Das US Marine Corps hat von Lockheed Martin sechs "blinde" F-35B erhalten – Flugzeuge ohne Radar, die stattdessen nur Ballast unterm Radom Spazieren tragen. Diese pikante Tatsache kam vergangene Woche bei einer Anhörung im Luftfahrt-Unterausschuss des US-Senats ans Tageslicht. Der demokratische Senator Mark Kelly, selbst ehemaliger Marineflieger, nahm am 23. Juni den Leiter des F-35-Programmbüros (Joint Program Office, JPO), Lieutenant General Gregory Masiello, in die Mangel.
Stein des Anstoßes war die beschämend niedrige Einsatzbereitschaft der F-35 aller drei Varianten, die nach einem Bericht des US-Rechnungshofs im vergangenen Jahr nur eine "Full Mission Capable Rate" von 25 Prozent erreichte. Das JPO gebe stattdessen eine Rate von 56 Prozent an, so Kelly. "Wir gehen von Ihrer Zahl aus, 50 Prozent. Das heißt, die Hälfte der Flugzeuge ist nicht voll einsatzfähig, und ich glaube, es ist das Marine Corps, das Flugzeuge ohne Radar abnimmt. Stimmt das?"
JPO-Chef Masiello, selbst dem Marine Corps zugehörig, gab daraufhin zerknirscht zu: "Wir haben sechs Flugzeuge für das Marine Corps abgenommen, die kein Radar besitzen. Das ist richtig."
Blinde F-35B für die Marines
Die Version der betreffenden F-35 wurde in der Anhörung nicht ausdrücklich erwähnt. Es handelt sich aber offenbar um Exemplare der kuzstart- und senkrechtlandefähigen Variante F-35B.
Auf die eher ironisch gemeinte Gegenfrage von Kelly, man könne wohl davon ausgehen, dass diese Flugzeuge ebenfalls als "nicht voll einsatzbereit" gelten, entgegnete Masiello, er denke nicht, dass er sie als voll einsatzfähig einstufen würde. Was wiederum Senator Kelly auf die Palme brachte: "Sie sagen, Sie denken nicht. Ich kann mir kein Szenario vorstellen, in dem eine F-35 ohne Radar ein voll einsatzbereites Flugzeug sein könnte."

Die F-35B kann senkrecht landen und wird in den USA nur von den Marines genutzt. Außerdem fliegt sie in Großbritannien, Italien und Japan.
Anpassungen fürs Block 4-Upgrade
Dass Lockheed Martin neue F-35 an die US-Streitkräfte anscheinend ohne Radar übergibt, war bereits im Frühjahr Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Grund dafür sind Verzögerungen beim neuen F-35-Radar AN/APG-85 von Northrop Grumman. Dieses hätte bereits ab Fertigungslos 17 seinen Weg in die Tarnkappen-Kampfjets finden sollen, kommt aber nun serienmäßig wohl erst 2028, mit dem Fertigungslos 20.
Das Problem dabei: Das AN/APG-85 benötigt eine andere Halterung, spezifische Hardware-Peripherie und die Integration neuer Software. Mit diesen Änderungen in der Systemarchitektur des Flugzeugs ist das bislang genutzte AN/APG-81 nicht kompatibel.
"Das APG-81 unterscheidet sich stark vom APG-85, und daher ist die Auslieferung des Flugzeugs in der aktuellen Konfiguration mit einem APG-85-Radar anstelle eines APG-81-Radars eine Herausforderung", kommentierte der US-Politker Rob Wittman aus Virgina, der für die Republikaner im Repräsentantenhaus sitzt, Ende Februar die Problematik gegenüber dem US-Portal Defense Daily. Entscheidend für die Montage in der Flugzeugnase seien bauliche Veränderungen am Schott der F-35: "Man darf nicht vergessen, dass die Schottwandkonfiguration die Ausrichtung des Radars in Bezug auf die Antennenanordnung ermöglicht, und die Ausrichtung der Antennenanordnung ist für die Funktionsweise des Radars von entscheidender Bedeutung", so Wittman.
Die US Air Force hatte die Übernahme radarloser F-35 seinerzeit dementiert.
Einsatz der "blinden" F-35
Die "blinden", Stealth-Jets, von denen zumindest die Marines nun offiziell sechs besitzen, stellen die Einsatzkräfte naturgemäß vor Herausforderungen. Allerdings sind sie, wie Defense Daily im Frühjahr unter Berufung auf einen anonymen Insider notierte, trotz ihrer eingeschränkten Sehfähigkeit nicht komplett nutzlos. Demnach seien F-35 ohne Radar "in der Lage, zu fliegen, solange sie von anderen F-35 begleitet werden, die datenvernetzt und mit dem APG-81 ausgestattet sind", und ihre Informationen über Daten-Links mit den radarlosen Jets teilen.
Ähnlich agierten bereits in den 1980er Jahren die Briten, als sie neue Panavia Tornado ADV zunächst ohne das für dieses Muster vorgesehene Foxhunter-Radar AI.24 von GEC-Marconi in Dienst stellten. Stattdessen füllte die Royal Air Force die Radome der Abfangjäger mit Betonblöcken, die das Gewicht des fehlenden Radars simulierten. Britische Piloten gaben den so präparierten Flugzeugen den Spitznamen "Blue Circle", in Anlehnung an die bekannte Zementmarke.

Die ersten Tornado ADV erhielt die Royal Air Force in den 80ern zunächst ebenfalls ohne Radar. Um den Schwerpunkt beizubehalten, legten die Briten seinerzeit Betonblöcke ins Radom.
Probleme mit dem neuen Radar
Wann das für das Block 4-Upgrade der F-35 vorgesehene AN/APG-85 endlich serienreif wird, steht derweil in den Sternen. Insbesondere das Wärmemanagement des deutlich leistungsstärkeren Radars stellt die Ingenieure offenbar weiter vor Schwierigkeiten. Um seine volle Leistungsfähigkeit auszuschöpfen, benötigt das APG-85 deutlich mehr Kühlleistung, als in aktuellen F-35 zur Verfügung steht – was JPO-Chef Masiello auf Nachfrage von Senator Kelly ebenfalls eingestehen musste: "Die Herausforderung, die ich sehe, besteht darin, dass Block 4 nach seiner Installation im Flugzeug die gesamte verfügbare Leistung beansprucht, nämlich 32 [Kilowatt]. Es geht uns hier wirklich um die Kühlung, um die Kapazität, und es gibt keinen Spielraum, was, wie Sie wissen, kein kluger Weg ist", so Masiello.
Um das Problem zu lösen, versuche man mit einem schrittweisen Ansatz, die Kühlkapazität zu steigern. "Und wir haben ein laufendes Programm, um eine systematischere und kostengünstigere Modernisierung des thermischen Leistungsmanagements im gesamten Programm zu prüfen", schloss der JPO-Vorsitzende sein Statement.





