Rollenwechsel
Textrons Special Missions Jets

Für Geschäftsreisende sind Business Jets und Turboprops die erste Wahl, um schnell und komfortabel ans Ziel zu gelangen. Doch in ihnen steckt weit mehr Potenzial: Als Special-Mission-Plattformen leisten diese Flugzeuge oft Erstaun-liches. Am Beispiel von Textron Aviation zeigen wir, welche Aufgaben sie erfüllen.

Textrons Special Missions Jets
Foto: Textron Aviation

Der Name Textron Aviation ist in der Geschäftsluftfahrt vor allem mit den Business Jets von Cessnas Citation-Familie verknüpft: Von der kompakten Citation M2 Gen2 bis zum Super Midsize Jet Citation Longitude reicht das Angebot an die Geschäftsreisenden. Auch mit den Turboprops Cessna Caravan und Beechcraft King Air lässt es sich individuell reisen. Doch all diese Flugzeuge haben ein zweites, weitgehend unbekanntes Gesicht: Als Special-Mission-Plattformen erfüllen sie komplexe Aufgaben im Dienst von hochspezialisierten Unternehmen und Regierungen. Luftüberwachung, Ambulanzflüge, Vermessung von Navigationsanlagen und Verfahren in der Luftfahrt (Flight Inspection) sowie Überwachungs- und Beobachtungsaufgaben sind nur einige Missionsprofile, für die sich Business Jets und Turbo-props eignen. Auch das Absetzen von Fallschirmspringern – eine Paradedisziplin der Cessna Caravan – und der Betrieb von Flugzeugen auf Schwimmern fällt im weitesten Sinne unter den Begriff "Special Missions". Oft stößt man auf die Abkürzung ISR, die für Intelligence, Surveillance and Reconnaissance steht, also sinngemäß für Information, Überwachung und Aufklärung.

Unsere Highlights
Patrick Holland-Moritz
Als Special-Mission-Plattformen erfüllen die Jets von Textron komplexe Aufgaben im Dienst von hochspezialisierten Unternehmen und Regierungen. Diese Latitude hat eine Ambulanz-Ausstattung.

Vielfältig und individuell

In einem Katalog hat der Hersteller aus Wichita, Kansas, die Spezial-Ausstattungen für seine Modelle Cessna Caravan, Beechcraft King Air und Citation Latitude aufgelistet, dessen Lektüre einen Einblick in eine ganz eigene Welt der Luftfahrt gewährt. Das Angebot reicht von Tragen und Isolationseinheiten für Ambulanz-Missionen über Vorrichtungen zur Integration hochsensibler Spezialkameras bis hin zu speziellen Sitzen für die Crewmitglieder. Für die King Air 360 verspricht ein Triebwerks-Upgrade auf zwei PT6A-67A von Pratt & Whitney Canada eine knapp 30 Stundenkilometer höhere Reisegeschwindigkeit und eine insgesamt verbesserte Performance. Ein Kit für den Betrieb auf unbefestigten Pisten schützt Landeklappen und Beleuchtung vor Steinschlägen. Auch die Avionik-Optionen haben es in sich. Das Flight-Inspection-Paket UNIFIS 3000 zum Beispiel besteht unter anderem aus Laser- und Kamerasystemen, Trägheitssensoren, Funk- und Naviga- tionseinrichtungen, Bildschirm-Arbeitsplatz und vielem mehr, was zum Vermessen von Navigationseinrichtungen und Verfahren an Flughäfen benötigt wird. Ebenfalls nicht alltäglich ist das System zur Freund-Feind-Kennung namens "AN/APX-199 Identification Friend or Foe". Um die Systeme mit Energie zu versorgen, sind verstärkte Generatoren im Angebot.

Diese Vielfalt zeigt vor allem eines: Die Konfiguration von Special-Mission-Flugzeugen ist alles andere als selbsterklärend. Statt Standardpaketen sind individuelle, auf die jeweilige Aufgabe zugeschnittene Lösungen gefragt. "Der Kunde kann das Flugzeug ganz nach seinen Bedürfnissen konfigurieren. Textron Aviation bietet zahlreiche Standard- ausrüstungen für spezielle Einsätze an, die in unserem Modifikationszentrum in Wichita, Kansas, oder in den Service-zentren von Textron Aviation weltweit installiert werden können", sagt Douglas Scott, Manager, Government Relations and Special Mission Communications. Zudem kooperiert der Hersteller mit Firmen, die sich auf Umrüstungen spezialisiert haben. So können Kunden auch "leere" Flugzeuge bestellen, die dann abseits von Textron Aviation ausgerüstet werden. Häufig wird folgender Weg gewählt: Der Kunde bestellt zum Beispiel ein Ausstattungspaket mit Sitzen, Schränken und Bordküche bei Textron Aviation. Ein externes Unternehmen leistet dann die Umrüstung für das jeweilige Missionsprofil und liefert das Flugzeug an den Endkunden aus.

Flight Calibration Services
Die FCS aus Braunschweig nutzt zwei King Air für Vermessungsflüge. Hier ein Blick auf den Arbeitsplatz für das Flugvermessungssystem.

