Bell UH-1D in Norddeutschland: Der letzte Teppichklopfer ist zurück!

Bell UH-1D, fit wie nie
Der letzte „Teppichklopfer“ ist zurück - und wie!

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ArtikeldatumVeröffentlicht am 17.01.2026
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Als die US Army 1954 nach einem neuen leichten Mehrzweckhubschrauber suchte, ahnte niemand, dass die daraus entstehende Maschine eines Tages zu den berühmtesten Luftfahrzeugen der Welt zählen würde. Die Anforderung war klar: ein moderner, zuverlässiger und vielseitiger Hubschrauber, der Verwundete transportieren, Truppen verlegen und Material befördern können sollte – mit Turbinenantrieb statt Kolbenmotor. Geplant war der Einsatz hauptsächlich beim Medical Corps. Bell Helicopter nahm die Herausforderung an und schuf mit der UH-1 die Grundlage für eine Ikone: die "Huey". Die erste Vorserienmaschine, zu diesem Zeitpunkt noch XH-40 genannt, absolvierte am 22. Oktober 1956 ihren Erstflug. Angetrieben von einer Lycoming-T53-Freilaufturbine mit rund 770 PS, war sie deutlich leichter, leistungsfähiger und wartungsfreundlicher als ihre Vorgänger. Der charakteristische Zwei-Blatt-Rotor aus Aluminium verlieh ihr nicht nur ein markantes Fluggeräusch – das unverkennbare "Whoop Whoop Whoop" –, sondern auch hervorragende Leistung und Stabilität. Der Rumpf war als Halbschalenkonstruktion aus Aluminium gefertigt, robust, einfach zu warten und auf vielfältige Einsatzrollen ausgelegt. Der erste Vertrag vom 19. Oktober 1956 umfasste die Fertigung von sechs Prototypen YH-40, die nach Fertigstellung für die Einsatzerprobung genutzt werden sollten. Die erweiterte Version Bell 205, militärisch UH-1D, entstand Anfang der sechziger Jahre. Sie besaß einen verlängerten Rumpf mit Platz für bis zu 14 Soldaten oder sechs Tragen, eine stärkere T53-L-11-Triebwerksvariante mit 1100 PS und ein größeres Hauptrotorsystem. Das Ziel war, die Transportkapazität zu erhöhen, ohne die bewährte Einfachheit aufzugeben. 1961 hob der Prototyp ab, und schon bald stand fest: Die UH-1D würde zum Arbeitstier der westlichen Streitkräfte werden.

Ehemalige Heeresflieger Bell UH-1D mit dem Kennzeichen D-HYUH
Philipp Prinzing

Der Weg zur Bundeswehr

Für Deutschland begann die Geschichte 1967, als im Rahmen des NATO-Standardisierungsprogramms eine Lizenzfertigung bei Dornier, später bei der Flugzeug-Union Süd (VFW-Fokker, EADS), aufgenommen wurde. Insgesamt entstanden über 350 UH-1D für die Bundeswehr, gefertigt in Oberpfaffenhofen. Der Lizenzbau bewahrte die grundlegende Struktur, erhielt jedoch deutsche Avionik, Instrumentierung und teilweise modifizierte Systeme. Im Heer, bei der Luftwaffe und im Such- und Rettungsdienst (SAR) wurde sie zu einem Symbol für Verlässlichkeit – der Helikopter, der immer kam, wenn er gebraucht wurde. Technisch blieb die UH-1D bemerkenswert ausgewogen. Der halbstarre Rotorkopf, bestehend aus einem zentralen Dämpfer und zwei flexiblen Rotorblättern, war mechanisch simpel und gleichzeitig hoch belastbar. Die Steuerung erfolgte hydraulisch unterstützt, das Fahrwerk bestand aus widerstandsfähigen Kufen, die selbst unsanfte Landungen verziehen. Die Kabine war modular: Sitze konnten entfernt, Tragen eingebaut, Türen beidseitig geöffnet werden. Diese Wandlungsfähigkeit machte sie zum idealen Allzweckhubschrauber.

