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Patrick Zwerger
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Flugzeugfriedhof: Die schlafenden Riesen von Teruel

Europas größter Flugzeugfriedhof Die schlafenden Riesen von Teruel

Teruel im Osten Spaniens ist so weit weg vom Schuss, dass die politisch stärkste Kraft dort "¡Teruel Existe!" heißt: "Teruel existiert". In der Luftfahrt jedoch kennt man Teruel sehr wohl – wegen seines Airports. Ein Flug über Europas größten Flugzeug-Parkplatz.

Von hier oben sieht es aus, wie früher in meinem Kinderzimmer. Nur mit dem Unterschied, dass die Flugzeuge, die da unter mir am Boden stehen, nicht von Matchbox, Herpa oder Siku stammen – sondern von Airbus und von Boeing. Mehr als 110 zähle ich, zur großen Mehrheit Großraumjets – A330, A340, A380, 747, 767, Triple Seven. Sorgsam geparkt in Reih und Glied, dämmern sie auf dem Flughafen Teruel in der spanischen Einöde Aragoniens ihrem weiteren Schicksal entgegen. Einst waren sie die Stars ihrer Dienstherren, Giganten der Lüfte – nun degradiert zu Stillleben, schlafenden Riesen, mit abgeklebten Fenstern, versiegelten Triebwerken, in Plastik eingehüllten Rädern.

Patrick Zwerger
Mehr als 110 Airliner, die meisten davon Großraumjets, parken aktuell auf dem Gelände des Flughafens von Teruel.

Manche gehen, manche bleiben

Viele dieser Riesen werden nie wieder erwachen. Auf sie wartet der letzte Gang zum Schlachthof, der in Teruel praktischerweise gleich mit auf dem Gelände residiert. Für andere soll Spanien nur eine unrühmliche Zwischenstation sein – eine Leerstelle im Lebenslauf, auf dem Weg zu neuen Aufgaben. Die beiden A350-900, die dem Leasinggeber Avalon gehören, sind solche Kandidaten. Erst vor drei Jahren gebaut, parken sie seit Frühjahr 2020 in Teruel, immer noch im Farbkleid der insolventen South African Airways. Auch fünf der 17 hier lagernden A340-600 der Lufthansa sollen wieder fliegen – allerdings erst nächstes Jahr. Derweil zeigt sich eine der zwei in Teruel abgestellten 747-400 des Kranichs, Kennzeichen D-ABTK, schon im Aufwachmodus: Die Triebwerke steuerbord sind entkleidet, die Kabinenfenster liegen frei, ebenso die Cockpitscheiben. Eigentlich waren die 400er-Jumbos bei Lufthansa schon totgesagt, aber nun plant die Airline doch wieder mit ihnen – und die "Tango-Kilo", 19 Jahre alt, kehrt zurück nach Frankfurt.

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Die Boeing 747-400 mit der Kennung D-ABTL wird Teruel bald verlassen: Lufthansa holt sie zurück in den aktiven Dienst.

Flughafen ohne Passagiere

Teruel, dieser "Flughafen ohne Passagiere", als der er 2013 eröffnet wurde, steckt voller solcher Geschichten. Die Coronakrise ließ den von Beginn an als Lagerstätte konzipierten Airport zu Europas größtem Flugzeugfriedhof anwachsen. Trockene Luft und 250 Sonnentage im Jahr machen Teruel zum perfekten Dauerparkplatz für Airliner aus aller Welt. Allein zwei Dutzend A380 parken hier – mehr davon sieht man sonst nur in Dubai. Etihad, Air France, British Airways und Lufthansa schickten ihre "Doppeldecker" nach Teruel, Lufthansa sogar fast die gesamte Flotte. Das fordert Platz, doch den gibt es hier reichlich: aktuell wird das Gelände um zusätzliche Widebody-Stellflächen erweitert. Während die Luftfahrt darbt, blüht das Geschäft in dieser "vergessenen Region" von Spanien, die pro Quadratkilometer Fläche nur rund neun Einwohnern Heimat ist. Die "Plataforma Aeroportuaria de Teruel", kurz Plata, zwölf Kilometer vor den Toren der Stadt Teruel im Nirgendwo gelegen, wurde so zu einem wichtigen Arbeitgeber. Platzhirsch ist die Firma Tarmac Aerosave, Expertin für Pflege und Recycling eingemotteter Verkehrsflugzeuge – eine Goldgrube, in Zeiten wie diesen.

