Netjets' Erfolg mit dem Teilhaber-Konzept
NetJets bleibt auch in den nächsten Jahren Großabnehmer der Embraer Phenom 300E.
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Jet-Genossen: Netjets Erfolg mit dem Teilhaber-Konzept

Jet-Genossen Netjets' Erfolg mit dem Teilhaber-Konzept

Mit seinem mathematisch ausgeklügelten Teilhabermodell ist Netjets zum weltgrößten Betreiber privater Geschäftsreiseflugzeuge aufgestiegen. Über 800 Business Jets pendeln mittlerweile auf Abruf jederzeit um den Globus, ein Telefonanruf genügt.

Ein Frühsommertag am Flughafen Düsseldorf. Vor dem "GAT", dem separaten Terminal der Allgemeinen Luftfahrt, ganz im Westen des Flughafengeländes, glänzen ein paar blank gewienerte Oberklasseautos im Sonnenschein. Das exklusive Abfertigungsgebäude ähnelt einer gepflegten Hotellobby. Wer hier eincheckt, hat alles etwas einfacher: keine Parkplatzsorgen, kein Gedränge, keine Handgepäcklimits, dafür kurze Wege, ausgesucht höfliches Personal und eine eigene Sicherheitsschleuse. Auf dem kleinen Vorfeld, gleich dahinter, parken die Business-Jets. Sie starten, wann immer man will und wohin man will, sofern man das nötige Kleingeld hat. Heute Morgen heben hier Business-Jet-Flüge nach Palma (2), Gloucestershire in England, Münster und Stuttgart ab. Doch die Schnelligkeit und Bequemlichkeit der eigenen Mini-Airliner hat ihren Preis: Schon mittlere Business Jets kosten zweistellige Millionenbeträge in der Anschaffung, brauchen Wartung, Besatzung, Ersatzteile, einen Hangar und Kerosin. Dieser materielle Aufwand lohnt sich kaufmännisch nur, wenn man ein Flugzeug regelmäßig bewegt und die kostbare Ressource voll ausnutzt. Mindestens 400 Stunden pro Jahr müsste ein privater Business-Jet in der Luft sein, damit sich sein Besitz lohnt, so die Faustregel. Doch wer fliegt schon regelmäßig derartig viel?

NetJets bleibt auch in den nächsten Jahren Großabnehmer der Embraer Phenom 300E.
Embraer
Die Embraer Phenom ist das Einstiegsmodell bei Netjets. Der Fly-by-Wire-Twin, hier Phenom 300E, kann sechs Passagiere befördern.

Durch sorgfältige Analyse zum Erfolgsmodell

Für die große Nutzergruppe, der das Mieten zu umständlich, aber ein eigener Business-Jet zu teuer ist, ersann der amerikanische Mathe-Professor und Goldman-Sachs-Investmentbanker Richard Santulli sein Teilhaberkonzept. Nach dem Kauf des 1964 gegründeten Netjets-Vorläufers "Executive Jet" im Jahr 1984 analysierte der Mathematiker dort systematisch die typischen Einsatz- und Nachfrageprofile von US-Geschäftsreiseflugzeugen mit dem Datenbestand aus 20 Jahren Flugbetrieb. Seine Lösung: Mehrere Kunden teilen sich jeweils ein Flugzeug, das in Achtelanteilen an die Nutzer, die damit zu Teilhabern werden, verkauft wird. Die Kosten pro Flugstunde bleiben zwar mindestens vierstellig, lassen sich damit aber gegenüber dem Privatbesitz oft halbieren, im Optimalfall schrumpfen sie sogar auf ein Viertel.

