Zum ersten Mal überhaupt kommt mit der Leonardo AW249 Fenice ein schwerer Kampfhubschrauber der Apache-Klasse aus Europa. Vier Exemplare des Italo-Drehflüglers sind bereits in der Luft, ein Prototyp und drei Vorserienhubschrauber. Seit dem Erstflug im August 2022 hat Leonardo mit dem Fenice-Quartett über 1000 Flugstunden abgespult und peilt für das kommende Jahr die Indienststellung bei der italienischen Armee an.
Damit die Flugerprobung möglichst flott vonstattengeht, haben die Italiener die vier AW249 so konfiguriert, dass sie sich allesamt für die gesamte Palette der Testkampagne heranziehen lassen, wie Leonardo-Sprecher Roberto Caprarella gegenüber der FLUG REVUE erklärt. "Das vereinfacht den Entwicklungszeitplan und macht die Erprobung effizienter", so Caprarella.
Für die Flugtests nutzt Leonardo, in enger Zusammenarbeit mit den Streitkräften, sowohl Schauplätze in Italien als auch im Ausland. "Bisher umfassten die Tests die Bereiche Leistung, Systeme und ungelenkte Waffen, als Nächstes stehen Versuche mit gelenkten Waffen an", sagt der Pressesprecher.
Serienproduktion läuft schon
Die italienische Arme hat offiziell einen Bedarf für 48 Fenice-Helikopter angemeldet, mit denen sie das (deutlich kleinere) Vorgängermuster A129 Mangusta ersetzen möchte. Fest bestellt sind bislang nur 19 Einheiten, die italienische Regierung bekräftigte jedoch im Herbst 2025, den Beschaffungsprozess für die restlichen Exemplare zeitnah voranzutreiben. Die Serienfertigung der AW249 hat laut Leonardo bereits begonnen.

Die AW249 Fenice soll möglichst 2027 in Italien den Dienst antreten. Leonardo hofft auch auf Exporterfolge.
Deutschland als Exportkunde?
Parallel dazu sehen die Italiener für ihren von Grund auf neu entwickelten Kampfhubschrauber große Chancen auf dem weltweiten Exportmarkt. "Dank ihrer herausragenden Fähigkeiten und ihres modernen Designs, das den sich wandelnden operativen Anforderungen gerecht wird", nennt Leonardo-Mann Caprarella neben dem Nahen Osten, "einigen asiatischen Ländern", Kanada und Lateinamerika insbesondere Mittel- und Osteuropa als mögliche Absatzmärkte.
Auch in Deutschland wittert man offenbar Morgenluft – schließlich ist die Bundesregierung offiziell bestrebt, die Bundeswehr in den kommenden 15 Jahren zur stärksten nicht-nuklearen Streitmacht des Kontinents aufzurüsten. Gleichzeitig fehlt dafür, nach dem beschlossenen Aus für den Eurocopter Tiger, der durch deutlich schwächere H145M von Airbus ersetzt wird, ein waschechter Kampfhubschrauber im Portfolio. Den Gang zur ILA 2026 nach Berlin dürfte Leonardo somit im Juni nicht ohne Hintergedanken antreten – auch wenn sich Pressesprecher Caprarella diesbezüglich noch bedeckt hält und von der AW249 lieber allgemein als "Kampfhubschrauber der nächsten Generation für Europa" spricht.

