Dinosaurier 2.0
„Neue“ B-52 Stratofortress bei Boeing im Windkanal

Die Boeing B-52 soll bis mindestens 2050 fliegen. Damit das funktioniert, erhält der Bomber-Methusalem der US-Luftwaffe demnächst neue Triebwerke. Das macht auch neue Motorgondeln notwendig. Und wie die sich auswirken, klärte Boeing jüngst bei Tests im Windkanal.

„Neue“ B-52 Stratofortress bei Boeing im Windkanal
Foto: Boeing (Screenshot Twitter)

Sie flog zum ersten Mal vor 70 Jahren, trat 1955 ihren Dienst an – und wird als Rückgrat der Strategischen US-Bomberflotte auch die kommenden knapp drei Jahrzehnte prägen. Denn die Boeing B-52 Stratofortress bleibt für die US Air Force weiter unverzichtbar, auch wenn das letzte je gebaute Exemplar bereits 1962 ausgeliefert wurde. Aus diesem Grund beschloss man in den USA bereits 2018, die fliegenden Dinosaurier mit neuen Triebwerken auszurüsten. Schließlich sind die TF33-Turbofans der aktuellen Variante B-52H technisch Schnee von vorgestern, entsprechend durstig sowie lärm- und schadstoffstark.

Unsere Highlights
B-52s over the Baltic Sea
U.S. Air Force
Am Ende der Lebensdauer: Die TF33-Triebwerke der B-52H waren die ersten Turbofans aus dem Hause Pratt&Whitney. Das Nebenstromverhältnis liegt bei etwa 1,4:1.

Ingenieurskunst aus Deutschland

Aus dem Wettbewerb, der dem CERP genannten Unterfangen (Commercial Engine Replacement Program) vorgelagert war, ging im Herbst 2021 Rolls-Royce mit dem im deutschen Dahlewitz entwickelten Businessjet-Turbofans BR725 als Sieger hervor. Die Version für die B-52 firmiert unter der militärischen Bezeichnung F130, soll etwa 40 Prozent weniger Sprit verbrauchen, die Wartungskosten senken, die Reichweite vergrößern und – last but not least – auch den CO2-Ausstoß erheblich reduzieren. Allerdings ist das Rolls-Royce F130 im Durchmesser größer als der Turbofan-Pionier TF33 von Pratt & Whitney. Deshalb passen die neuen Triebwerke nicht in die alten Gondeln, auch wenn die B-52 weiter als Achtstrahler unterwegs sein wird.

Praxistest im Windkanal

Bei Boeing, wo man ob der endlos scheinenden Karriere mit besonderem Stolz auf die B-52 blickt, hat sich ein Ingenieursteam bereits mit der Neukonstruktion der Triebwerksgondeln befasst. Vergangene Woche meldete Boeing den erfolgreichen Abschluss einer Testkampagne im Windkanal, bei der sich die neu gestalteten "Hülsen" im Praxistest an einem Modell der B-52H bewähren mussten.

"Die neuen Gondeln sind größer, das bringt uns näher an den Flügel – und bringt ein paar interessante Aspekte hinsichtlich der Steuerbarkeit mit sich", erklärt Boeing-Aerodynamikfachmann Mike Seltman in einem Video, das der Flugzeugbauer auf Twitter veröffentlichte. Vor allem gilt es, herauszufinden, inwiefern das neue Layout die Strömung an den Steuerflächen beeinflusst und ob dadurch eine Umgestaltung der Tragflächen notwendig wird. Die Windkanaltests, bei denen Geschwindigkeiten bis Mach 0,92 simuliert werden, sollen sicherstellen, "dass die neuen Triebwerke arbeiten wie erwartet", unterstreicht bei Boeing – nicht ohne zu erwähnen, dass Ingenieure des Konzerns bereits in den 50er-Jahren ähnliche Modelle nutzten, um die B-52 weiterzuentwickeln.

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Umfangreiche Arbeiten

Von den 76 B-52 im Bestand der US Air Force sind noch 58 aktiv, 18 weitere werden als ständige Reserve vorgehalten. Die ersten Flugzeuge sollen ihre neuen Triebwerke zwischen 2026 und 2027 erhalten, wobei die Umrüstung im Zuge der turnusgemäß anstehenden Depot-Wartung erfolgt. Im Gegensatz zu den alten, hydromechanisch gesteuerten TF33 besitzen die F130 jedoch eine vollautonome FADEC-Regelung (Full authority digital engine control). Dadurch müssen zusätzlich zur Montage der neuen Motoren noch Kabel verlegt, Sensoren integriert, Cockpitdisplays und weitere Hardware eingebaut werden.

Raytheon
Die B-52 soll neben neuen Triebwerken auch das AESA-Radar AN/APG-79 von Raytheon erhalten. Es findet bereits bei der F/A-18E/F Verwendung (Foto).

Neues Radar, ein Mann weniger

Die anfängliche Einsatzbereitschaft der dann als B-52J oder B-52K bezeichneten Version peilt die US-Luftwaffe für 2030 an. Ob das wie geplant klappt, hängt jedoch nicht nur von einer erfolgreichen Integration der neuen Turbofans ab. Im Rahmen des "größten Modernisierungsprogramms in der Geschichte" der B-52 sollen die Bomber-Methusalems nämlich auch mit einem AESA-Radar ausgerüstet werden. Hier fiel die Wahl auf das AN/APG-79 von Raytheon, das bereits in der F/A-18E/F Super Hornet zum Einsatz kommt. Außerdem erhält die Stratofortress diverse Kommunikations- und Cockpit-Upgrades. Die Besatzung eines jeden Bombers soll künftig von fünf auf vier Personen schrumpfen. Das macht auch neue Handbücher und Lehrpläne für die Besatzungen nötig.

Derzeit steht im Raum, dass Radar- und Triebwerks-Upgrade zeitlich versetzt ablaufen sollen, sodass bereits 2025 erste Flugzeuge mit Raytheon-Hardware, aber noch ohne neue Triebwerke aus dem Depot rollen könnten. Trotzdem hofft die Air Force, dass bis 2035 die gesamte B-52-Flotte komplett umgerüstet ist.

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