Alexander Reissner, CEO von Enpulsion: „Die Lunar Economy wird kommen“

Alexander Reissner, CEO von Enpulsion
„Die Lunar Economy wird kommen“

ArtikeldatumVeröffentlicht am 26.05.2026
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„Die Lunar Economy wird kommen“
Foto: Enpulsion

Enpulsion baut elektrische Antriebe für Satelliten und ist damit in zehn Jahren vom Forschungs-Spin-off zu einem weltweiten Marktführer geworden. Nun holt das österreichische Unternehmen erstmals externes Kapital, um den nächsten Schritt zu machen: vom Komponentenhersteller zum Systemanbieter für Mobilität im Weltraum. Gründer und CEO Alexander Reissner über eine Technologie, die mit 200 Gramm Metall 4000 Stunden Antrieb im Orbit ermöglicht – und darüber, warum der Weltraum schon bald auch industriell genutzt werden könnte.

Herr Reissner, woher kommt Ihre Faszination für Raumfahrt?

Ich bin aufgewachsen mit "Star Trek" und "Star Wars". Als ich in der Volksschule war, kam der Film "Apollo 13" heraus – bei meinem Kindergeburtstag wollte ich den unbedingt mit meinen Freunden schauen, und wir haben diese Mission wochenlang nachgespielt. Raumfahrt beschäftigt mich von klein auf, aber ich habe mir lange nicht vorstellen können, außerhalb von Büchern und Filmen etwas damit zu tun zu haben.

Und wie kamen Sie dann beruflich dazu?

Ich habe Technische Physik an der TU Wien studiert und währenddessen und danach im Forschungszentrum Seibersdorf sowie bei RUAG Space reingeschnuppert. Eigentlich wollte ich eine akademische Karriere verfolgen, aber in Österreich gab es nichts Passendes. Also habe ich Raumfahrttechnik am KAIST in Südkorea studiert, bin mit meinem Professor nach Dresden gewechselt und habe dort abgeschlossen. Anschließend habe ich in Österreich jene Forschungsgruppe übernehmen dürfen, in der ich schon während des Studiums gearbeitet hatte – damals an der FOTEC, der Tochter der FH Wiener Neustadt. Daraus ist Enpulsion als Ausgründung entstanden.

War Ihnen bei der Gründung bewusst, dass sich die kommerzielle Raumfahrt so stark entwickeln würde?

Es war absehbar, dass sich einiges tun würde: Die Technologie war vorhanden, sehr viel kommerzielles Geld floss in den Bereich, und ich war durch viele Forschungs- und Entwicklungs-Projekte mit späteren Kunden früh nah an den Trends. Wie stark sich der Markt aber tatsächlich konsolidieren würde – und dass heute wieder so viel institutionelles Geld in Weltraum-Infrastruktur fließt –, das konnte niemand vorhersehen.

Wer war Ihr erster Kunde?

Iceye – die gibt es immer noch. Sie waren damals auch ein Start-up wie wir.

Sie nutzen die für Ihre elektrischen Antriebe die FEEP-Technologie (Field Emission Electric Propulsion). Wie funktioniert sie – und was ist das Besondere daran?

Als Treibstoff verwenden wir Metall – konkret Indium. Das ist nicht toxisch, nicht brennbar und hat einen niedrigen Schmelzpunkt von rund 160 Grad Celsius. Im Orbit schmelzen wir es und führen es in ein Emissionselement, das man sich wie eine Krone vorstellen kann: jede Spitze porös und extrem fein. Legt man ein elektrisches Feld an, werden Indium-Ionen direkt aus der Flüssigkeit gezogen und mit bis zu 10.000 Stundenkilometern weggeschossen – das erzeugt den Schub. Das Grundprinzip ist einfach: Je schneller ich den Treibstoff ausstoße, desto weniger brauche ich davon. Unsere Technologie erreicht sehr hohe Ausstoßgeschwindigkeiten und ist daher besonders effizient. Dazu brauchen wir keine Druck- oder Gastanks – das macht das System einfacher und sicherer als viele andere Antriebe.

Enpulsion
Wie viel Treibstoff ist an Bord?

Ein kleiner, schuhschachtelgroßer Satellit hat etwa 200 Gramm Indium an Bord. Damit lassen sich rund 4.000 Stunden Antrieb und eine Mission von etwa fünf Jahren unterstützen.

Für welche Satellitengrößen ist die Technologie geeignet?

Besonders stark sind wir bis etwa 100 Kilogramm – Waschmaschinengröße. Dort gibt es kaum sinnvolle Alternativen. Wir bedienen aber zunehmend auch größere Satelliten: Der Micro-Thruster deckt bis etwa 150 Kilogramm ab, die nächste Generation – ein Cluster aus mehreren Einheiten – bis etwa 500 Kilogramm.

Sie wollen sich als holistischer Systemanbieter positionieren. Was bedeutet das konkret?

Kunden sollen nicht nur ein Triebwerk bekommen, sondern eine Lösung: "Sagen Sie mir Ihre Mission – wir schlagen die passende Kombination vor." Dafür werden wir neue Produkte in unser Portfolio aufnehmen. Der erste Schritt ist ein chemisches Antriebssystem, das dieses Jahr noch auf den Markt kommt. Chemische Antriebe reagieren sehr schnell, verbrauchen aber viel Treibstoff. In Kombination mit dem effizienten FEEP-Antrieb ergibt das ein integriertes System – wie ein Hybridantrieb im Auto. Dazu kommen ADCS-Antriebe, also Attitude-Determination-Control-Systeme für die Ausrichtung und Rotation des Satelliten. Alles wird über eine zentrale Schnittstelle steuerbar sein, den sogenannten "Cortex".

