser letztes Zusammentreffen gewesen wäre.





