Wenn es um russische Raumfahrt geht, denkt man an Baikonur. Denn von dort starten alle zivilen und bemannten Missionen der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, auch zur ISS. Seit der Auflösung der Sowjetunion liegt das traditionell für schwere Trägerraketen genutzte Kosmodrom außerhalb des russischen Staatsgebiets, in Kasachstan.
Im Inland gibt es allerdings ebenfalls Raumfahrtkapazitäten: das Kosmodrom Plessezk, das Raketentestgelände Kapustin Jar und den Weltraumbahnhof Wostotschny.
Wenn der russische Pachtvertrag für Baikonur 2050 ausläuft, könnte das kasachische Kapitel der russischen Raumfahrt enden. Eine Verlängerung des Vertrags ist möglich. Vielleicht wird Russland auch ohne Pachtvertrag weiter von Baikonur aus starten – immerhin verfolgen die beiden Länder gerade gemeinsam das Baiterek-Projekt, um den Start der Sojus-5 von Kasachstan aus serienmäßig möglich zu machen.
Aber derzeit deutet vieles darauf hin, dass Russland den Großteil der zivilen und bemannten Raumfahrt auf heimische Kosmodrome verlagern will.
Neuer Flughafen für Transportkapazitäten
Genau dazu geht auf dem russischen Kosmodrom Wostotschny im Fernen Osten der Infrastrukturausbau derzeit in mehreren Bereichen gleichzeitig voran.
Gerade wird auf Hochtouren an einer neuen Startrampe für Schwerlastraketen und am Flughafen gearbeitet. Nachdem im Mai 2025 die Start- und Landebahn fertiggestellt wurde, konzentrieren sich die Arbeiten nun auf die Verlegung von Versorgungsleitungen und den Innenausbau der Flughafengebäude.
Der Flughafen soll künftig das zentrale logistische Element des Kosmodroms werden, da über ihn sowohl Personal als auch Fracht für den Betrieb der Startanlagen transportiert wird. Eine Verbindung über die Transsibirische Eisenbahn besteht bereits – per Flugzeug geht das allerdings alles deutlich schneller.

Teile des Flughafens sind bereits einsatzbereit.
Im Juli traf zunächst die Oberstufe "Fregat" aus Moskau ein, angeliefert per Antonow An-124-100 der Fluggesellschaft Wolga-Dnepr – erstmals landete eine solche Transportmaschine auf der Landebahn des Flughafens Wostotschny.
Die vom NPO Lawotschkin entwickelte Oberstufe wird gemeinsam mit Trägerraketen mittlerer Klasse eingesetzt, um Satelliten ohne weiteres Eingreifen vom Boden aus auf unterschiedliche Erdumlaufbahnen zu bringen.
Kurz darauf kamen per Zug die Bauteile einer Sojus-2-Rakete sowie der zugehörigen Nutzlastverkleidung an.
Verbesserter Angara-Startkomplex
Wostotschny gilt als eines der umfangreichsten Bauprojekte des Landes und ist außerdem das erste zivile Kosmodrom Russlands. Die anderen Raumfahrtbahnhöfe auf russischem Territorium werden bisher fast ausschließlich militärisch genutzt.
Die fernöstliche Startanlage nahe der chinesischen Grenze umfasst eine Fläche von rund 700 Quadratkilometern. Die Bauarbeiten begannen 2012, der erste Start einer Sojus-2.1a mit drei Erdbeobachtungssatelliten erfolgte vier Jahre später.
Herzstück der Anlage ist inzwischen der Startkomplex für die Trägerraketen der Angara-Familie, der eine Fläche von 89 Hektar umfasst. Im April wurde er mit der Inbetriebnahme der letzten 16 Bauwerke offiziell abgeschlossen.
Von dort aus sollen alle Varianten des modularen Angara-Systems starten können, von der knapp 43 Meter langen leichten Version Angara 1.2 bis zur mehr als 55 Meter hohen Schwerlastvariante Angara-A5. Das System kann je nach Ausführung zwischen 3,5 und 38 Tonnen Nutzlast in den erdnahen Orbit sowie bis zu acht Tonnen in den geostationären Orbit befördern. Bereits 2024 war von Wostotschny aus erstmals eine Angara-A5 gestartet, allerdings war der zugehörige Startkomplex zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig ausgebaut.
Mit Angara verfügt Russland nun über ein vollständig im eigenen Land entwickeltes und produziertes Trägersystem, das auch von einer Anlage auf eigenem Territorium eingesetzt werden kann.
Bau nach Vorbild des militärischen Kosmodroms
Beim Bau des Startkomplexes orientierten sich die Verantwortlichen an einer vergleichbaren, bereits erprobten Anlage in Plessezk, errichteten den Komplex in Wostotschny jedoch komplett neu und mit "aktueller Technik", wie Roskosmos bekannt gab. Die Konstruktion soll sich für neue Raketentypen nachrüsten lassen, was Kosten sparen soll.
Ergänzt wird der Startkomplex durch den sogenannten "Unifizierten Technischen Komplex", in dem erstmals in der russischen Raumfahrt mehrere Funktionsbereiche unter einem Dach zusammengefasst wurden. Dazu gehören Montage- und Prüfgebäude für Trägerraketen und Raumfahrzeuge, ein Lager für Nutzlastverkleidungen und Raketenstufen, eine sogenannte Transfergalerie zur Beförderung von Bauteilen zwischen den Gebäuden sowie eine Betankungsstation.
Ältere Raketentypen wie die als sehr zuverlässig geltende Proton bleiben dagegen weiterhin auf die Startanlage in Kasachstan angewiesen. Nach Angaben der Betreiber könnten von Wostotschny langfristig auch bemannte Missionen starten – so das Ziel. Neben der Angara-Startanlage gibt es eine zweite Anlage für leichte bis mittlere Sojus-Raketen; mit diesem Raketentyp finden bislang die bemannten Missionen statt.
Bodenstation auf Sachalin fast fertig
In der Oblast Sachalin entsteht derzeit ein weiterer strategischer Roskosmos-Standort, der die Arbeit auf Wostotschny unterstützen soll. Die Fertigstellung ist bis Ende dieses Jahres geplant.
Die Tests an dem Bahnverfolgungs- und Messpunkt "Sachalin" wurden Ende Juli abgeschlossen. Die Anlage, die aus Antennensystemen und einer Bodenstation für Satellitenkommunikation besteht, soll künftig Messdaten sammeln sowie beim Empfang von Daten und der Steuerung von Raumfahrzeugen helfen.
Laut Betreiberangaben hat die Ausrüstung Belastungstests unter Bedingungen wie Salznebel, starken Winden und Erdbebenbeanspruchung bestanden. Perspektivisch soll die Anlage um einen Empfangskomplex für Erdfernerkundungsdaten, weitere Kommando-Mess-Stationen sowie eine Station des Seenot- und Ortungssystems Kospas-Sarsat erweitert werden.