In nur vier Stunden bereit

Ab 50 Flugstunden im Jahr kann man regulärer Teilhaber werden. Weniger intensiv reisende Kunden können auch nur eine "Private Jet Card" erwerben, so etwas wie die Mehrfahrtenkarte bei der Straßenbahn, als 25er-Flugstundenpaket. Auch hier gibt es die Garantie, dass bei Bedarf, rund um die Uhr und an jedem beliebigen Ort, ein vollgetankter Jet auf Abruf bereitsteht. Über 5000 Flughäfen weltweit sind für die Business-Jets direkt erreichbar, selbst wenn es dort keinen Linienverkehr gibt. Typischerweise reichen nur vier Stunden Vorwarnzeit, um jedem reisewilligen Teilhaber einen Jet mit der gewünschten Größe und Reichweite, samt ausgeruhter Crew, zum Abflugort in Europa oder den USA zu schicken. Nur an zehn jährlichen Spitzentagen, wie Weihnachten, verlängert sich die Vorbuchungsfrist auf bis zu 24 Stunden. Dafür garantiert Netjets aber die Beförderung und mietet notfalls, ohne Mehrkosten für den Nutzer, fremde, auch größere Flugzeuge am Markt hinzu. Das mathematisch bis ins Detail ausgeklügelte Einsatzkonzept ist in ein Erfolgsgeheimnis von Netjets. Ein anderes ist die Bequemlichkeit für den Nutzer. Man muss kein Flugzeug unterhalten, keine eigenen Piloten beschäftigen und keinen eigenen Flugbetrieb organisieren, sondern man erhält mit einem einzigen Anruf jederzeit kurzfristig Flugzeuge in passenden Größen, die immer von zwei erfahrenen Linienpiloten nach Airline-Standard bedient werden. Geplant und überwacht werden die Flüge aus der Netjets-Zentrale in Columbus, Ohio. Sicherheit und Privatsphäre sind zwei wichtige Elemente des "Shared Ownership"-Konzepts, so der Fachbegriff, denn viele reisende VIPs werden bei öffentlichen Flügen in Airline-Reservierungssystemen verfolgt, aber auch ihre Wege in Privat- und Firmenjets werden auf einschlägigen Internet-Webseiten oft sichtbar.

Sebastian Steinke
Mit der Challenger 650S erweitert Netjets in Europa das Angebot. Der Zweistrahler soll helfen, die steigende Nachfrage zu decken.

Zu viel Nachfrage

Mit heute über 800 verwalteten Flugzeugen wuchs Netjets zum weltweit größten Betreiber von privaten Flugzeugen heran, der bei 400000 Flügen im Jahr an die 700 000 Passagiere (und 37 000 Haustiere) befördert und 7000 Mitarbeiter beschäftigt. Schon seit 2012 wird der Kohlendioxidausstoß aller Flüge finanziell kompensiert, sodass sich Netjets als "vollständig carbonneutral" versteht. Seit 1998 gehört das Unternehmen zum Investment-Imperium Berkshire Hathaway des US-Milliardärs Warren Buffett. Langfristig attestiert der strategische Investor dem auf Wachstum angelegten Geschäftsmodell beste Zukunftsaussichten. Angesichts der Corona-Turbulenzen und schwankender Gebrauchtflugzeugerlöse räumte er aber ein, dass das Geschäft in den USA zeitweise nur noch gerade so in den schwarzen Zahlen flog und in Europa sogar hohe Verluste auswies. Dies bekam auch der deutsche Geschäftsreise-Flughafen Egelsbach bei Frankfurt/Main zu spüren, wo Netjets eine vorhandene Mehrheitsbeteiligung schon 2019 wieder verkaufte. Mittlerweile hat sich das Blatt wieder deutlich gewendet – so sehr, dass potenzielle Neukunden zeitweise auf eine Warteliste gesetzt wurden. Netjets übernimmt in diesem Jahr 80 neue Flugzeuge und bestellte 140 neue im Wert von 2,2 Milliarden Dollar. Nachdem 2021 bereits 630 neue Mitarbeiter eingestellt worden waren, darunter über 300 Piloten, sollen in diesem Jahr sogar 450 Piloten eingestellt werden. Gesucht werden nur erfahrene Linienpiloten, die in eigenen Simulatorzentren geschult werden und erfahrungsgemäß lange im Unternehmen bleiben. Die Piloten können sich weltweite Wohnorte wählen, von denen sie zu ihren ständig wechselnden Einsatzorten eingeflogen werden.

So wie nach Düsseldorf, wo Netjets als neuestes Flugzeugmuster im Europa-Angebot gerade die Bombardier Challenger 650S vorstellte. Der innen relativ geräumige kanadische Zweistrahler – das "S" steht für die Netjets-Konfiguration "Signature"– kann bis zu elf Passagiere befördern. Die Kabine mit Schlafsesseln, Tischen und Breitband-Internet wirkt gediegen, aber nicht protzig und eindeutig mehr wie ein Geschäftsreise-Werkzeug als ein Oligarchen-Taxi. Als Luxus fliegt ab dieser Flugzeuggröße bei Netjets immerhin eine Flugbegleiterin mit, die aus einer eigenen Bordküche warme Speisen serviert. Denn der Twin schafft Strecken bis zu achteinhalb Stunden Flugdauer, etwa Atlantiküberquerungen. Kundenpräferenzen, wie Lieblingsspeisen und Getränke, speichert Netjets gleich in der Datenbank mit.

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