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23 A380 finden sich momentan in Teruel. Allein elf davon gehören der Lufthansa, sechs weitere Etihad.

Ein anspruchsvoller Plan

Wie abgeschieden die Plata tatsächlich liegt, merke ich schon, als ich Wochen vor meinem Besuch noch zu Hause an meinem Rechner sitze und das Netz mit wachsender Verzweiflung nach Optionen für einen Fotoflug absuche. Das hatte ich mir einfacher vorgestellt: Rings um Teruel gibt es anscheinend nichts, was einem Aeroclub oder sonst einer Mitflugmöglichkeit auch nur nahekommt. Ich erweitere den Suchradius, finde drei Kandidaten – von denen mir letztendlich einer antwortet: Eduardo, Fluglehrer beim Aeroclub von Castellón, will den Trip zusammen mit mir durchziehen. Die Sache hat aber zwei Haken: erstens liegt Castellón direkt am Mittelmeer und damit one-way 45 Flugminuten weg von Teruel. Und zweitens hat der Club nur einen Tiefdecker als Fotoflugzeug – eine Tecnam P2002. "Das passt schon, kein Problem, wir fliegen einfach ein paar Kurven", schiebt Eduardo zumindest dieses Hindernis beiseite. Ich sage zu – Alternativen hätte ich sowieso keine.

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Von Castellón am Mittelmeer sind es 45 Flugminuten bis zum Flughafen Teruel. Der liegt außerdem gut 1.000 Meter höher als unser Startflugplatz.

Gespenstische Stille

Die Reise lohnt sich: Nach einer halben Stunde Flug von der Küste ins Hinterland, über größtenteils unbewohnte, zerklüftete und überraschend grüne Landschaft, blitzen rechts am Horizont die ersten Heckflossen auf. Bei 120 Knoten Fahrt (220 km/h) bleibt genügend Zeit, sich mit dem gespenstischen Bild, das da herannaht, auseinanderzusetzen. Immer deutlicher zeichnen sich die Silhouetten der einzelnen Flugzeuge ab, bis der Geisterflughafen von Teruel schließlich direkt schräg unter uns liegt. Wolken und Sonne zeichnen skurrile Bilder ins Gelände. Um uns pfeift der Wind, den es hier anscheinend immer gibt. Zur Atmosphäre passt, dass die Funksprüche, die Eduardo in glasklarem Englisch absetzt, allesamt unerwidert im Äther verhallen: Teruel ist "uncontrolled" – es gibt zwar einen Tower, doch der ist nicht besetzt.

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Vom Boden aus wirkt die Kulisse fast noch gespenstischer. Im Vordergrund entstehen bereits neue Stellflächen. Das Geschäft boomt.

Menschen sind am Boden überhaupt nicht zu erblicken – vermutlich üblich, an einem Samstagvormittag. Umso besser lassen sich die Flugzeuge in den Fokus nehmen, von denen sich viele in ganz unterschiedlichen Stadien präsentieren. Eine der Etihad-A380 ist erst kürzlich aus Abu Dhabi eingeflogen. Sie steht noch unverpackt am Gate, darauf wartend, dass sie irgendjemand auf ihren Parkplatz schleppt. Einer Air France-A380 fehlt dagegen schon ein Triebwerk, einem Jumbo von British Airways alle vier – und einer A340-300 von Tap haben sie die Flügel gestutzt. Sie wird bald nur noch ein Haufen Metall sein. Die elf A380 der Lufthansa zu meinen Füßen dämmern derweil einer ungewissen Zukunft entgegen. Comeback oder Verschrottung? Die Frage ist noch offen.

Patrick Zwerger
Ein Stellplatz auf der "Plata" soll täglich zwischen 300 und 2.000 Euro kosten.

Ein spätes Happy End

Lufthansa ist in Teruel allgemein omnipräsent: Ein knappes Drittel der Jets hier tragen den Kranich am Heck. Darunter nicht nur Widebodies, sondern auch mehrere ausrangierte A320. Dazwischen stechen immer wieder Exoten ins Auge, etwa drei Jumbo Jets der längst verblichenen Transaero aus Russland, die schon seit Jahren in Teruel zu Hause sind. Sie sollen tatsächlich bald wieder abheben: Aquiline International aus den Arabischen Emiraten möchte sie zu Frachtern umbauen. Unverhofft kommt oft – wieder so eine Geschichte, die dieser Ort erzählt. Es wird lange nicht die letzte sein.