Wrack im Polarkreis: Wieso eine An-30 in Sibirien in der Taiga liegt

Wrack im Polarkreis
Wieso eine An-30 in Sibirien in der Taiga liegt

ArtikeldatumVeröffentlicht am 07.08.2026
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Satellitenbilder sind für Analysten eine Quelle von Informationen, die sonst unzugänglich oder wenigstens nicht öffentlich wären. Gerade im militärischen Kontext bieten sie tiefe Einblicke. Ab und an stößt man beim Durchforsten von Satellitenaufnahmen selbst auf eine spannende Geschichte, die gar nichts mit geheimen Informationen zu tun hat.

So auch hier: Hinter den Koordinaten 68.4411, 112.8115 verbirgt ein Flugzeugwrack. Das kann man ganz einfach auf Google Maps selbst prüfen. 68 Grad Nord bedeutet: Wir befinden uns im Polarkreis – genauer gesagt in der ostsibirischen Republik Sacha (Jakutien), am Fluss Olenjok, rund 70 Kilometer von der gleichnamigen Stadt entfernt.

Eine Gegend, so abgelegen, dass ein abgestürztes Flugzeug dort offenbar einfach liegen bleibt. Tatsächlich liegt die Maschine mit der Kennung RA-30001 dort schon länger im borealen Nadelwald der sibirischen Taiga.

Wieso liegt dort überhaupt ein Flugzeug?

Vor etwa vier Jahren, am 22. Juni 2022, startete eine Antonow An-30 der Transportfluggesellschaft NPP MIR Aviakompania vom Flughafen Jakutsk zu einem Frachtflug nach Olenjok. Für die abgelegenen Gebiete in Sacha ist die Versorgung per Frachtflugzeug ganz normal.

An Bord waren sieben Besatzungsmitglieder und 6,3 Tonnen Lebensmittel. Während des Fluges fielen laut Unfallbericht beide Triebwerke der zweimotorigen Maschine aus. Die Besatzung reduzierte daraufhin die Flughöhe und leitete eine Notlandung ein.

Das Flugzeug setzte in einem Waldgebiet auf, rund 70 Kilometer vom Zielort entfernt, und kam dort zwischen den Lärchen und Kiefern zum Stillstand. Alle sieben Besatzungsmitglieder konnten die Kabine eigenständig verlassen. Nach Angaben des Katastrophenschutzministeriums benötigten drei Insassen medizinische Versorgung. Die Maschine selbst wurde so schwer beschädigt, dass eine Reparatur nicht mehr infrage kam.

Olenyok, Olenjok, An-30, Antonow
Google Maps

Als wahrscheinliche Ursache für den Crash gilt Kraftstoffmangel. Die Triebwerke sollen infolge einer Treibstofferschöpfung ausgefallen sein. Russische Behörden bestätigten damals, dass die Maschine ihr Ziel nicht erreicht hatte und mehrere Stunden später abseits der Strecke entdeckt wurde.

Jakutsk und Olenjok trennen rund 1100 Kilometer. Für den Transporter mit 2600 Kilometer Reichweite eigentlich kein Problem. Mit maximaler Zuladung sieht das allerdings anders aus und die Reichweite verringert sich etwa um die Hälfte. Es ist also durchaus möglich, dass die leicht überladene Antonow nicht genug Treibstoff an Bord hatte.

Inzwischen hat sich nicht viel getan. Auch auf aktuellen Satellitenaufnahmen vom 6. August 2026 ist deutlich zu erkennen, dass das Wrack noch immer an derselben Stelle liegt. Selbst die durch die Notlandung freigelegte Schneise im Wald ist nach vier Jahren noch klar sichtbar.

Der Absturzort liegt fernab jeder Infrastruktur, mitten in der jakutischen Taiga, weit entfernt von Straßen- oder Schienenanbindung. Der Aufwand, ein havariertes Frachtflugzeug aus einer derart abgelegenen Region zu bergen, dürfte den Wert der Maschine bei weitem übersteigen. Eine Bergung der An-30 vier Jahre nach dem Absturz erscheint damit unwahrscheinlich.

Eine der letzten zivilen An-30

Ein Verlust war der Absturz der Maschine trotz des relativ geringen Zeitwertes aber dennoch. Denn viele Antonow An-30 sind nicht mehr im Einsatz. Die sowjetische Entwicklung aus den 1960er-Jahren wurde speziell für Luftbildfotografie und geophysikalische Vermessungsflüge konzipiert. Später wurden die Flugzeuge größtenteils für Transportflüge genutzt. Manchmal kamen sie sogar als Passagiermaschinen zum Einsatz.

Sie basiert auf dem Passagierflugzeug An-24, unterscheidet sich äußerlich aber deutlich durch die verglaste, ausgebeulte Bugsektion, in der ursprünglich der Navigator und die Fotoausrüstung untergebracht waren. In einem der Fotos von der Absturzstelle kann man diese gut erkennen.

Bureau of Aircraft Accidents Archive

Der Erstflug fand im August 1967 statt. Mit der Serienproduktion ging es 1971 los, bis dann 1980 die letzte An-30 aus dem Kiewer Flugzeugwerk rollte. Insgesamt entstanden rund 125 Maschinen. Einige wenige Maschinen in Militärausführung fliegen weltweit noch, unter anderem bei der russischen Luftwaffe.

Zivile An-30 fliegen fast gar nicht mehr. Eine An-30D soll weiterhin beim Flugforschungsinstitut für Aerogeophysik in Russland operativ genutzt werden.