Leonardo vermarktet die AW249 als "Kampfhubschrauber der nächsten Generation", die allen Konkurrenten technisch voraus sei.
"Kampfhubschrauber der nächsten Generation"
Kaufargumente liefert der neue Kampfhubschrauber aus Sicht des Herstellers genügend. Schließlich sei die AW249 speziell dazu entwickelt worden, "den strengen, sich abzeichnenden operativen Anforderungen der nächsten 30 Jahre gerecht zu werden" und nutze dazu "Fähigkeiten und Technologien, die heute sonst nirgendwo verfügbar sind".
Als "Kampfhubschrauber der nächsten Generation" ist die AW249 mit zukunftsweisender Avionik ausgestattet, die Leonardo komplett in Eigenregie entwickelt hat. Markenzeichen ist eine offene Systemarchitektur, die den Mangusta-Nachfolger auch in den kommenden Jahrzehnten stets auf der Höhe der Zeit halten soll. In den beiden Cockpits – der Pilot sitzt im Normalfall hinten, der Bordschütze vorn – dominiert je ein 20 Zoll großer Touchscreen-Bildschirm, der laut Hersteller stets nur die für die aktuelle Einsatzphase relevanten Informationen anzeigt, um das Situationsbewusstsein zu verbessern.
Letzteres soll auch das neue Battlefield Management System (BMS) garantieren. Es kann enorme Datenmengen verarbeiten und vermittelt der Besatzung in Echtzeit eine übersichtliche Darstellung des Gefechtsfelds – sowohl über die Cockpit-Bildschirme als auch über ein Integriertes Helmdisplay, ähnlich dem in Lockheed Martins Stealth-Fighter F-35. Die Besatzung der AW249 wird außerdem bei ihrer Entscheidungsfindung durch KI-Systeme unterstützt.

Die italienische Armee hat bislang für 19 AW249 unterschrieben - der kommunizierte Bedarf liegt bei 48 Exemplaren.
Schwer bewaffnet
In seiner Auslegung adaptiert der neue Helikopter das Design seines US-Pendants Apache mit Zwei-Mann-Cockpit in Tandemauslegung, konventionellem Haupt- und Heckrotor, Stummelflügeln und starrem Spornrad-Fahrwerk.
Unterm Kinn trägt die Fenice eine massive, schwenkbare, dreiläufige 20-mm-Gatlingkanone des Typs TM-197B, die bereits bei der A129 Mangusta Verwendung fand und bis zu 2 000 Meter weit schießen kann. Je zwei Aufhängungspunkte links und rechts unter den Flügelstummeln bieten Platz für vielfältige Arten der Bewaffnung für Luft-Luft- und Luft-Boden-Einsätze. Die maximale Nutzlast der AW249 liegt laut Leonardo bei 2.800 Kilogramm. Darüber hinaus soll die Fenice auch im Verbund mit unbemannten Fluggeräten auf dem Schlachtfeld agieren können.

Als Europas erster Kampfhubschrauber der Apache-Klasse ist die AW249 dem Vorgängermuster A129 Mangusta in allen Belangen deutlich überlegen.
Herausragende Flugleistungen
Die Flugleistungen der Fenice übersteigen die Parameter der A129 Mangusta bei Weitem: Mit 309 km/h Höchstgeschwindigkeit fliegt die AW249 deutlich schneller und kann über vier Stunden in der Luft bleiben. Die Dienstgipfelhöhe beträgt 6.100 Meter, die Steigrate beeindruckende 716 Meter pro Minute. Ermöglicht wird dies unter anderem durch die beiden jeweils bis zu 2 500 WPS leistenden General Electric CT7-8E6-Turbinen. Sie sollen der AW249 in jeder Lage zu herausragenden Flugeigenschaften verhelfen.

Das Beobachtungs- und Zielstystem (OTS) der AW249 sitzt in der Nase. Es wurde von Grund auf neu und speziell für die AW249 entwickelt.
Neu entwickelte Sensorik
Seine Ziele nimmt der neue Kampfhubschrauber über das maßgeschneiderte, im Bug montierte OTS (Observation and Targeting System) ins Visier. Es besteht aus einem Infrarot-Zielsystem, einem Laser-Entfernungsmesser und einem Laser-Zielsystem. Am Bug befindet sich außerdem ein zweites elektrooptisches System mit zwei Infrarot-Sensoren für die Navigation. Darüber hinaus gibt es ein LiDAR-System (Light Detection And Ranging) und ein Mikrowellenradar zur Erkennung von Geländeprofil und Hindernissen.
Ein umfangreiches Selbstschutzsystem mit digitalem Radarwarnempfänger, Raketen- und Laserwarnsystem, Düppel- und Flare-Werfern sowie einem System für direkte Infrarot-Gegenmaßnahmen soll die Fenice möglichst wirkungsvoll vor feindlichem Beschuss bewahren.