Know-how in Deutschland

Exemplarisch für ein solches Vorgehen ist die Aerodata AG mit Hauptsitz am Forschungsflughafen Braunschweig. Das Unternehmen entwickelt und installiert unter anderem Systeme zur Vermessung von Navigationseinrichtungen sowie der An- und Abflugverfahren an Flughäfen. Zwei im Februar 2022 auf der Singapore Airshow bestellte King Air 360 werden in Deutschland mit entsprechenden Vermessungssystemen und weiteren Modifikationen ausgestattet, bevor sie an die indische Flughafenbehörde ausgeliefert werden. Direkt nebenan in Braunschweig ist die Firma FCS Flight Calibration Services GmbH beheimatet. FCS ist ebenfalls ein Kunde von Aerodata und hat sich als Joint Venture von DFS Deutsche Flugsicherung, Austro Control und Skyguide auf die fliegerische Durchführung solcher Flight Inspections spezialisiert. Als Messflugzeuge setzt FCS zwei identisch ausgerüstete Beechcraft King Air 350 von Textron Aviation sowie einen Learjet 35A ein.

Auch Jets der Citation-Familie eignen sich für Flight Inspections. Im Juni hat Textron Aviation eine Cessna Citation Longitude an das Japan Civil Aviation Bureau (JCAB) übergeben. Ausgestattet mit dem UNIFIS 3000-G2, vermisst der Jet jetzt Instrumentenanflüge und Navigationseinrichtungen in Japan. Neben der Longitude betreibt das JCAB fünf Citation CJ4 in ähnlicher Funktion. Im Mai hat Turkish Aerospace Industries (TUSAS) eine Longitude und zwei Latitude bestellt, die im Dienst der türkischen Flughafenbehörde DHMI auf Messflügen eingesetzt werden sollen.

Textron Aviation
Diese Cessna Citation Longitude vermisst jetzt in Japan Navigationsanlagen an Flughäfen.

Seepatrouillen- und Überwachungsmissionen

Als maritimes Patrouillenflugzeug ist eine auf der Farnborough Airshow vorgestellte Variante der Longitude ausgelegt. Das Citation-Topmodell bietet in seiner Business-Variante Platz für bis zu zwölf Passagiere und schafft acht Stunden oder rund 6500 Kilometer nonstop. Mit diesen Eckdaten bietet der Zweistrahler eine ideale Basis für ausgedehnte Überwachungsmissionen. Angedacht sind Flüge über Land und Wasser, Such- und Rettungseinsätze, Grenzpatrouillen, Überwachung der Fischerei und mehr. An der Rumpfunterseite ist ein Radom für Radargeräte montiert, es gibt eine Verkleidung für Antennen auf dem Leitwerk und einen Lift für elektrooptische und Infrarot-Sensoren. Auch an den Einsatz von Nachtsichtgeräten wurde gedacht. "Die Cessna Citation Longitude bietet aufgrund ihrer Anschaffungs- und Betriebskosten in Verbindung mit ihrer hervorragenden Geschwindigkeit, Reichweite und Nutzlastkapazität ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis für Spezialeinsätze. Textron Aviation hat verschiedene Missionsausrüstungen zur Unterstützung von Seepatrouillen- und Überwachungsmissionen entwickelt und werkseitig zertifizieren lassen, um den Wert für Einsätze weltweit zu maximieren", sagt Bob Gibbs, Vice President, Special Mission Sales.

King Air schützt Grenzen

Ein Beispiel für den Einsatz der King Air bei hoheitlichen Aufgaben ist die Zoll- und Grenzschutzbehörde der USA, die U.S. Customs and Border Protection. Diese setzt unter anderem rund 30 King Air 350/360CER zur Überwachung der Landesgrenzen ein. Die Flugzeuge der Behörde können für Abfangoperationen am Boden und in der Luft sowie für Seepatrouillen eingesetzt werden. An Bord sind aktive und passive Sensoren und eine optimierte Kommunikationsausrüstung installiert, heißt es seitens Textron, ohne allzu viele Details zu verraten. In Tunesien setzt die Luftwaffe für ISR-Missionen künftig auf die ein- motorige Cessna Grand Caravan EX, die sich dank ihrer robusten Bauweise für Einsätze unter den rauen Bedingungen Afrikas bestens eignet. Eine Bestellung über vier Flugzeuge ist im März erfolgt.

Auch aus dem Ambulanzdienst sind die Flugzeuge "made in Wichita" nicht mehr wegzudenken. Eine gemischte Flotte aus Jet und Turboprop findet man zum Beispiel in Norwegen. 2019 hatte Textron Aviation erstmals eine für den Patiententransport ausgerüstete Cessna Citation Latitude mit zur Fachmesse EBACE nach Genf gebracht. Babcock Scandinavian AirAmbulance aus Oslo betreibt den Ambulanzjet vorwiegend für weite Transporte innerhalb des Landes, während eine Flotte von zehn King Air auf kürzeren Distanzen zum Einsatz kommt. Die medizinische Ausstattung der Latitude entstand in Kooperation zwischen Textron und LifePort. Griechenland hatte schon 2020 zwei King Air 350C bestellt, eine Version mit extragroßer Cargotür.

Special Missions dürften bei Textron Aviation auch in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen. FedEx Express hat kürzlich die erste von 50 fest bestellten SkyCourier in Empfang genommen. Mit ihren zwei Triebwerken könnte die Utility-Turboprop, die es in einer Fracht- und einer Passagierversion gibt, Aufgabenfelder erschließen, in denen die einmotorige Caravan an ihre Grenzen stößt. Auch die Single-Turboprop Beechcraft Denali nähert sich ihrer Zulassung und könnte abseits der Geschäftsluftfahrt weitere Einsatzgebiete finden.

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