Es ist kurz nach halb zwölf am Flugplatz Melun-Villaroche, rund 50 Kilometer südöstlich von Paris, als erstmals das dumpfe Motorengeräusch über das Vorfeld hallt. Wenige Sekunden später rollt die Caudron-Renault Rafale vor die wartenden Gäste. Im Kontrast zum grauen Himmel, in den sie sich später am Tag erheben wird, wirkt die königsblaue C.460 beinahe unwirklich. Schmal, stromlinienförmig und auffallend kompakt steht die Replik jenes Rennflugzeugs vor dem Hangar, mit dem Caudron-Renault in den 1930er Jahren mehrere Geschwindigkeitsrekorde aufstellte. Wenige Augenblicke später schiebt sich die Cockpithaube nach vorne. Pilot und Restaurateur Bruno Decreux, der mit seinem Team im Auftrag von Renault die Rafale wieder flugfähig machte, steigt aus und begrüßt die Gäste, die sich sofort staunend um das Flugzeug versammeln.
Auf der Jagd nach Geschwindigkeit
Entwickelt wurde die C.460 Mitte der 1930er Jahre von dem Ingenieur Marcel Riffard – in einer Zeit, in der sich Europa in einer regelrechten Jagd nach neuen Geschwindigkeitsrekorden befand. Nachdem Louis Renault den Flugzeughersteller Caudron 1933 übernommen hatte, firmierte das Unternehmen fortan als Caudron-Renault und die Modelle erhielten nun die Namen bekannter Winde. Aus der C.460 wurde so die "Rafale".
Ingenieur Riffard konstruierte das einsitzige Rennflugzeug speziell für das Luftrennen Coupe Deutsch de la Meurthe. Der Entwurf basierte auf der zuvor bereits erfolgreichen Caudron C.362. Die Konstruktion bestand größtenteils aus Holz mit einer Verkleidung aus Magnesium, verfügte über ein Einziehfahrwerk und war aerodynamisch auf maximale Geschwindigkeit optimiert.
Insgesamt entstanden lediglich drei C.460 sowie eine eng verwandte C.450 mit festem Fahrwerk. Kein einziges dieser Flugzeuge ist heute noch erhalten. Angetrieben wurden die Rekordträger je nach Einsatzzweck und Reglement der Wettbewerbe von unterschiedlichen Varianten des luftgekühlten Renault-Reihensechszylinders mit Kompressor, einer Weiterentwicklung des Bengali, die Leistungen von bis zu 380 PS erreichten.
Internationale Erfolge
Riffards Design zahlte sich aus. Bereits 1934 erreichte der Pilot Raymond Delmotte mit der weiterentwickelten, von einem Renault 428 angetriebenen, C.460 mit der Werksnummer 6907 in Istres mehr als 505 km/h und stellte damit einen neuen Weltrekord auf.
In den folgenden Jahren dominierte die Rafale zahlreiche internationale Wettbewerbe und Rekordflüge. Auch in den USA sorgte die französische Rennmaschine für Aufsehen, als Michel Détroyat 1936 mit der C.460 Werksnummer 6909 bei den National Air Races in Los Angeles gleich zwei Trophäen abräumte. Wie damals bei den amerikanischen Rennen trägt auch die heute in Melun-Villaroche von Renault präsentierte Replika die große weiße Startnummer 100 am hinteren Rumpf.

Vor dem Flug führte das Team um Bruno Decreux letzte Kontrollen an der Rafale durch.
Zurück am französischen Himmel
Kurz nach zwölf Uhr wird es ernst. Nachdem die letzten Schraubeinheiten am Triebwerk und die allgemeinen Checks abgeschlossen sind, legt Bruno Decreux seinen Fallschirm an und steigt erneut in das schmale Cockpit der Rafale. Leicht nach vorne gebeugt sitzt der Pilot unter der kleinen Cockpithaube, während das Flugzeug langsam zur Startbahn 19 rollt.
Für die Zuschauer bleibt der eigentliche Start verborgen. Erst als die Rafale hinter dem hohen Gras entlang der Bahn abhebt, taucht sie wieder über dem Flugplatz auf. Die schmale Silhouette zieht ihre erste Platzrunde über Melun-Villaroche, bevor Decreux mit der C.460 zweimal über das Vorfeld fliegt und anschließend wieder zur erfolgreichen Landung ansetzt.

Aufgrund der anspruchsvollen Flugeigenschaften der Rafale gehört ein Fallschirm bei Flügen dazu.
Schnell, empfindlich, anspruchsvoll
"Die Rafale ist ein sehr besonderes Flugzeug mit viel Geschichte", sagt Decreux nach der Landung im Gespräch mit der FLUG REVUE. Gleichzeitig sei die Konstruktion technisch anspruchsvoll zu fliegen. Vor allem die kleinen Tragflächen böten im Notfall kaum Reserven. "Wenn der Motor ausfällt, hat man ein großes Problem", erklärt der Pilot, der auch deshalb mit einem Fallschirm fliegt.
Besonders schwierig sei die stark begrenzte Sicht aus dem Cockpit. Vor allem im Endanflug erfordere die Rafale viel Erfahrung. "Man braucht im Final eine hohe Geschwindigkeit von 110 bis 120 Knoten (200 bis 220 km/h), um das Flugzeug stabil zu halten", beschreibt Decreux. Erst im Bodeneffekt werde die Maschine einfacher zu kontrollieren. Gleichzeitig spüre man die aerodynamische Auslegung der Rafale sofort: "Sobald man etwas Leistung gibt, beschleunigt das Flugzeug sehr deutlich."

