Serbiens „fliegender Panzer“ Mi-35M trainiert mit NATO-Hubschraubern: Mi-35M aus Russland

„Fliegender Panzer“ aus Russland
Serbische Mi-35M trainiert mit NATO-Hubschraubern

ArtikeldatumVeröffentlicht am 22.06.2026
Als Favorit speichern

Beim Medientag der Übung "Thracian Blade 26" am 17. Juni auf dem stillgelegten Fliegerhorst Cheshnegirovo im Süden Bulgariens zieht ein dunkelgrauer Hubschrauber alle Blicke auf sich. Zwischen bulgarischen Cougars, slowakischem Black Hawk, Schweizer Super Puma und dem AW169-Kiowa-Duett aus Österreich genießt die Mi-35M aus Serbien nicht nur Exotenstatus – sie ist auch der einzige echte Kampfhubschrauber, der an dem internationalen Großmanöver teilnimmt.

In dieser Rolle leistet sie im Übungsszenario taktische Luftnahunterstützung für die am Boden abgesetzten Soldaten der anderen Drehflügler. Mehrfach donnert die Mi-35M während der Live-Vorführung vor der VIP-Tribüne in Cheshnegirovo im Tiefflug über den Schauplatz des Geschehens, während die Verbündeten ihre Truppen abseilen oder im Kampf verwundete Kameraden aufsammeln.

Kaum ist der "fliegende Panzer" in serbischen Diensten nach getaner Arbeit auf der einstigen Airbase nahe Plowdiw gelandet, stürzen sich die anwesenden Fotografen auch schon auf das drohend-dunkle Ungetüm und seine Crew. Die begegnet dem Interesse mit charmanter Gelassenheit. "Wir wissen schon, dass wir sehr attraktiv sind", kommentiert der Pilot schmunzelnd, während die Meute seinen Hubschrauber von allen Seiten ablichtet.

Analog und Digital im Cockpit

Nur ein Detail ist dabei tabu: "Das Cockpit dürft Ihr leider nicht fotografieren", heißt es fast entschuldigend. Aber mal reinschauen – das ist erlaubt.

Der neugierige Blick ins Flight Deck der Mi-35M offenbart einen Mix aus Analog- und Digitalanzeigen – letztere zusammengefasst auf zwei großen Multifunktionsbildschirmen im Zentrum des Armaturenbretts. "Das ist typisch russisch", unterstreicht der Bordmechaniker. "Jedes System hat sein analoges Backup."

Dazu erhielt die Mi-35M ab Werk einen neuen Bordrechner, ein neues Navigationssystem und verbesserte Allwetter- und Nachtkampfeigenschaften, maßgeblich durch neue Infrarot-Sensorik vom Typ OPS-24N, sowie einen Laserentfernungsmesser.

Mi-35M aus Serbien, bulgarische MiG-29 und andere Fluggeräte bei der Übung Thracian Blade 2026 in Bulgarien.
Patrick Zwerger

Serbiens Mi-35-Flotte

Sieben Mi-35M bestellte Serbiens Regierung Anfang 2019 in Russland – die ersten vier wurden noch Ende desselben Jahres geliefert. 2023 sicherte sich Serbien zudem elf gebrauchte Mi-35P aus Zypern, die seither sukzessive in den aktiven Dienst integriert wurden.

Von den eigens für Serbien gebauten Mi-35M unterscheiden sich die Second-Hand-Hubschrauber maßgeblich durch ihre doppelläufige 30-Millimeter-Kanone an der Steuerbordseite – das P in der Modellbezeichnung steht für "Puschka" (Kanone).

Die sieben Jahre alte Mi-35M, mit der die Serben bei "Thracian Blade" am Start sind, trägt die Kennung 101 und war die erste ihres Typs in serbischen Diensten. Sie besitzt statt der seitlich montierten "Puschka" eine zweiläufige 23-Millimeter-Maschinenkanone vom Typ Grjasew-Schipunow GSch-23, verbaut unterm Kinn in einem schwenkbaren Geschützturm. Die GSch-23 lässt sich mit 450 Schuss Munition bestücken und besitzt eine Kadenz von 3400 Schuss pro Minute.

Mi-35M aus Serbien, bulgarische MiG-29 und andere Fluggeräte bei der Übung Thracian Blade 2026 in Bulgarien.
Patrick Zwerger

"Kampfhubschrauber-Monster" Mi-35M

In Russland wird die Mi-35M seit der Jahrtausendwende gebaut – und verkörpert die modernste sowie leistungsstärkste Ausführung der legendären Mil Mi-24 "Hind", deren erster Prototyp bereits im September 1969 abhob. Serbiens Präsident Aleksandar Vučić adelte die Topversion vor Jahren als "wahres Monster von Kampfhubschrauber".

Von den älteren Mi-24-Varianten unterscheidet sich die Mi-35M nicht nur durch die Avionik, sondern auch technisch. So nutzt sie beispielsweise das Rotorystem der Mi-28 "Havoc" mit Hauptrotorblättern aus Verbundwerkstoff und dem cahrakteristischen Heckrotor, der aus zwei X-förmig übereinander gelegten Zweiblatt-Rotoren besteht.

Als Antrieb der Mi-35M dienen zwei Klimow WK-2500-02 mit jeweils 2200 PS Standardleistung – im Notfall sind kurzzeitig bis zu 2700 PS abrufbar. "Wir haben den stärksten Hubschrauber im Feld und können problemlos auch mit einem Triebwerk fliegen", kommentiert der serbische Bordmechaniker in Cheshnegirovo selbstbewusst.

Mi-35M aus Serbien, bulgarische MiG-29 und andere Fluggeräte bei der Übung Thracian Blade 2026 in Bulgarien.
Patrick Zwerger

Starres Fahrwerk als Pluspunkt

Optisch fällt im Flug zudem das starre Fahrwerk auf, das gegenüber älteren Hinds mit Einziehfahrwerk 90 Kilogramm Gewicht einspart. Den Mechaniker freut das fixe Fahrgestell auch deshalb, "weil man damit im Feld eine Sache weniger hat, um die man sich kümmern muss. Ein einziehbares Fahrwerk mit der ganzen Hydraulik bedeutet immer mehr Wartungsaufwand, insofern umso besser, dass sie das geändert haben."

Mi-35M aus Serbien, bulgarische MiG-29 und andere Fluggeräte bei der Übung Thracian Blade 2026 in Bulgarien.
Patrick Zwerger

Drei Mann in der Mi-35M

Dass der Techniker bei der Übungsmission im Hubschrauber mitfliegt, ist übrigens weder Zufall noch PR-Gag, denn die Serben betreiben ihre Mi-35M im Einsatz standardmäßig mit drei Mann. Platz gibt es in der geräumigen Hind-Kabine schließlich ausreichend – obgleich man wohl einen stabilen Magen braucht als dritter Mann an Bord, wenn die Kollegen vorne in den Cockpits die Wendigkeit des wuchtigen Kampfhubschraubers unter Beweis stellen.