Ehemalige Heeresflieger Bell UH-1D mit dem Kennzeichen D-HYUH
Philipp Prinzing

Bewährung im Einsatz

Im Einsatz zeigte die UH-1D weltweit, was in ihr steckte. In Vietnam war sie das Rückgrat der Luftbeweglichkeit: Truppenverlegung, Nachschub, Evakuierung, Luftunterstützung – kaum eine Aufgabe, die sie nicht erfüllte. Die US-Armee nannte sie "Iroquois", doch die Soldaten gaben ihr den Spitznamen "Huey" – abgeleitet von der ursprünglichen Bezeichnung HU-1. In Deutschland war sie weniger kämpferisch, dafür umso humanitärer im Einsatz. Ob Katastrophenschutz, Waldbrandbekämpfung, Hochwasser oder Rettungsflüge im Gebirge – die UH-1D stand stets im Dienst der Öffentlichkeit. Eine besondere Rolle spielte sie im SAR-Dienst. Mit ihrer auffälligen orangegrünen Lackierung war sie jahrzehntelang über deutschen Städten, Küsten und Bergen zu sehen. Ihr charakteristisches Rotorgeräusch, das ihr auch den Beinamen Teppichklopfer verschaffte, war für viele das beruhigende Zeichen, dass Hilfe unterwegs war. Von den 1960er Jahren bis in die 2020er blieb sie im Dienst – eine technische Lebensdauer, die ihresgleichen sucht. Die UH-1D war kein luxuriöses Fluggerät. Sie vibrierte, war laut und verlangte ihren Crews physische Arbeit ab. Doch gerade diese Ursprünglichkeit machte sie so beliebt. Piloten lobten ihre direkte Steuerung, Mechaniker ihre Zugänglichkeit, Einsatzkräfte ihre Zuverlässigkeit. Ein fliegendes Werkzeug aus Metall, welches einen seltenen im Stich ließ.

Mit der Einführung moderner Nachfolger wie der H145 LUH SAR begann ab 2020 schrittweise das Ende der UH-1D-Ära bei der Bundeswehr. Doch ihr Erbe bleibt lebendig. In Museen, bei zivilen Betreibern und in der Erinnerung unzähliger Einsätze lebt der Geist der "Huey" fort. Sie steht für die Geburt des modernen Militärhubschraubers – und für eine Generation von Fluggeräten, die aus Notwendigkeit zur Legende wurde.

Ehemalige Heeresflieger Bell UH-1D mit dem Kennzeichen D-HYUH
Philipp Prinzing

Laufbahn der 8474

Eine dieser ehemaligen Maschinen der Bundeswehr fliegt seit 2025 in Norddeutschland unter der deutschen Kennung D-HYUH. Es handelt sich um die bei Dornier im Jahr 1970 gebaute Bell UH-1D Iroquois mit der Werknummer 8474. Die Stückprüfung und Indienststellung in Oberpfaffenhofen und die anschließende Übernahme im Heeresflieger Bataillon 6 in Hohenlockstedt erfolgte nach dem 14. Juli 1970. 25 Jahre lang flog sie mit dem Stammkennzeichen 73+54 im hohen Norden und erlebte dort zumindest ein paar technische Veränderungen. Am 9. Dezember 1986 erfolgte für eine bessere Tarnung im Gelände die Umlackierung in das Drei-Farben-Flecktarn, bei den UH-1D war dies der Norm-84-Anstrich in RAL 6003 Olivgrün, RAL 7021 Schwarzgrau und FS 34079 Forest Green. Es wurde auch der Cable-Cutter oberhalb des Cockpits installiert. Einen ersten größeren Eingriff in die Zelle erfuhr die 8474 im Sommer 1993, als die ersten Maßnahmen zur Nutzungsdauerverlängerung (NDV) ausgeführt wurden. Zu den Arbeiten gehörten das Auswechseln von Wabenkernbauteilen im Fußboden, im Bereich um das Getriebe, in der Kabinenrückwand sowie am Triebwerksdeck, die zukünftig aus CNC-gefrästen Strukturbauteilen bestehen. Weitere Strukturarbeiten wurden am Heckausleger vorgenommen, bei denen rissanfällig Spanten versteift wurden. Verschiedene Magnesiumbauteile wurden ebenfalls getauscht. Die Hauptrotorblätter mit einem Metall-Wabenkern wurden auf neue Blätter aus Faserverbundwerkstoff (FVW) gewechselt. Im gleichen Jahr folgte auch der erste Auslandseinsatz in Somalia, wofür die Huey vorher noch eine neue HF-Ausrüstung und eine mobile GPS-Anlage erhielt. Somalia sollte nicht der letzte Einsatz für die nun 25 Jahre alte Huey sein. 1995 ging es als Teil der IFOR (die NATO-geführte Friedens- bzw. Umsetzungstruppe) nach Bosnien und Herzegowina.

