Die alten Planzahlen sind längst überholt – und nicht einmal annähernd erfüllt worden: Als die russische Regierung im Juni 2022 ihre Ziele für die russische Zivilluftfahrt bis 2030 zu Papier brachte, die für den genannten Zeitraum den Bau von mehr als 1.000 neuen einheimischen Passagierflugzeugen vorsahen, war das Flugzeugwerk Kasan dort für 2023 mit drei Tupolew Tu-214 vermerkt. 2024 sollten bereits sieben Tu-214 in Kasan gebaut werden. Für 2025 (und die Folgejahre) standen dann gar jeweils zehn neue Exemplare in der Tabelle.
Dass die großen Pläne sich schwer mit der Realität würden vereinen lassen, war im Grunde bereits damals klar – und das gilt nicht nur für die Tu-214, sondern auch für alle anderen im Kreml-Plan vermerkten Flugzeugmuster. Dass bis zum Jahresbeginn 2026 kein einziges dort erwähntes Projekt einigermaßen sein Soll erreicht hat, die allermeisten Typen noch immer in der Testphase stecken und nach wie vor keine Zulassung besitzen, wird in Russland schon gar nicht mehr groß problematisiert. In betont pragmatischer Herangehensweise arbeitet man eben weiter – es dauert so lange, wie es dauert. Für die Tu-214 bedeutete dies, dass man vor einem Jahr nur noch bescheidene zwei Exemplare als Ziel für 2025 ausgab (und in der Tat erreichte).
Entscheidende Phase für Russlands Zivilluftfahrt
Trotz allem könnte 2026 für die meisten großen Programme der russischen Zivilluftfahrt zu einem entscheidenden Jahr werden: Der Regional-Turboprop Iljuschin Il-114-300 steht kurz vor der Zertifizierung, für die "russifizierten" Versionen von Jakowlew Superjet und MS-21 könnte selbige in Richtung Jahresende ebenfalls winken. Und für die in Kasan seit Jahren im Manufakturbetrieb für Militär und Staat produzierte Tupolew Tu-214 sind – zumindest technisch – zum Jahreswechsel die Weichen gestellt, endlich in die lange angekündigte Serienfertigung einzutreten, die dem aus der Endphase der Sowjetunion stammenden Zweistrahler zum Comeback als kommerzieller Passagierjet verhelfen soll.
Tu-214 ohne westliche Systeme
Wie die russische Zivilluftfahrtbehörde Rosawiazija am 27. Dezember mitteilte, erhielt die Tu-214 "eine Zulassungsbescheinigung für eine wesentliche Änderung am Standarddesign" – also eine erweiterte Musterzulassung. "Diese Änderung umfasst die vollständig in Russland gefertigte Avionik und Sicherheitssysteme", so die Behörde weiter. Damit sei der "Zertifizierungszyklus für die umfassend überarbeitete Tu-214-Konfiguration abgeschlossen" – was wiederum grünes Licht für die Serienproduktion der Tu-214 in einer vollständig "russifizierten" Variante komplett ohne westliche Bauteile bedeutet.
Tatsächlich enthielt die Originalversion der Tu-214 (sowie der weitgehend baugleichen, aber in Uljanowsk gebauten Tu-204) laut offiziellen Angaben 17 Komponenten aus dem Ausland, vornehmlich aus den USA. Dazu zählten insbesondere das Kollisionswarngerät (TCAS) sowie das Bodenannäherungs-Warnsystem (GPWS) von Honeywell. Kernstück der Modernisierung war folgerichtig "eine moderne, inländische Avionik-Suite mit Navigations-, Kommunikations-, Anzeige- und Warnsystemen", schreibt Rosawiazija. Auch sicherheitsrelevante Kabinenausstattung – etwa die Notrutschensysteme – wurde durch in Russland entwickelte Pendants ersetzt.

Mit der Tu-214LL (Kennzeichen RA-64509) testete Tupolew die "russifizierten" Komponenten für die Serienfertigung der Tu-214 in Kasan.
"Weltmonopol gebrochen"
Russlands Industrie- und Handelsminister Anton Alichanow zeigte sich besonders im Hinblick auf die in Russland neu entwickelten Kollisionswarnsysteme stolz – sei es den Verantwortlichen doch gelungen, das bisherige "Weltmonopol" der US-Hersteller zu brechen. "Nun werden diese Systeme, die ihre Wirksamkeit bereits unter Beweis gestellt haben, in weitere Flugzeugmuster eingebaut", ergänzte Alichanow.

Die Tu-214 fliegt aktuell vor allem im Staatsdienst - hier ein Exemplar der russischen Luftwaffe, Baujahr 2017.
Tu-214 als fliegendes Labor
Die zur Erprobung der neuen Komponenten notwendigen Flugtests erfolgten seit dem 20. November 2024 mit der Tu-214 RA-64509. Die 2006 für die einst zweitgrößte russische Airline Transaero gebaute Maschine, die zwischen Oktober 2015 und Juni 2024 eingelagert war und schließlich reaktiviert, in Minsk neu lackiert und in Kasan umgerüstet wurde, firmiert in ihrer Rolle als Testflugzeug unter der Bezeichnung Tu-214LL (Летающая лаборатория, fliegendes Labor).
Acht neue Tu-214 in diesem Jahr
Die Zulassung der von den Russen vorgenommenen Modifikationen durch die staatliche Luftfahrtbehörde ebnet technisch und formell den Weg, die Serienproduktion der Tu-214 für russische Fluggesellschaften endlich in Fahrt zu bringen. Das wäre ein Novum, sind doch die beiden seit 2022 im Flugzeugwerk Kasan vollendeten Tu-214 nicht als Passagierjets, sondern als VIP-Flugzeuge konfiguriert. Die erste ging im Mai an das Industrie- und Handelsministerium, die zweite ist für das Moskauer Versicherungsunternehmen Sogas reserviert. Die für Sogas gebaute RA-64536 war die erste, deren Bau nach 2022 begann. Dem Vernehmen nach ist sie bereits in der neuen, vollständig "russifizierten" Ausführung gefertigt worden.
Industrie- und Handelsminister Alichanow gab zum Jahresende 2025 bereits neue, ehrgeizige Ziele aus: 2026 soll das (für diesen Zweck umfassend erweiterte und modernisierte) Werk in Kasan acht neue Tu-214 bauen. 2027 stehen zwölf neue Jets im Plan – und ab 2028 will man die Produktion schließlich auf 20 Tu-214 pro Jahr hochfahren, um so den verpatzten Start bis Ende 2030 auszugleichen.
Ob die Ziele dieses Mal realistischer sind als vor vier Jahren, bleibt abzuwarten. Die Voraussetzungen scheinen jedenfalls deutlich besser, dass 2026 zumindest mehr als zwei Flugzeuge das Werk verlassen.





