Eine Rotte feindlicher Suchoi Su-30 aus dem Staat Mercure nähert sich dem Territorium von Arnland. Plötzlich eröffnen sie aus größerer Distanz das Feuer auf die heranfliegenden Dassault Rafale der französischen Luftwaffe. Diese können den Flugkörpern jedoch ausweichen und nehmen ihrerseits den Gegner ins Visier. Dies ist keine Szene aus einem Computerspiel, sondern war im Frühjahr Realität über dem Südwesten Frankreichs. Allerdings erfüllten statt den Kampfjets aus russischer Produktion griechische Mirage 2000 die Rolle der Aggressoren, die Reichweite und Eigenschaften der Flanker-Bewaffnung replizierten. Das Szenario war Teil des groß angelegten Manövers ORION 2026, mit dem Frankreich und verbündete Nationen seit 8. Februar und noch bis 30. April in verschiedenen Abschnitten die Landesverteidigung üben. Die diesjährige Ausgabe ist so groß wie nie zu vor.
Aktuelles Szenario
Die Abkürzung ORION steht für "Opération de grande envergure pour des armées Résilientes, Intéropérables, Orientées vers le combat de haute intensité et Novatrices", zu Deutsch: groß angelegte Operation für widerstandsfähige, interoperable Streitkräfte, die auf hochintensive Gefechte ausgerichtet und innovativ sind. Erstmals im Jahr 2021 veranstaltet, soll die Übung die Zusammenarbeit mit alliierten Nationen und den Einsatz von schnellen Einsatztruppen zur Bündnisverteidigung stärken. Im Mittelpunkt des Übungsszenarios steht das befreundete Arnland (de facto das Territorium Frankreichs), dessen östlicher Nachbarstaat Mercure die Eingliederung in die EU verhindern will und schließlich zu militärischen Mitteln greift. Arnland ersucht daraufhin um die Hilfe Frankreichs, das entsprechende Truppen sendet. In der letzten Übungsphase kommen dann NATO-Kontingente zum Einsatz. "Arnland hat uns um Hilfe gebeten. In der Koalition greifen wir von Frankreich aus ein, das sich fiktiv mitten im Atlantik befindet. Wir intervenieren mit den verschiedenen Komponenten Luftwaffe, Marine und Heer", erklärt der Général de division aérienne, Julien Sabéné. Erstmals setzt ORION auch im größeren Stil auf die Komponenten Cyber und Weltraum. Die Luftoperationen erfolgen vor allem von der Basis Mont-de-Marsan in Südfrankreich aus. Koordiniert wird das Ganze von einem unterirdischen Bunker auf der Basis Cinq-Mars-la-Pile in der Nähe von Tours. Dabei steht die ganze Fläche Frankreichs im Fokus. "Denn heute, mit den modernen Bewaffnungen, kann man nicht mehr nur in Zonen trainieren, die eine klassische Größe aufweisen. Man muss Gebiete suchen, die größer sind", sagt Sabéné. So kommen bei ORION auch die Langstreckenflugkörper Meteor und Taurus zum virtuellen Einsatz. Letzterer liegt in der Verantwortung der deutschen Luftwaffe.

Mit mehr als 12 000 Soldaten übt Frankreich den Ernstfall.
Deutsche Tornados im simulierten Einsatz
Das Taktische Luftwaffengeschwader 33 hat drei Panavia Tornados nach Mont-de-Marsan entsandt und simuliert bei der Übung auch den Einsatz der Lenkwaffe. "Wir haben die Möglichkeit, die Planung entsprechend durchzuführen und im Flugzeug die Waffe simuliert zu programmieren, sodass alle Anwahlen bis auf den tatsächlichen Abwurf erfolgen", erklärt Kommandoführer Oberstleutnant Michael Temmler. Im komplexen und intensiven Szenario von ORION haben die deutschen Jagdbomber aber auch mit dem sogenannten Dynamic Targeting eine weitere Aufgabe: "Wir bekämpfen Ziele aus der Luft am Boden in einem hochdynamischen Umfeld. Erst kurz bevor wir die Waffe zum Einsatz bringen, bekommen wir die Information, wo genau die Ziele sind. Hier müssen wir entsprechend reagieren und uns in dem gesamten Bild zurechtfinden."
Dazu ist ein gutes Situationsbewusstsein nötig. Hier helfen der Litening-Laserzielbehälter und das Link-16-Kommunikationssystem zur Zielzuweisung von AWACS-Maschinen oder anderen verbündeten Flugzeugen. Damit gehört der Tornado nicht zum alten Eisen: "Durch die Upgrades ist er in seiner Rolle absolut in der Lage, einen wirklichen Mehrwert beizutragen." Auch die vier in der Luft-Luft-Rolle fliegenden Mirage 2000 aus Griechenland sind noch durchaus konkurrenzfähig, wie der Kommandeur des Kontingents aus Tanagra ausführt. "Wir haben sechs Flugkörper an Bord und können in der Luft viele Ziele angehen. Die Mirage ist nach wie vor sehr leistungsfähig, kann Langstreckenwaffen einsetzen und über Link-16 kommunizieren."

