Am 14. August 2024 kam es bei Colombey-les-Belles zu einem tragischen Unfall, als zwei Rafale-Kampfflugzeuge bei einem Trainingsluftkampf kollidierten und abstürzten. Ein Flugschüler und sein Lehrer kamen dabei ums Leben. Das französische Flugunfalluntersuchungsbüro hat nun seinen Abschlussbericht veröffentlicht und kommt zu einem überraschenden Ergebnis.
Die beiden Maschinen gehörten zur Schulungseinheit Escadron de Transformation Rafale (ETR) 3/4 "Aquitaine" in Saint-Dizier und befanden sich auf dem Rückweg von einem Trainingsflug zur Luftbetankung über Deutschland. Dabei handelte es sich um die Rafale B mit der Seriennummer 350 mit einem Flugschüler und Fluglehrer an Bord und um die Rafale B 356 mit nur einem Piloten im Cockpit. Im Luftraum von Nancy begannen die einen Nahkampf auf Sicht gegeneinander (Basic Fighter Maneuvers).
Die beiden Jets führen in einer Entfernung von etwa 5000 Metern eine Kurve durch, um sich auf gleicher Höhe gegenüberzustehen (Punkt 1 in der Grafik). Die beiden Flugzeuge kreuzen sich (2) und führen jeweils einen Steigflug unter hoher g-Belastung durch, um sich am Höhepunkt einer Schleife erneut Rücken an Rücken zu kreuzen (3). Beim Sinkflug nach der Schleife befinden sich die beiden Flugzeuge auf zusammenlaufenden Flugbahnen (4). Sie führen ein Notausweichmanöver durch, bei dem jeder versucht, das andere Flugzeug links zu lassen, doch damit lässt sich die Kollision nicht verhindern, die in einer Höhe von etwa 3000 Metern eintritt. Dabei wird die Besatzung der 350 getötet. Der Pilot der 356 kann sich mit dem Schleudersitz retten.

Die letzten Sekunden vor der Kollision in der Grafik.
Digitale Steuerung
Die Rafale verfügt über eine digitale Flugsteuerung. Beim Zweisitzer haben die Steuerbewegungen eines Piloten keinerlei Rückkopplung auf den Steuerknüppel des anderen Piloten zur Folge. Die Tandem-Anordnung verhindert zudem die visuelle Wahrnehmung, was das andere Besatzungsmitglied an den Steuerelementen tut. Das hintere Cockpit verfügt über einen Wahlschalter mit zwei Positionen: Die Position "ISOL" sperrt die Flugsteuerung des hinteren Cockpits. Die Position "TWO" aktiviert die Flugsteuerungen an beiden Cockpits. Falls beide Piloten gleichzeitig auf die Steuerungen einwirken, berücksichtigen die Steuergeräte die Befehle beider Cockpits und summieren diese. Dieses Phänomen wird als "Dual Input" bezeichnet.
Doppelte Eingaben problematisch
Das vordere Cockpit verfügt über einen Wahlschalter mit zwei Positionen (FT und RR), mit dem die Priorität der Steuerbefehle entweder dem vorderen Cockpit (Front) oder dem hinteren Cockpit (Rear) zugewiesen werden kann. Dadurch werden die Steuerbefehle aus dem anderen Cockpits unterbunden. "Wird der Prioritätsauslöser im prioritären Cockpit nicht betätigt, werden die über die Steuerungen von beiden Besatzungsmitgliedern erteilten Befehle von den Steuergeräten erfasst und vom Steuergerät summiert, bevor die Steuerbefehle an die Ruder weitergeleitet werden. Ohne Betätigung des Prioritätsauslösers führt beispielsweise eine gleichzeitige Anweisung zur maximalen Rollbewegung nach links durch einen der Piloten und zur maximalen Rollbewegung nach rechts durch den anderen zu einer Anforderung von null Rollbewegung an die Steuerflächen", heißt es in dem Bericht.
Schüler will links, Lehrer rechts
Genau dies war Sekundenbruchteile vor dem Zusammenstoß der Fall: In der führenden Rafale lenkt der Fluglehrer das Flugzeug leicht nach links, während sein Flugschüler eine deutliche Rollbewegung nach rechts ausführt. Der Fluglehrer bewegt daraufhin den Mini-Steuerknüppel bis zum Anschlag nach links, ohne den Prioritätshebel zu betätigen. Es kommt zu einem Dual Input von 1,2 Sekunden Dauer, davon 0,8 Sekunden mit entgegengesetzten maximalen Rollbefehlen. "Während dieser Zeitspanne ist der Flugkurs der führenden Rafale nicht mehr unter Kontrolle", sagt der Bericht. "Wahrscheinlich aufgrund seines Unverständnisses hinsichtlich der Reaktion, die er vom Flugzeug erwartete, insbesondere des Ausbleibens der von ihm befohlenen Rollbewegung nach links, unterbricht der Fluglehrer für 0,9 Sekunden seine Eingriffe am Mini-Steuerknüppel, wodurch der Dual-Input beendet wird." Danach bringt der Ausbilder schließlich den Mini-Steuerknüppel bis zum Anschlag nach rechts und betätigt dabei den Prioritätshebel.
Ursache Dual Input
Doch zu diesem Zeitpunkt war die Kollision wohl nicht mehr abwendbar: "Dadurch verzögert sich die tatsächliche Übernahme der Steuerung durch den Ausbilder um 2,1 Sekunden. Die beiden Rafale-Flugzeuge sind weniger als 250 m voneinander entfernt, als der Ausbilder schließlich – entgegen seinem ursprünglichen Aktionsplan – eindeutig ein Ausweichmanöver einleitet, indem er den Prioritätshebel betätigt. Die führende Rafale erhält schließlich einen Befehl zur Rollbewegung nach rechts, der sie um 66° in die Rollneigung bringt, gefolgt von einem Befehl zum maximalen Steigflug, dessen Auswirkungen jedoch bei geringer Geschwindigkeit bis zur Kollision nur wenig wirksam sind. Es gab in diesen Augenblicken keine Kommunikation bezüglich der Flugbahnsteuerung oder der Ankündigung einer Wiederübernahme der Steuerung zwischen den beiden Piloten. Die Schnelligkeit der Ereignisse und die Schwierigkeiten beider Piloten, die Flugbahnen zu verstehen, können diese fehlende Kommunikation in dieser Notsituation erklären. Dadurch war es nicht möglich, die Absichten innerhalb der Besatzung abzustimmen."
Die Untersuchungskommission empfiehlt in ihrem Bericht die Verbesserung der Ergonomie der Kontrollanzeigen für die Steuerangaben sowohl eine verbesserte Schulung in Bezug auf die Risiken von doppelten Steuereingaben und auf die Geschwindigkeitswahrnehmung bei drohenden Kollisionen.