Die kleine Cockpithaube und die lange Nase schränken die Sicht aus der Rafale deutlich ein.
Keine Unbekannte
Am Nachmittag hebt der erfahrene Pilot, der in seiner Laufbahn mehr als 200 Muster steuerte, mit der Rafale dann ein weiteres Mal für einen etwa 15-minütigen Flug von der Asphaltpiste ab.
Die heutigen Flüge markieren nicht den ersten Auftritt der Replika in Frankreich. Der Nachbau des Rekordbrechers entstand bereits ab 2007 in den USA für den US-amerikanischen Sammler Tom Wathen. Da nur wenige Unterlagen zum Original verfügbar waren, musste die C.460 weitgehend anhand historischer Zeichnungen und Fotografien rekonstruiert werden. Wie die originale Rafale besteht auch die Replika größtenteils aus Holz, allerdings kommen bei der Außenhaut statt der damaligen Magnesiumbeplankung heute Aluminiumverkleidungen zum Einsatz. Der Erstflug der Replika erfolgte schließlich 2009. Noch im selben Jahr wurde die Rafale auf der Pariser Luftfahrtschau in Le Bourget präsentiert.
Nach ihrer Rückkehr in die USA und einem Besuch in Oshkosh verschwand die C.460 für viele Jahre weitgehend aus der Öffentlichkeit und blieb am Boden. Erst 2023 kaufte Renault die Replika für die eigene Sammlung "The Originals Renault – La Collection". Präsentiert wurde das Flugzeug anschließend unter anderem bei der Premiere des SUV-Coupés Renault Rafale, dessen Name direkt vom historischen Rennflugzeug inspiriert ist.

Die heutige Replika nutzt einen LOM-337-CE anstelle des ursprünglichen Renault-Reihensechszylinders für den Antrieb.
Technische Wiederauferstehung
Bruno Decreux und sein Unternehmen Aéro Restauration Service waren damals selbst an der Abholung des Flugzeugs in den USA beteiligt. Zerlegt wurde die Rafale anschließend in einem Container nach Frankreich verschifft. 2024 entschloss sich Renault schließlich dazu, die bereits rund 50 Flugstunden geflogene Rafale erneut flugfähig aufbauen zu lassen und beauftragte Decreux’ Unternehmen in Dijon mit der technischen Aufarbeitung.
Dabei musste das Rennflugzeug umfassend überprüft werden. Da kein originaler Renault-Reihenmotor mehr verfügbar ist, wird die Replika außerdem von einem LOM-337-CE-Kompressormotor mit passenden Propellern angetrieben. Der Motor, der laut Pilot rund 250 PS leistet, befand sich allein rund acht Monate zur Überholung beim Hersteller. Auch Fahrwerk, Struktur und Systeme wurden kontrolliert, getestet und teilweise modifiziert, bevor die Rafale im Mai 2026 erneut eine Flugfreigabe erhielt und heute unter dem Kennzeichen F-AZBO fliegen darf.

Mit dem heutigen SUV Renault Rafale erinnert der französische Hersteller bewusst an seine Luftfahrtgeschichte.
Nur ein kurzes Comeback
Die nächsten Auftritte der Rafale sollen bereits dieses Wochenende folgen. Bei der Flugshow "Le Temps des Hélices" am 23. und 24. Mai auf dem Flugplatz Cerny–La Ferté-Alais in der Nähe von Paris will Renault die C.460 mit einem Überflug erstmals einem größeren Publikum präsentieren. Auch bei der Air Legend im September in Melun ist derzeit ein weiterer Auftritt geplant.
Anschließend soll die Replika Teil des neuen Renault-Museums "Les Collections" werden, das Ende 2027 in Flins bei Paris eröffnet werden soll. Dort will Renault künftig hunderte historische Fahrzeuge, Kunstwerke, Objekte und Archivdokumente aus der eigenen Unternehmensgeschichte zeigen. Die Rafale soll das einzige Flugzeug der Sammlung bleiben.
Auch wenn die Rafale nur kurz wieder Höhenluft schnuppern durfte sieht Bruno Decreux die Zukunft des Rekordbrechers im Museum dennoch positiv. "Es ist gut, dass das Flugzeug für die Öffentlichkeit zugänglich wird und die Menschen die Möglichkeit haben, es zu sehen", sagt der Pilot und Restaurateur. Angesichts der Bedeutung der Rafale für die französische Luftfahrtgeschichte sei das der richtige Platz für so ein legendäres Flugzeug.