Ehemalige Heeresflieger Bell UH-1D mit dem Kennzeichen D-HYUH
Philipp Prinzing

Die letzte Bell UH-1D der Bundeswehr

Am 18. Dezember 1995 erfolgte die Ausrüstung für den Nachttiefflug (NTF), bei der ein schwarzes Cockpit mit grüner, blendfreier Beleuchtung verbaut wurde. Darauf folgte die Versetzung zum Heeresfliegerregiment 10 in Faßberg. Zwischen 1996 und 2011 erfolgte immer wieder die Nutzung für SFOR- und KFOR-Einsätze auf dem Balkan. Auch technisch blieb die Huey immer up to date und erhielt ein IFR-Glascockpit mit Multifunktionsdisplay, einem zweiten VHF-Funkgerät und GPS-Anlage. 2008 wurde noch eine Tonaufzeichnungsanlage eingerüstet. Zwei weitere Dienststellen sollten bis zur Ausmusterung der Huey im Jahr 2022 noch folgen. Die 8474 flog zwischen 2012 und 2019 beim Transporthubschrauberregiment 30 in Niederstetten und ab dem 11. Februar 2019 in Manching bei der Wehrtechnischen Dienststelle 61. Das Ende der Huey war bei der Bundeswehr zu diesem Zeitpunkt schon in greifbarer Nähe. Am 19. Juli 2022 startete die 73+54 zum allerletzten Flug einer Bell UH-1D bei der Bundeswehr (die sonderlackierten Maschinen waren schon vorher zu ihren letzten Flügen gestartet) von Manching nach Roth und besiegelte damit das Ende einer Ära. Für die Maschine selbst erfolgte an diesem Tag die Außerdienststellung nach 52 Jahren im aktiven Dienst.

Ehemalige Heeresflieger Bell UH-1D mit dem Kennzeichen D-HYUH
Philipp Prinzing

Seit 2025 wieder in der Luft

Es ist aber nicht das Ende ihrer fliegerischen Laufbahn. Über das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) erwarb Simon Kopmann im Jahr 2022 die 73+54. Die erneute Inbetriebnahme erwies sich als einfach, denn durch die Wartungs- und Instandsetzungsmaßnahmen nach den Vorschriften der Bundeswehr befand sie sich strukturell sowie hinsichtlich Flug- und Triebwerk in einem ausgezeichneten Zustand. Das Team um Kopmann setzt sich aus erfahrenen Mechanikern zusammen, die allesamt auf der Huey ihren Dienst versehen und jahrzehntelange Erfahrung haben. Bei der Wiederinbetriebnahme wurden ausnahmslos originale Neuteile verbaut. Eine neue Lackierung gab es aber, denn die 73-54 sollte in den Auslieferungszustand von 1970 zurückversetzt werden. Das Cockpit wurde, so gut es geht, original belassen und nur die heute notwendigen Einbauten wurden vorgenommen – nicht sichtbar. Die NDV-Maßnahmen aus den 1990er Jahren machen die Maschine weiterhin bis ins hohe Alter einsetzbar.

Seit 2025 ist sie mit der deutschen Zulassung D-HYUH wieder in der Luft und hat ihre ersten Auftritte in Deutschland. In der Zukunft soll sie als Teil des UH-1D Demo Teams e.V. regelmäßig die Zuschauer begeistern. Das Team operiert sie weiterhin nach militärischem Standard und natürlich wird sie schonender geflogen als noch im aktiven Dienst. Sie steht heute in einem beheizten Hangar, was dem Erhalt auch zugutekommt, und wartet auf den nächsten Flug, bei dem sie mit ihrem typischen Sound und ihrer historischen Lackierung die Menschen auf den Flugplätzen und den Orten, die sie überfliegt, erfreuen kann. Es hat sich also auch nach über 50 Jahren noch nicht ausgeklopft für die 73+54.