Die Luftwaffe schickte Tornado-Jagdbomber aus Büchel nach Frankreich.
Elektronische Aufklärung und A2/AD
Das französische Muster ist auch bei den Gastgebern mit von der Partie. Die Mirage 2000D setzt unter anderem den Aufklärungsbehälter ASTAC von Thales (Analyseur de signaux tactiques) ein, der zur Aufklärung elektronischer Signale dient und so auch Radarsignaturen erkennen kann. Die Daten gehen an im Verbund operierende Rafale-Kampfjets, die so die gegnerische Luftabwehr niederhalten. So ist es auch bei der heutigen Mission geplant. Die eigenen Kräfte sollen die feindlichen Linien durchbrechen, um die Lufthoheit übernehmen zu können, im Fachjargon "Counter A2/AD" genannt. "Das bedeutet, dass man allen Systemen entgegenwirken muss, die den Zugang behindern – Anti-Access – oder die diese Aktionsfreiheit behindern – Access Denial", erläutert Lieutenant-colonel Emmanuel Marenghi, der Übungsleiter für die Komponenten in Mont-de-Marsan. Nach Erreichen dieser Ziele könne man in die Tiefe schlagen und das Militärpotenzial des Gegners verringern.

Vom Flugzeugträger Charles de Gaulle aus beteiligten sich Rafale der Marine Nationale an den Missionen.
Multinationales Zusammenspiel
Am Einsatz sind neben den Einheiten der Armée de l’Air auch Flugzeuge des deutschen und griechischen Kontingents beteiligt, ebenso wie die nach Europa verlegten Rafale aus Katar und die Rafale der französischen Marineflieger, die vom westlich von Portugal kreuzenden Flugzeugträger Charles de Gaulle hinzukommen. Die gegnerische Flugabwehr ist in der Gegend von Cazaux südlich von Arcachon angeordnet. Neben simulierten Systemen gibt es dort auch echte Raketenstellungen. Die Jets synchronisieren ihre Aktionen mit Spezialkräften am Boden, die eben jene Systeme zerstören sollen, die den Zugang zu den feindlichen Linien behindern. Hier kommt wieder das Zusammenwirken aller Kräfte zum Tragen, das zentraler Punkt der Übung ist.

In einem unterirdischen Bunker bei Tours wird die Übung zentral koordiniert.
ORION 2026 im Überblick
- Dauer: 8. Februar bis 30. April
Teilnehmer Frankreich:
- Heer: drei kombinierte Brigaden, 2150 taktische Fahrzeuge, 40 Hubschrauber, 1200 Drohnen
- Marine: eine Flugzeugträger-Kampfgruppe, zwei Hubschrauberträger, 50 Flugzeuge, 25 Kampfeinheiten
- Luftwaffe: zehn Stützpunkte, 50 Flugzeuge, sechs Flugabwehreinheiten, 20 Weltraumsensoren
Internationale Beteiligung:
- Australien, Belgien, Brasilien, Deutschland, Estland, Griechenland, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, Katar, Kroatien, Luxemburg, Marokko, Niederlande, Norwegen, Polen, Rumänien, Schweiz, Singapur, Spanien, Südkorea, USA
- Beteiligte Luftfahrzeuge (Mont-de-Marsan): Dassault Mirage 2000 (Frankreich, Griechenland), Dassault Rafale (Frankreich, Katar), Panavia Tornado (Deutschland)