Entwickeln Sie diese Systeme selbst oder kaufen Sie zu?

Wir werden Know-how, Teams und/oder Firmen integrieren. Es gibt bereits Lösungen am Markt, die technisch noch nicht unseren Ansprüchen entsprechen, aber mit Investitionen weiterentwickelt werden können. Das ist anorganisches Wachstum – wir wollen Konsolidierung aktiv vorantreiben.

Wie sieht das beim Personal aus?

Aktuell sind wir 70 Mitarbeiter, bis 2030 planen wir 300. Den Hauptstandort mit Technologieentwicklung und Produktion lassen wir in Österreich, aber wir werden dezentrale Präsenz aufbauen – nah bei den Kunden.

Wo wollen Sie international wachsen?

In den USA und Frankreich sind wir bereits aktiv und werden dort ausbauen. Den deutschen Markt wollen wir stärker erschließen – dort wird gerade enorm viel in den Weltraumsektor investiert, und da hilft uns auch unser neuer Investor aus Deutschland. Asien-Pazifik bleibt spannend, weil wir gute Kundenbeziehungen nach Korea und Japan haben.

In welchen Satelliten sind Ihre Antriebe bereits im Einsatz?

Wir sind in einer Erdbeobachtungskonstellation der französischen Raumfahrtagentur CNES vertreten. Für die neue Wettersatelliten-Konstellation Sterna von ESA und OHB Sweden werden wir die Antriebe liefern. Und wir sind auf US-amerikanischen SDA-Missionen [Space Development Agenvy; d. Red.] geflogen – Details kann ich dazu nicht nennen. Wir haben auch schon mit Lockheed Martin zusammengearbeitet.

Welche Rolle spielen militärische Satelliten für Ihr Geschäft?

Das ist ein wesentlicher Treiber des Marktwachstums, aber ich würde es nicht rein militärisch sehen. Es geht um souveräne Infrastruktur – viele Länder, vor allem in Europa, haben sich lange auf bestehende Strukturen anderer verlassen. Jetzt gibt es einen massiven Push, eigene Fähigkeiten aufzubauen. Zivile und militärische Nutzung lassen sich dabei kaum noch trennen. Wir bauen gewissermaßen die Straße – ob ein Schulbus oder ein Panzer darüber fährt, hat nichts mit der Straße zu tun. Wir sehen aber auch, dass Mobilitätsanforderungen heute stärker von Konfliktszenarien geprägt sind: Satelliten müssen nicht nur ihre Mission erfüllen, sondern auch Angriffen oder beabsichtigten Kollisionen ausweichen können.

Sie haben erstmals externes Kapital aufgenommen – vom deutschen Investor Nordwind Growth. Wie kam es dazu?

Wir waren zehn Jahre lang nicht am Kapitalmarkt. Vor über einem Jahr haben wir dann einen professionellen Prozess gestartet: Strukturen geschaffen, das Management aufgebaut, und dann aktiv Investoren gesucht. Der Rücklauf war groß – viele waren überrascht, dass wir als Space-Unternehmen bereits ein funktionierendes Geschäftsmodell vorweisen konnten. Das ist in der Branche nicht selbstverständlich. Am Ende haben wir einen sehr guten Match gefunden.

War es Ihnen wichtig, dass der Investor aus Europa kommt?

Wir haben in Europa und den USA gesucht. Mir ist grundsätzlich der unternehmerische Investorentyp sympathisch: einer, der genau hinschaut, in funktionierende Unternehmen investiert und gezielt beim Wachstum unterstützt – und nicht einer, der auf viele Firmen wettet und hofft, dass eine überlebt. Diesen Fit fand ich eher bei europäischen Investoren. In einer Industrie, in der Zuverlässigkeit und stabile Partnerschaften so wichtig sind, ist das nicht unwesentlich.

Wie wird die Raumfahrt in zehn Jahren aussehen – und welche Rolle spielt Enpulsion dabei?

Ich glaube, sie wird ganz anders aussehen, als wir uns das heute vorstellen. Wir bauen gerade die Infrastruktur auf, die wir in zehn Jahren nutzen werden – von Erdbeobachtung und Kommunikation bis hin zu Treibstoffdepots im Orbit. Die Lunar Economy wird kommen – eine Wirtschaft rund um den Mond. Es gibt Rohstoffe und Möglichkeiten, die eine andere Wertschöpfung erlauben. Auch bemannte Raumfahrt wird eine größere Rolle spielen. Schwere Industrie im Orbit zu betreiben, macht physikalisch oft mehr Sinn als auf der Erde. Das alles ist nicht mehr 30 oder 40 Jahre entfernt – vorausgesetzt, wir lösen die entscheidenden technischen Herausforderungen, vor allem bei Mobilität: Rendezvous, Docking, kooperative Manöver. Technisch ist vieles möglich, aber es fehlen noch die wirklich zuverlässigen Gesamtlösungen. Genau dort sehe ich uns: im Zentrum dieses technischen Backbones. Erst wenn Mobilität im Orbit wirklich verlässlich ist, kann man eine echte Wirtschaft im Weltraum aufbauen.